Ein Tag, eine alte Gitarre: Philip Bradatsch über sein radikales Soloalbum

Der Münchner Songwriter, Sänger und Gitarrenvirtuose Philip Bradatsch bringt ein neues Album heraus: „Ich bin eine Bewegung“. Darauf begleitet er sich nur allein mit Banjo und einer 90 Jahre alten Akustikgitarre. Die hat er erst auf dem Weg ins Hamburger Studio gekauft.
AZ: Herr Bradatsch, wo ist die Band abgeblieben, wo sind die Cola Rum Boys?
PHILIP BRADATSCH: Sie sind immer noch im Allgäu. Das Übliche: Kinder kriegen, Haus bauen. Das hat sich ein bisschen verlaufen, wir spielen nur ab und zu noch Konzerte zusammen. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass die neuen Songs mit Band gespielt werden müssen. Vermutlich schreibt man auch nicht mit Blick auf eine Band, wenn man nicht so oft zusammenspielt. Außerdem hat mein Hamburger Produzent Dennis Rux immer gemeint: Philip, du musst mal eine Platte komplett allein machen. Die letzte hatte ich zwar auch alleine eingespielt, aber da waren noch Overdubs drauf, mit Orgeln, Gitarren und anderem Zeug.
Die neue Platte ist völlig spartanisch.
Die Songs waren eigentlich sehr ausgetüftelt arrangiert, mit viel Fingerpicking und was ich halt immer so mache. Aber eine Woche vor dem Produktionstermin habe ich gemerkt: Das funktioniert alles nicht. Ich war total unzufrieden. Das war alles zu viel, ich musste den Songs mehr Raum lassen. Also habe ich alles Equipment verkauft, das ich hatte, und habe mir auf dem Weg nach Hamburg eine 90 Jahre alte Gibson-Gitarre gekauft, von der ich noch nicht mal wusste, ob sie überhaupt funktioniert. Die Gitarre hat mich dazu gezwungen, alles sehr spärlich zu spielen und so viele Noten wegzulassen wie möglich.
Was hätten Sie gemacht, wenn sich die alte Gitarre bei der Besichtigung als Schrottteil entpuppt hätte?
Dann hätte ich gehofft, dass mein Produzent Dennis jemanden kennt, der mir eine coole Gitarre leiht. Aber ich habe schon alles auf eine Karte gesetzt. Ich hatte mir ein paar Videos mit ähnlichen Gitarren angehört und den Verkäufer gefragt, ob man einigermaßen mit der Gitarre spielen kann, ob der Hals gerade ist. Die Antwort war „Ja“. Also dachte ich mir: Okay. Die Gitarre hat einen ganz eigenen Sound. Das ist das Wichtigste. Wir haben alles mit einem alten Mikrofon aus den 50ern oder 60ern aufgenommen. Man hätte da gar nichts mehr schneiden können. Aber es hat super hingehauen. Wir waren an einem Tag fertig und haben sogar noch Songs auf Halde.
Die Versuchung, etwas Sperriges zu machen
Sie haben das ganze Album und noch mehr an nur einem Tag produziert?
Ja, am zweiten Tag. Den ersten Tag reservieren Dennis und ich uns immer dafür, lange in der Küche zu sitzen, Musik zu hören und in die richtige Stimmung zu kommen. Da wird es meistens sehr spät, und am nächsten Tag fangen wir sehr spät an zu arbeiten. Aber es ist dann die richtige Stimmung dafür.
Welche Platten haben Sie am Vortag angehört?
Leonard Cohen, Johnny Cashs „American Recordings“, Richard Thompson und Fairport Convention, Bert Jansch, krude Folkplatten aus den 60ern und 70ern. Aber auch Sachen, die musikalisch gar nicht so viel mit meiner Platte zu tun haben, zum Beispiel Rick Rubins Aufnahmen mit Neil Diamond.

