Eine Idee, deren Zeit gekommen ist

Der Gründer der Taschenphilharmonie über Konzerte unter Corona-Bedingungen und Symphonien im Kleinformat
| Georg Etscheit
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Peter Stangel und die Taschenphilharmonie.
Astrid Ackermann Peter Stangel und die Taschenphilharmonie.

Der Dirigent und Komponist Peter Stangel, Gründer der Münchner Taschenphilharmonie, ist ein Pionier des symphonischen Mini-Formats. In Pandemie-Zeiten erfreuen sich seine Bearbeitungen großer Werke von Beethoven bis Mahler wachsender Beliebtheit.

AZ: Herr Stangel, hätten Sie sich träumen lassen, dass mit der Corona-Pandemie das symphonische Taschenformat gewissermaßen die Klassikszene bestimmen würde?
PETER STANGEL: Nein, sicher nicht. Und Sie werden verstehen, dass ich mich darüber nicht freuen kann. Viele meiner Musikerkollegen sind arbeitslos und wissen nicht, wie sie die kommenden Monate überstehen sollen.

Was meinen Sie, wie lange wird es dauern, bis sich das Musikleben normalisiert hat?
Ich fürchte, dass es große Konzerte in vollen Sälen erst dann wieder geben wird, wenn ein Impfstoff gegen Covid-19 zur Verfügung steht und ein großer Teil der Bevölkerung gegen die Krankheit immunisiert ist. Normale Konzerte, wie wir sie bislang gekannt haben, erwarte ich frühestens wieder im Herbst 2021.

Und bis dahin müssen wir uns mit kleinen Formaten zufriedengeben, wie Sie sie zusammen mit der Taschenphilharmonie mit entwickelt und propagiert haben…
Wenn Sie sich meine Bearbeitungen großer symphonischer Werke für ein kleines Ensemble von maximal zwanzig Musikerinnen und Musikern anhören, dann ist der Verlust an Klanglichkeit gar nicht so groß, wie man denkt. Im Gegenteil, der Gewinn an Transparenz wiegt das geringere Klangvolumen meines Erachtens völlig auf und ermöglicht ganz neue Einblicke in altbekannte Werke. Mein Ziel ist es, mit höchstens zwanzig Leuten den Klang eines 60-Mann-Orchesters so nachzuahmen, dass man es nicht hört. Es soll klingen wie großes Symphonieorchester bei maximaler Transparenz.

Sie haben sogar Mahler-Symphonien mit Ihrer Taschenphilharmonie aufgeführt. Kann man die riesigen, von Mahler geforderten Klangkörper wirklich auf eine Handvoll Musiker reduzieren?
Das geht erstaunlicherweise tatsächlich, was an Mahlers Art der Instrumentierung liegt. Wir haben 15 Jahre lang in jeder Saison neue Werke in unserer kleinen Besetzung aufgeführt, alle Beethoven-Symphonien außer der Neunten, zwei von Brahms, dazu seine Akademische Festouvertüre und die Haydn-Variationen, Schumanns Vierte, Mendelssohns Vierte, Mozart, Haydn und Schubert rauf und runter. Und sogar von Richard Wagner das Tristan-Vorspiel und den Liebestod, wohlgemerkt mit gerade einmal zwanzig Instrumentalisten. Und aus unserem Publikum hörten wir immer wieder, dass der Unterschied zwischen dem, sagen wir, Taschenbuchformat und dem gebundenen mit Goldschnitt oft nur schwer wahrzunehmen sei.

Geht das auch mit Bruckner?
Nein, Bruckner widersetzt sich der Schrumpfung. Das liegt vor allem an den vielen Tremolo-Passagen. Diese Klangflächen kann man mit einem Mini-Ensemble nicht erzeugen, das klingt dann wirklich nach Corona. Es gibt zwar eine Bearbeitung von Bruckners Siebter durch Hanns Eisler und Erwin Stein, die man sich auch auf CD anhören kann: Für mich ist die eher peinlich. Allerdings habe ich Bruckners einziges Streichquartett für Kammerorchester bearbeitet. Und das klingt sogar interessanter als das Original, finde ich jedenfalls.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee Ihrer Taschenphilharmonie?
Als junger Kapellmeister in Heidelberg durfte ich mal in der dortigen Universitätsaula ein kleineres Konzert dirigieren. Jung und hungrig, wie ich war, wollte ich mich natürlich austoben und stieß auf eine Bearbeitung von Mahlers Symphonie Nr. 4 aus dem Wien der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Stein war Mitglied des „Vereins für musikalische Privataufführungen“ von Leuten aus dem Schönberg-Umfeld und Schönberg selbst, die mit ihren Bearbeitungen die damals neue Musik fördern wollten, Debussy, Ravel, Mahler und viele andere. Ich fand das ganz wunderbar, was dieser Verein gemacht hat, weil da nichts wabert, alles ist so durchhörbar. Als Musiker, der klare Strukturen liebt und jeden Bombast ablehnt, erschien mir das geradezu ideal.

