Enrico de Paruta über "Heilige Nacht" und den umstrittenen Ludwig Thoma

Wie schafft man es, ein Werk tausend Mal auf die Bühne zu bringen und die Spannung zu halten. Enrico de Paruta kennt und spielt Ludwig Thomas „Heilige Nacht“ seit 50 Jahren - seit 30 Jahren in Form des Weihnachtssingens. Das „Münchner Weihnachtssingen“ findet jetzt allein 20 Mal in der Allerheiligen-Hofkirche statt.
AZ: Herr de Paruta, 1993 starb Gustl Bayrhammer, der Ludwig Thomas „Heilige Nacht“ als eine Art Kultveranstaltung jahrelang aufgeführt hat. Was haben Sie von ihm geerbt?
Enrico de Paruta: Gustl Bayrhammer machte im Herkulessaal 17 Jahre das „Bayerische Adventssingen“. Da kamen Volksmusikanten zusammen und er las die „Heilige Nacht“. Er hat den Herkulessaal vier, fünf, sechs Mal gefüllt am Stück. 1993 starb er plötzlich. Und da kam ein Anruf aus Frankfurt von der Veranstaltungsagentur, ob ich einspringen würde. Mit Gustl Bayrhammer hätte ich mich nie messen wollen. Das waren große Fußstapfen.
Also musste man etwas ändern, damit man nicht einfach so tut, als sei nichts geschehen.
Deshalb habe ich gesagt, ich möchte nicht am Tisch sitzen und über einen Brillenrand hinweg lesen. Es war für mich wichtig, mich als junger Mensch hinzustellen, als wäre ich ein Zeitzeuge des Weihnachtsgeschehens. Und die sagten: „Ja, wenn Sie das so wollen, dann sparen wir uns sogar den Tisch.“ Aber als das Ganze näherkam, bekam ich eine Mords-Halsentzündung. Ich habe mich besprühen lassen, gegurgelt, bekam Antibiotika. Am ersten Abend, während ich da sprach, schaute ich auf den Boden und sah eine Lache: von Schweiß.

Sie haben aber weiter gemacht.
Mit wachsender Begeisterung. Und dann kam vor dreißig Jahren der Anruf: „Wir schließen unsere Agentur aus Altersgründen.“ Ich hab mir gesagt: Okay, dann veranstalte ich das selber. Ich hatte keine Ahnung, wie man etwas produziert, wie man etwas veranstaltet. Und musste Lehrgeld zahlen. Dann tauchte eine Agentur auf, die im Portfolio Haindling, Spider Murphy Gang, Münchner Freiheit, Relax hatten - und jetzt merkwürdigerweise auch eine Weihnachtstournee mit mir machen wollten. Da habe ich kapiert, wie man organisiert, veranstaltet, Werbung macht, plakatiert und wo man was macht. Und nachdem ich es selbst übernommen habe, habe ich das „Weihnachtssingen“ immer weiterentwickelt.
Ludwig Thomas Text plus Musik. Was kann man denn da addieren?
Ich habe sehr bald die „Heilige Nacht“ nicht mehr mit reiner Volksmusik ausgestattet. Thoma selbst wollte eigentlich daraus ein Krippenspiel mit Musik vom Oberpfälzer Komponisten Max Reger entwickeln - also damals zeitgenössische Klassik. Das hat mir immer zu denken gegeben. Und ich habe bald Klassik mit einbezogen und es immer weiter gedreht geformt. Heute gibt es Volksmusik, Weltmusik, Hochklassik bis hin zu Kinderliedern, Weihnachtsliedern.

