Elvis Costello: Singende Enzyklopädie

Von Jazz bis zu wildem Ein-Mann-Rock: Elvis Costello beweist auf "Hey Clockface" seine verblüffende stilistische Vielseitigkeit.
| Dominik Petzold
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Der britische Musiker Elvis Costello.
Der britische Musiker Elvis Costello. © dpa

Elvis Costello ist ein Pop-Enzyklopädist in Theorie und Praxis. Den theoretischen Aspekt kann man in der wunderbaren Serie "Spectacle" sehen - in Teilen kostenlos auf Youtube: Da interviewte der mit stupendem Hintergrundwissen ausgestattete Musiker Kollegen aus verschiedenen Genres zu deren Werk und Leben: Smokey Robinson, Elton John, Bruce Springsteen, Herbie Hancock, Tony Bennett, The Police - und den politisierenden Saxophonisten Bill Clinton.

Elvis Costello: Stilübergreifendes Wissen praktisch-kreativ

Costello kann sein stilübergreifendes Wissen aber auch praktisch-kreativ einsetzen. Unter den großen Pop-Songwritern gibt es keinen vielseitigeren. So hat er Alben mit Künstlern der unterschiedlichsten Genres aufgenommen: Easy-Listening-Pop (Burt Bacharach), New-Orleans-Soul (Allen Toussaint), Hip-Hop (The Roots) und sogar Klassik (Brodsky Quartett, Anne-Sofie von Otter). Und auch jedes Solo-Album war stets eine andere Angelegenheit als das letzte: Schon früh in seiner Karriere spielte Costello mal New Wave (1979), dann Soul (1980), dann Country (1981), dann beatlesquen Pop (1982). Und so ging das immer weiter.

In "Hey Clockface" werden unterschiedliche Ansätze gemischt

Jetzt, auf dem neuen Album "Hey Clockface", kann Elvis Costello gar nicht mehr an sich halten. Da mischt er die unterschiedlichsten Ansätze und montiert die Ergebnisse aus drei Sessions. Die wildesten Songs entstanden in Helsinki, wo er nur mit sich selbst rockte: mit Drum Machine, E-Gitarre, Orgel und etwas elektronischem Gedöns. Auf seinem großartigen Album "When I Was Cruel" (2002) hatte er das auch so gehalten, und entsprechend ähnlich sind die Ergebnisse. "No Flag" ist der aufregendste Song des Albums. Eine andere Solo-Nummer ist weniger Komposition, sondern eher Ein-Mann-Jam-Session mit der (wohl digitalen) Bandmaschine: Auf "Hetty O'Hara Confidential" montiert Costello elektronisches und analoges Gezirpe, legt einen Proto-Rap in Gedenken an Chuck Berry hin und lässt all die rotzige Energie eines 66-Jährigen raus.

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Die New Yorker Aufnahmen sind das Gegenprogramm: Da überließ Costello die Musik ganz dem Jazz-Trompeter und Produzenten Michael Leonhart, der unter anderem die Gitarristen Nels Cline und Bill Frisell dazu bat. Die atmosphärisch dichten Aufnahmen "Newspaper Pane" und "Radio Is Everything" schickte Leonhart an Costello, der dazu sang.

Hauptteil des Albums in Paris entstanden

Der Hauptteil des Albums entstand in Paris, wo Costello an zwei Tagen neun Songs aufnahm: mit seiner rechten Hand, dem Piano-Virtuosen Steve Nieve, sowie drei hochklassigen französischen Session-Musikern an Blasinstrumenten, Cello und Percussion. Das Ergebnis mit dieser so ungewöhnlichen Besetzung ist so warm und wohlklingend wie stilistisch bunt.

Typisch Costello sind die Balladen: "Bygone", "The Whirlwind", "The Last Confession Of Vivian Wood" und das jazzigere "I Do (Zula's Song") klingen höchst gediegen, "They're Not Laughing At Me Now" mit Lowrey-Orgel und Flügelhorn nervös-zerbrechlich.

Mit "Hey Clockface/How Can You Face Me?" erweckt Costello eine Nummer des Jazz-Pianisten Fats Waller zum flotten Leben. "I Can't Say Her Name" ist ein originell intonierter Western Swing mit einer Scat-Gesangseinlage am Ende.

Costellos Stil-Palette reicht bis zu arabischen Klängen

Diese Stil-Palette zieht Costello mit zwei Spoken-Word-Nummern noch größer: Die erste eröffnet das Album mit arabischen Klängen und dem Blasinstrument Serpent, und zwar unter dem Titel "Revolution #49". Spielt er auf die Beatles-Collage "Revolution 9" an, um zu signalisieren, dass es stilistisch ähnlich bunt wird wie auf dem Weißen Album?

Eine programmatische Formel enthält auch "Radio Is Everything", die zweite gesprochenen Aufnahme: "They say I have a perfect face for radio and a trumpet for listening". Sein Gesicht sei perfekt fürs Radio, sagt der lustige Brite, und man hofft, dass seine Ehefrau Diana Krall ihn da ab und an beschwichtigt.

Dass er irgendeine besondere Gabe fürs Zuhören hat, steht freilich außer Frage. Und es fasziniert immer wieder, wie er dank all der Einflüsse, die er aufsaugt, originelle eigene Musik schafft.


Elvis Costello: "Hey Clockface" (Concord Records/Universal)

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