Stein und die anderen Bearbeiter aus dem „Verein für musikalische Privataufführungen“ arbeiteten auch viel mit Harmonium und Klavier, um der Musik doch eine gewisse Dichte zu geben. Es gibt da zum Beispiel sehr reizvolle Bearbeitungen von Strauss-Walzern.
Ja, da haben sie vielleicht ein wenig gemogelt. In meinen Bearbeitungen gibt es keine Harmonieinstrumente, nicht zuletzt auch aus logistischen Gründen. Für das, was die Aufstellung eines Flügels kostet, kann ich gut und gerne vier, fünf Solisten zusätzlich beschäftigen.

Sie müssten doch jetzt eine verstärkte Nachfrage nach ihren Bearbeitungen verzeichnen. Schließlich gelten die strengen Abstandsregelungen infolge der Pandemie ja auch für die Künstler auf der Bühne oder im Orchestergraben.
In der Tat. Ich stehe beispielsweise in Kontakt zu den Berliner Philharmonikern und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Ist es für die Musiker nicht sehr ungewohnt, auf Abstand zu spielen? Leidet darunter nicht der Ensemblegedanke?
Natürlich wollen die Musiker am liebsten so eng zusammen sitzen und musizieren wie es geht. Aber das sind Profis, die sich mit angemessener Probenzeit auch auf größere Abstände untereinander einstellen können. Doch das eigentliche Problem sehe ich auf der anderen Seite des Saales.

Und das wäre…?
In der Allerheiligen-Hofkirche, wo wir mit der Taschenphilharmonie oft aufgetreten sind, gibt es 400 Plätze. Wenn zwischen jedem Zuhörer ein Abstand von 1,50 Metern eingehalten werden muss, bleiben noch 80 übrig. Für private Veranstalter ist das völlig unrentabel. Das geht nur, wenn die Basisfinanzierung gesichert ist, also bei staatlichen oder kommunalen Ensembles. Und da wären Taschenbearbeitungen vorübergehend sicher eine gute Möglichkeit, auch das symphonische Kernrepertoire zu pflegen.

Was halten Sie von den derzeit praktizierten Klassik-Livestreams, solistisch oder im Duo?
Klassik am Computer ist Mist, verzeihen Sie das starke Wort, es klingt einfach nicht gut. Außerdem geht man ja nicht nur wegen des sinnlichen Genusses eines vollen Klangs ins Konzerthaus, sondern auch wegen des Gemeinschaftserlebnisses inklusive der Pausenpromenade. Ein öffentliches Konzert ist durch nichts ersetzbar. Leider ist das Gros des Klassikpublikums über 60 Jahre alt und zählt damit zur Corona-Risikogruppe. Ich glaube nicht, dass sich diese Leute den möglichen Ansteckungsgefahren in einem vollen Saal aussetzen werden, bevor es eine Impfung gibt.

Und wenn eine funktionierende Impfung noch lange auf sich warten lässt?
Ich will nicht schwarzmalen. Aber wenn es da Probleme geben wird, müssten ältere Menschen entweder das Risiko bewusst eingehen oder dem Konzertleben fern bleiben. Was das für die Klassik allgemein bedeuten würde, daran möchte ich gar nicht denken.

Sie hatten schon vor Corona mit Ihrer Taschenphilharmonie eine Auszeit eingelegt. Wann wird man wieder von Ihnen hören?
Auch für uns gilt das, was ich bereits zur Frage der Rentabilität gesagt habe. Aber da neue-Ideen-haben sozusagen unser täglich Brot ist, haben wir inzwischen ein paar neue Konzertformate entwickelt und bei der Berliner Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen Förderantrag für corona-geschädigte private Ensembles eingereiht. Mal sehen, was dabei herauskommt.

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