Eine Show stößt an ihre Grenzen: Lang Lang in der Isarphilharmonie
Für ein gehöriges Maß an musikalischer Show ist Lang Lang immer gut. Das ist eine nicht zu verachtende Qualität. Denn das Publikum, das der chinesische Pianist typischerweise für ein Solorezital versammelt, ist beeindruckend vielschichtig. Begeisterte Fans, manche von ihnen noch Kinder, bringen am Schluss Geschenke, die er, nicht ohne sich artig dafür zu bedanken, von der Bühne aus entgegennimmt.
Ein Großteil des breitgefächerten elektronischen Piepens, das zur vollen Stunde ertönt, rührt vermutlich von Leuten her, die klassische Konzerte nicht gewohnheitsmäßig besuchen und vergessen haben, die Benachrichtigungstönen ihrer Handys auszuschalten.
Wenn Lang Lang das Show-Element phasenweise ein wenig reduziert, äußert sich nachlassende Aufmerksamkeit umgehend in verstärktem Langeweile-Husten, das sich über sämtliche Himmelsrichtungen der Isarphilharmonie erstreckt.
Das Spanische liegt Lang Lang weniger
Besonders die lieblichen Stücke aus der „Suite espanola“ von Isaac Albéniz stellen die Konzentration vieler Hörerinnen und Hörer auf die Probe, zumal Lang diese Salonstückchen eher unscheinbar vorträgt: Statt mit schnarrenden Konsonanten und offenen Vokalen gleichsam das rhetorische Element zu schärfen, ebnet er die Bilder „Granada“, „Cataluna“ und „Sevilla“ im flachen Dauerlegato ein. Südländisch stolzes Flair, ein spanisches Idiom kann sich so nicht einstellen.
Dazu kommt, dass Lang Lang sein Publikum vorher schon im Wiener klassischen Programmteil an ein Übermaß von Schauwerten gewöhnt hat. Die gleichmäßige Bewegung des diskreten Rondos D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart hält er mehrfach fast an, als ob er eine ausgiebige Kadenz einfügen wollte, die aber dann nicht kommt.

In zwei Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven geht er förmlich auf die Suche nach besonderen Stellen, wenn er etwa die Basstremoli in der Sonate Nr. 8, der „Pathétique“, mit plötzlichen Sforzato-Akzenten durchsetzt, die aber keine echte Steigerung des aufgewühlten Effekts verursachen, sondern nur einen hysterischen Ausbruch. Grobe Triller in der linken Hand machen gar in der späten Sonate Nr. 31 As-Dur die rechte Hand vorübergehend unhörbar.
Hier ist die pianistische Show am rechten Ort
Ist das tatsächlich so gewollt? Schließlich hatte Lang Lang vor gut zehn Jahren mit einer Sehnenentzündung ausgerechnet in der rechten Hand zu schaffen.
Bizarre Momente wie diese hebt Lang Lang stets geradezu pädagogisch hervor, indem er während des Spiels manchmal beide Arme theatralisch in der Luft verharren lässt. Das wirkt dann so, als ob er nicht die vollständige Architektur des Werks vorstellen, sondern mit willkürlich geführtem Scheinwerfer bloß Teile des Baus ausleuchten würde. Zumindest an diesem Abend ist Lang Lang nur bei Franz Liszt ganz in seinem Element.
Die „Tarantella“ aus „Venezia e Napoli“, dem Anhang zum zweiten Band der „Années de Pèlerinage“, löst er im furiosen Finale in schnelle, leichte Repetitionen wie von Schmetterlingsflügeln und in spinnennetzfeines Tastenflirren auf. Hier ist die pianistische Show am rechten Ort, weil sie den Werken einkomponiert ist. Mozart und Beethoven hingegen würde man lieber nicht durch die Liszt´sche Brille gesehen präsentiert bekommen.

