Elton John in der Olympiahalle in München

Der Abschied dieses Mannes dauert länger als manche gesamte Popkarriere: Elton John auf Farewell-Tournee in der Olympiahalle
| Dominik Petzold
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„Still Standing“: Elton John live in München Olympiahalle.
Jens Niering „Still Standing“: Elton John live in München Olympiahalle.

Bam! Ein Anschlag, Pause, Jubel. Elton John ist in der Olympiahalle, um sich zu verabschieden. Aber erst mal sagt er donnernd Hallo. Mit einem einzigen Akkord, bei dem jeder sofort weiß, was hier gespielt wird: „Bennie and the Jets“! Viele Zuschauer hatten sich gerade erst wieder gesetzt, nachdem sie Elton John mit Standing Ovations auf der Bühne begrüßt haben. Jetzt, nach dem ersten Anschlag in diesem Konzert, springen sie schon wieder von ihren Sitzen auf. Sie werden das noch Dutzende Male tun.

Auf und nieder, immer wieder. Dazwischen: frenetischer Applaus

Der Megastar muss nach den Liedern nur kurz aufstehen und die Arme heben, und die 11 500 Besucher werden sich ebenfalls erheben, jubelnd und applaudierend. Bald schon kann Elton auch sitzen bleiben, die Routine hat sich schnell etabliert: Song, Standing Ovations, ein weiterer Song, Standing Ovations. Aber er spielt hier ja nicht einfach nur einen sehr beherzten Auftritt, sondern das erste von zwei Münchner Abschiedskonzerten.

Seit September vergangenen Jahres ist er auf seiner epischen „Farewell Yellow Brick Road“-Tour. Und da er kein Wald-und-Wiesen-Superstar ist, sondern Sir Elton und seit einem halben Jahrhundert pausenlos an der Spitze, dauert es nun mal seine Zeit, bis er sich von all seinen Fans verabschiedet hat: drei Jahre, genau genommen. Länger als die meisten Pop-Karrieren.

Die Songs werden auf Riesenleinwand von Künstlern illustriert

Und der Abschied hat ihn sichtlich motiviert. Die Produktion ist die aufwendigste seiner Karriere. Auf der riesigen Leinwand sind allerhand kleine Kunstwerke zu sehen: Bilder von Starfotograf Martin Parr (bei „I Guess That’s Why They Call It The Blues“) oder Kriegsszenen bei „Daniel“, die daran erinnern, dass die schöne Ballade von einem erblindeten Vietnam-Heimkehrer handelt. „Someone Saved My Life Tonight“ wird von einem witzigen Comic im Stil der Siebziger illustriert, bei dem Eltons zeitgenössischer „Captain Fantastic“-Alter Ego in eine Kugel steigt und in einem Flipper wild hin- und hergeschossen wird: So darf man sich also Eltons Superstar-Leben in den Siebziger Jahren vorstellen.

Die Bilder auf der Leinwand rücken die Musik manchmal in den Hintergrund, insbesondere ein Kurzfilm von David LaChapelle: Der stellt die berühmte letzte Fotosession von Marilyn Monroe mit Bert Stern nach. Marilyns faszinierend ähnliches, leicht oder auch gar nicht bekleidetes Double schaut mal lasziv-erotisch in die Kamera, mal verweint-zerbrechlich. Da wird Elton Johns Huldigung an die Diva, „Candle in the Wind“, fast zur untermalenden Filmmusik.
Elton hat sichtlich viel mehr Spaß an dieser Show als bei seinem letzten, doch sehr routiniert abgespulten München-Konzert 2016. Er spielt nicht nur die Hits, sondern auch viele unbekanntere Stücke. Anstatt den „Crocodile Rock“ zu kopfsingen, bringt er das tolle „All The Girls Love Alice“, singt „Border Song“, die erste Single seines Durchbruch-Albums von 1970, oder das schrullig-exzentrische Duo-Stück „Indian Summer“. Da zeigt Elton an seinem in ein Flügelgehäuse verpackten E-Piano, was für ein dynamischer Musiker er ist.