Wenn man alle Aufführungen zusammenzählt, kommen Sie vielleicht auf 1000 Aufführungen.
Also die ersten Jahre hat mich die Agentur im Advent 40 Mal in Bayern auftreten lassen. Heuer machen wir es so 20 Mal.
Wie bewahrt man sich da die Motivation?
Es ist zwar ein fester Text im Versmaß, aber ich spreche es, als würde es mir im Moment einfallen. Das können Sie nur dann, wenn man es innerlich immer wieder für sich neu mitdenkt, mitempfindet mit anderen Akzenten.
Verschrecken Thomas sozialistische Ideen?
Was ist Ihnen dabei immer wichtig?
Ich sehe neben dem religiösen den sozialen Aspekt als besonders wichtig. Zwei Menschen ziehen von einer Stadt in die andere, wollen aufgenommen werden, suchen Logis, suchen Herberge - und sie werden abgelehnt, verspottet, verstoßen. Ein aktuelles Thema.
Aber Sie wollen ja mit Thoma’s sozialistischen Ideen niemanden verschrecken.
Nein, natürlich nicht. Wir machen auch kleine Spielszenen, reflektieren oder schauen nach vorne. Ich habe aus den Bethlehemiten ganz normale, heutige Bürger gemacht, wie sie hetzen und das Paar mit Hass überschütten. Diese Betroffenheit ist Thoma auch wichtig gewesen.
Nun war Thoma selbst auch ein Hetzer mit antisemitischen Kolumnen.
Ja, und davon distanziere ich mich klar. Aber warum schreibt Thoma gleichzeitig auch so etwas Intimes, Warmes, Spirituelles? Er hatte sich mit wehenden Fahnen in den Ersten Weltkrieg gestürzt und kommt zurück und hat diese Bilder von seinem Sanitätsdienst im Kopf, die man wahrscheinlich nie wieder löschen kann. Jetzt sitzt er in seinem einsamen Landhaus in Rottach-Egern, die Ehefrau ist auf und davon, seine Geliebte sitzt in Frankfurt, kommt aus der Ehe nicht raus. Seine Mutter, zu der er eine enge Beziehung hatte, ist tot. Und er, der Satiriker, der ein Leben lang mit spitzester Feder Gott und die Welt kritisiert hat, durch den Kakao gezogen hat, wird richtig bitter. Ich kann’s mir nur so erklären. Und so schreibt er auf der einen Seite seine anonymen Hetzartikel im „Miesbacher Anzeiger“ - ein Machwerk, das ich, wenn man’s überhaupt vergleichen kann, so sehe wie heute die Hass-Postings auf Social Media, mit denen man sich anonym heraustraut.

Und gleichzeitig gibt es - wie in der „Heiligen Nacht“ - eine weiche Seite.
Ja, es ist diese Sehnsucht nach dem Weihnachten seiner Kindheit - mit seinem Großvater, dem Oberförster in Vorderriß. Wo er diesen Dialekt hört, wo noch „die heile Welt“ war, er durch den Schnee stapft, die Mutter noch da war. Und in diese Kindheit versetzt er sich immer, immer wieder - und schreibt in mehreren Schaffensprozessen die „Heilige Nacht“, schreibt sich seine ganze Einsamkeit, seine ganze Sehnsucht vom Herzen. Er hat hier nichts Antisemitisches hineingeschrieben. Er hat die Kirche außen vor gelassen, die ja auch immer wieder ein beliebtes Angriffsobjekt war. Auch die Politik hat er draußen gelassen.
Und trotzdem mit dem sozialkritischen Aspekt doch kein unpolitisches Stück geschrieben.
Absolut. Er hatte offensichtlich wirklich - wie man heute sagen würde - multiple Persönlichkeiten.
Was machen Sie denn mit dem Dialekt? Kann man den noch voraussetzen beim Publikum?
Wir haben das Werk sogar mal in Berlin aufgeführt. Es war eine Aufführung für Kunden und Geschäftsfreunde von BMW. Und es hat funktioniert. Man kennt ja das Weihnachtsevangelium nach Lukas und Thoma hat das halt einfach auf seine Art erweitert. Und wenn man einfach mal zwei, drei Begriffe oder Ausdrücke nicht versteht, ändert das ja nichts.
Ein wunderbarer Kunstdialekt und das Edelbairisch der Münchner
Thoma hat ja in einen Kunstdialekt geschrieben.
Also er hat das, was er von seinem Großvater gehört hat - dieses Bayerische, das man zwischen Salzburg und Lenggries gesprochen hat - genommen, aber hat aber auch fränkische Begriffe reingetan, hat auch Oberpfälzisch ein bisserl drin und Schwäbisch. Es ist wie Musik. Aber natürlich ist das alles viel bairischer als unser „Edelbairisch“ in München.
Alles, was Sie erzählen, ist das Gegenteil: Aber kann man die ganze Sache nicht auch grässlich verkitschen?
Natürlich. Ich versuche daher auch, die Gratwanderung zu bewältigen. Aber Thoma gibt das in seinem Text selbst vor: Er war ja ein treffsicherer Komödienschriftsteller und unglaublicher Dramatiker. Immer dann, wenn es drohte ins Sentimentale abzugleiten, bringt er einen Schmunzler. Kippt er das Ganze, macht er einen Cut und setzt eine Pointe durch irgendeine Nebenbemerkung. Oder man schafft einen Punkt, an dem die Leute sich wieder zurücklehnen und das Gesagte verdauen können. Rührseligkeit und Berühren sind ja zwei verschiedene Dinge.

