Ein Quartett spielt zum CSD-Auftakt

Die Philharmoniker eröffnen mit dem Rainbow Sound Orchestra am Sonntag im Alten Rathaus den Christopher Street Day
| Robert Braunmüller
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Der Bratschist Valentin Eichler.
Münchner Philharmoniker Der Bratschist Valentin Eichler.

Vor vier Jahren verteidigte Valery Gergiev die schwulenfeindliche Gesetzgebung in Putins Russland. Der designierte Chefdirigent der Münchner Philharmoniker rechtfertigte sich bei einer turbulenten Pressekonferenz, die Rosa Liste rief zu einer Demo vor dem Gasteig auf. Am Sonntag spielt ein Streichquartett des Orchesters der Stadt beim Regenbogen-Konzert, der Auftakt-Veranstaltung zum diesjährigen Christopher Street Day. Valentin Eichler ist einer der vier Philharmoniker.

AZ: Herr Eichler, von wem ging die Initiative zu diesem Konzert aus?
VALENTIN EICHLER: Es ist eine gemeinsame Idee, die bei einer Sitzung des Philharmonischen Rats entstand. Diesem Gremium der Philharmoniker gehören unter anderem der Kulturreferent, Vertreter des Orchesters und Stadträte an. Einer von ihnen ist Thomas Niederbühl von der Rosa Liste. So kam die Sache ins Laufen. Das Konzert im Alten Rathaussaal ist als Auftakt zu einer engeren Zusammenarbeit mit der Regenbogen-Stiftung gedacht, die gemeinnützige Projekte in den unterschiedlichsten Bereichen der LSBTI-Szene fördert.

Lesen Sie unseren Bericht von 2013 über Gergievs umstrittene Äußerungen

Nach Gergievs Äußerungen rief die Rosa Liste zu einer Demo auf. Die Philharmoniker haben sich damals bedeckt gehalten. Wie war die Stimmung in dieser Zeit?
Die Reaktion war, wie bei allen Themen, im Orchester kontrovers. Einige Musiker wollten sofort etwas unternehmen. Andere hielten das für eine unbedachte Äußerung. Gergiev hat betont, dass die Frage der sexuellen Orientierung für ihn keine Rolle spielt. Er hat auch mit vielen schwulen Künstlern zusammengearbeitet. Wir wollten uns aber deutlich von jeder Diskrimierung abgrenzen.

Ist die nicht ohnehin weitgehend verschwunden?
Die juristische Diskriminierung von Seiten des Staates ist ja weitgehend aufgehoben, obschon erst seit kurzem. Allerdings glaube ich, dass, wie bei vielen anderen Minderheiten auch, die soziale Diskriminierung nach wie vor stark ist. Wenn wir auf Länder wie Russland zeigen, dürfen wir nicht vergessen, dass die Akzeptanz auch bei uns noch nicht wirklich abgeschlossen ist. Musik kann dabei helfen, die Gründe einer Diskriminierung zu reflektieren und zu hinterfragen. Auch eine andere sexuelle Orientierung ist Teil unserer menschlichen Natur. Warum also sollte man Homosexuellen so viel Leid zufügen, indem man sie ausgrenzt?

Wie kann sich ein Orchester für mehr Toleranz einsetzen?
In aller Öffentlichkeit wollen wir zeigen, dass Homosexualität etwas völlig Normales ist. So fällt es hoffentlich auch leichter, diese ganz offen auszuleben, wie das für Heterosexuelle selbstverständlich ist. Das wäre ein großer Wunsch von meinen Kollegen und mir.

Was spielen Sie beim Regenbogen-Konzert im Alten Rathaus?
Das Reiter-Quartett von Joseph Haydn und das Quartett Nr. 1 des britischen Komponisten Ralph Vaughn Williams. Davor und danach ist das Rainbow Sound Orchestra Munich unter Alexander Strauch zu hören. Es spielt Werke von Sibelius, Britten und Hans Werner Henze, aber auch „Rise like a Phoenix“ von Conchita Wurst.

Alexander Strauch hat damals in seinem Blog Gergiev scharf kritisiert.
Das wußte ich nicht. Aber gewiss kommen wir mit ihm ins Gespräch.

Warum trifft man eigentlich immer den Bratschisten, wenn man einen Vertreter eines Quartetts sprechen möchte?
Bratscher sind umtriebig. Sie werden auch oft zu Orchestervorständen gewählt. Vielleicht liegt es daran, dass unser Instrument in der Kammermusik und im Orchester vermittelnd auftritt. Man steht zwischen dem Bass und dem Melodieinstrument, häufig begleitend, immer zuhörend. Wie in einer Familie das mittlere Kind zwischen den jüngeren und älteren Geschwistern. Und man kriegt es von allen Seiten ab.

Nach meinem Eindruck haben die Krisen um Christian Thielemann und Valery Gergiev das Orchester eher gestärkt. Wie sehen Sie das?
Es bewegt sich viel. Starre Fronten lösen sich auf. Früher haben die Orchestermusiker viel der Hierarchie überlassen. Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, wie man sich stärker einbringen kann. Jeder Musiker kann Anträge in den neu gebildeten Orchesterrat einbringen – zu organisatorischen wie zu künstlerischen Fragen. Sie werden diskutiert, zum Teil wird auch darüb er abgestimmt.

Auch über Dirigenten?
Jeder kann in einem internen Forum seine Eindrücke über Gastdirigenten formulieren. Das lesen nur wenige Leute, darunter der Intendant. Es dient als Entscheidungsgrundlage dafür, ob ein Dirigent wieder engagiert wird. Solche neuen Organisationsformen sind ein wichtiger Schritt hin zu einer Demokratisierung des Orchesters. 

So., 9. Juli 2017, 19 Uhr, Alter Rathaussaal, Marienplatz. Karten zu 22 Euro (ermäßigt 11 Euro) bei Münchenticket

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