Und der legendäre Percussionist Ray Cooper, musikalischer Partner von Eric Clapton, George Harrison, den Stones und seit 1974 eben auch Elton, hat seinen ersten großen Auftritt. Die gesamte erste Etage der zweistöckigen Bühne gehören ihm und seinen Trommeln, hier zieht der markante Glatzkopf mit der Sonnenbrille seine eigene Show ab. Jeder Schlag eine große Geste, die Mimik ausdrucksstark – Ray Cooper könnte auch in Stummfilmen locker bestehen. So entwickelt er sich mehr und mehr zum bejubelten Co-Star.

Der Ton ist übersteuert in der akustisch schlechten Halle

Auch die anderen fünf Musiker, darunter ein zweiter Percussionist, sind kompetente Musiker. Doch der Sound lässt zu wünschen übrig: Der Weltstar muss sich in München, das wohl bald Stadt von zwei Konzertsälen für klassische Musik sein wird, in der Olympiahalle mit ihrer schlechten Akustik verabschieden. Allerdings wäre sein Tontechniker auch gut beraten gewesen, die Band nicht dermaßen laut auszusteuern. Im Hall der Sportarena geht manches unter. Etwa die schnellen Läufe von John Jorgenson, der für den von Rückenschmerzen geplagten Gitarrist Davey Johnstone eingesprungen ist. Jorgensons Solo bei „Levon“, das er am Ende in das Riff von „Day Tripper“ überführt, säuft weitgehend ab. Wie schön ist da die leise, wohlklingende Passage am Ende von „Rocket Man“, als Jorgenson und Bassist Matt Bissonette schöne kleine Motive über Eltons Arpeggios streuen.

Es scheint: Elton John will über sein Frühwerk erinnert werden

Aber trotz des durchwachsenen Sounds machen diese Songs natürlich dennoch viel Spaß: „I Guess That’s Why They Call It The Blues“ mit schönen Blue Notes und etwas Soul-Shouting am Ende, „Tiny Dancer“ mit einer zauberhaften Steel Guitar, oder das rockende „Love Lies Bleeding“ von Eltons berühmtestem Album „Goodbye Yellow Brick Road“ von 1973, das der Abschiedstour den leicht abgewandelten Namen gibt. Ohnehin will Elton offenbar über sein prägendes Frühwerk erinnert werden: Fast das komplette Programm besteht aus Songs der ersten Hälfte der Siebziger.

Die Show endet mit „Don‘t Let The Sun Go Down On Me“, „I‘m Still Standing“ und „Saturday Night‘s Alright For Fighting“. Am stürmischsten ist der Applaus aber nach einer kurzen Ansprache: „I‘m so sick of Brexit“, sagt Sir Elton und ruft stürmisch: „I’m a European!“ Auch anlässlich seines Abschieds findet er die passenden Worte: Er habe so viel Applaus erhalten, dass es für tausend Leben reichen würde, sagt er. Aber er werde ihn vermissen, wie seine Fans. Von denen verabschiedet er sich im Bademantel und mit Herzchen-Brille, seinem dritten Outfit des Abends, und mit den beiden Zugaben „Your Song“ und „Goodbye Yellow Brick Road“. Dann steigt er auf eine kleine Bühne und fährt auf einer Schiene nach oben, den schrägen Vorbau der Großleinwand entlang. Er lächelt freundlich, winkt auf seiner unendlich langsamen Fahrt in Richtung Himmel und verschwindet schließlich hinter der Leinwand. Ist das nun die angedeutete Apotheose des Elton John? Oder doch der britisch-humorige Abgang des 72-Jährigen in einem Gefährt, das stark an einen Treppenlift erinnert?

Weder noch. Auf der Leinwand übernimmt dann im abschließenden Film ein Elton-Abbild, betritt die „Yellow Brick Road“, wie auf dem Albumcover von 1973, und geht einem quietschgelben Horizont entgegen, in dem er verschwindet: Elton John zieht sich zurück, es bleiben die Legende, die Musik, die Alben. Und bald noch mehr.

Die Zuschauer haben gerade Servus zu ihm gesagt, da werden sie daran erinnert, dass das Elton John-Jahr ja gerade erst begonnen hat: Vor der Olympiahalle verweisen Plakate auf den Kinostart des Biopic „Rocketman“ diesen Donnerstag. Und ab Oktober kann man in der Autobiographie „Ich, Elton John“ lesen, wie all die wunderbaren Songs entstanden sind.     
  
Am 5. Juli spielt Elton John ein zweites Konzert in der Olympiahalle, Karten sind im Moment nicht verfügbar
 

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