Was war Ihre eigene erste Begegnung mit dem Text?
Das geht zurück in meine Jugend. Während andere Fußball spielten, war ich Nachmittag alleine zu Hause mit meiner Fantasie und habe immer Theater gespielt. Ich wollte Moderator werden, Schauspieler, arbeiten im Fernsehen oder Radio. Nachdem meine Eltern sagten: „Du lernst erst mal einen anständigen Beruf“, hab ich mit 15 Jahren gejobbt, Aktendeckel gestempelt, um mir meinen Schauspielunterricht zu finanzieren. Ich hatte erfahren, dass im Sankt-Anna-Gymnasium Rhetorikkurse gegeben werden. Fünf Mark kostete für Schüler ein Seminar mit zehn Abenden. Ich hab ein Seminar nach dem anderen bei der Schauspiellehrerin und Sprecherzieherin Edeltraud Mertel belegt.
Die ergreifende Szene mit der Lehrerin
Und da wurde die „Heilige Nacht“ besprochen?
Nein, aber mein Chefsprecher beim BR hat mir einige Zeit später gesagt, ich müsste mich - bei Volksmusiksendungen - mit meinem Dialekt mehr anpassen, dieses Münchnerische sei zu verwaschen. Ich habe dann Einzelunterricht wieder bei Frau Mertel in Bogenhausen genommen - mit bairischer Literatur rauf und runter, von Oberpfälzer bis zum Allgäuer Dialekt, alles. Und dann kam sie eines Tages mit der „Heiligen Nacht“.
Und wo haben Sie es dann zum ersten Mal aufgeführt?
Eines Tages kam ich wieder zu Frau Mertel und sagte: „Ich war übrigens jetzt im Altenheim in Höhenkirchen und hab die ,Heilige Nacht’ gelesen.“ Sagt sie: „Oh, toll.“ Sag ich: „Ja, und die Leute sind alle eingeschlafen. Ich muss es unbedingt anders machen! Ich muss mich hinstellen und es auswendig sprechen.“ Sagt sie: „Das darf man nicht. Es ist ein Lesetext!“ Sag ich: „Aber jetzt lassen’S mich doch das mal machen.“ Und ja, nach einem Jahr war es dann soweit.
Und wie hat Sie es empfunden?
Sie ist nicht hingegangen. Wir haben uns aber immer an Weihnachten gesehen. Und dann besuchte ich sie das letzte Mal an Weihnachten im Altenheim, und sie gibt mir eine Mappe und sagt: „Schauen Sie, das sind alles die gesammelten Kritiken von Ihrer ,Heiligen Nacht’.“ Das war für mich der Moment, wo ich merkte, dass sie sich geirrt und es akzeptiert hat, dass sie es vielleicht sogar doch bewundert hat, was ich mache - und mir sind die Tränen gekommen. Das war für mich ein wahnsinniges Erlebnis. Ihr habe ich den gesamten Erfolg zu verdanken. Sie hat den Anfang gesetzt.
Allerheiligen-Hofkirche,
Residenz, 10. bis 16. Dezember,
Karten: muenchenticket.de