Ein Solo-Album ist viel sperriger, unzugänglicher als ein Band-Album. Wann haben Sie sich entschieden, dass Ihnen Kommerz egal ist?
Vielleicht war das eine unbewusste Entscheidung. In der Corona-Zeit haben wir zwei Bandplatten gemacht und super Reviews bekommen. Da dachte man natürlich, jetzt könnte etwas gehen. Und dann kam zwei Mal direkt nach der Veröffentlichung ein Lockdown. Danach hatte ich keinen Bock mehr und habe fast zwei Jahre nichts geschrieben. Aber ich wüsste auch gar nicht, wie man etwas Kommerzielles schreibt. Bei mir ist auch immer die Versuchung groß, absichtlich noch irgendwas Sperriges zu machen. Vielleicht habe ich doch ein bisschen Punkrock in mir.
Ohne Social Media wäre die Welt besser
Wie sind Sie auf den Albumtitel „Ich bin eine Bewegung“ gekommen?
Ich bin da eigentlich sehr unkreativ. Ich schaue mir immer die Songtitel an und überlege, was am besten als Albumtitel passt. „Ich bin eine Bewegung“ spielt darauf an, dass heute jeder ein egozentrischer Selbstdarsteller und auf Instagram ist. Heute scheinen Meinungen genauso wichtig zu sein wie lange anerkannte Wahrheiten.
Sind Sie selbst auf Social Media aktiv?
Gezwungenermaßen halt. Ich mache das Instagram-Zeug, aber poste nur musikalische Sachen, nichts Privates. TikTok mache ich nicht, ich glaube nicht, dass das für mich relevant sein könnte. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Welt eine bessere wäre, wenn wir Social Media nicht hätten.

„Ich bin eine Bewegung“ ist Ihre vierte Platte mit deutschen Texten. Sie scheinen bei der deutschen Sprache hängen geblieben zu sein.
Moment! Ich habe gerade mit einer neuen Band eine englische Platte aufgenommen.
Ach so?
Ich bin noch mal nach Hamburg gefahren und habe ein paar Songs aufgenommen, die mit den Outtakes von „Ich bin eine Bewegung“ wieder ein Solo-Album ergeben könnten. Da sind Produzent Dennis und ich auf eine Idee gekommen. Wir machen jetzt seit 15 Jahren zusammen Musik, ohne in einer Band zu spielen. Das ist ja auch falsch. Also haben wir die Band SABA gegründet, die in Richtung sechziger, siebziger Jahre und Neil Young geht. Wir haben an drei Tagen eine Platte aufgenommen.
„Ich liebe den späten Dylan“
Wieso auf Englisch?
Dennis meinte: Wir müssen das auf Englisch machen, weil ich nur in Ländern touren will, wo es richtig geiles Essen gibt. Und ich dachte: Okay, das verstehe ich.
Was ist der Unterschied zwischen Englisch und Deutsch?
Es ist einfacher, auf Englisch zu singen. Man kann melodiöser singen. Auf Deutsch muss man einen anderen Zugang finden, irgendetwas zwischen Sprechen und Singen. Das fällt mir leicht als Fan von Bob Dylan, der macht das ja auch so. Man muss im Deutschen mehr Wert auf die Betonung legen als auf die Melodie, sonst klingt es schnell schlagerhaft. Aber vielleicht klingt das Englische für Leute, die Englisch sprechen, auch schnell schlagerhaft.

Auch Ihre Texte erinnern an den späten Dylan: Sie schreiben viele starke Ein- oder Zweizeiler, die aber nicht zwingend in dieser Reihenfolge stehen müssten.
Ich liebe den späten Dylan. Oft geht es darum, dass mir der Klang der Wörter gefällt. Und ich schau dann hinterher, ob daraus etwas zu machen ist.
Das Schlussstück Ihres Albums ist weder auf Deutsch noch auf Englisch, sondern ein sehr schönes Instrumental. Es ist Gabi Benkert gewidmet, der 2024 verstorbenen Wirtin des „Schau ma moi“, der Giesinger Kneipe im Haus Ihres Labels Trikont.
Ich arbeite einmal die Woche hier. Das war die Rettung während Corona. Brendan von Trikont sagte zu ihr: Der Philip sucht einen Job. Und Gabi sagte: Komm morgen vorbei, ich zeig dir alles. So jemanden wie Gabi gibt es nicht zweimal. Sie hatte eine natürliche Autorität und war unfassbar hilfsbereit und herzensgut.
„Ich bin eine Bewegung“ erscheint an diesem Freitag bei Trikont. Das Release-Konzert ebenfalls am Freitag im Heppel & Ettlich, 20 Uhr, Karten gibt es unter heppel-ettlich.de