Ein nett verpackter Rauswurf: Thielemann vor dem Aus in Dresden

Die Staatskapelle und die Semperoper in Dresden brechen in die Zukunft auf - ohne Dirigent Christian Thielemann.
| Robert Braunmüller
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Christian Thielemann bei einer Probe für Richard Wagners "Meistersinger von Nürnberg" im Großen Salzburger Festspielhaus. (Archivbild)
Christian Thielemann bei einer Probe für Richard Wagners "Meistersinger von Nürnberg" im Großen Salzburger Festspielhaus. (Archivbild) © Rudolf Gigler/imago images

München - Bei Wagner und Richard Strauss macht ihm schwer jemand etwas vor. Ein "Tristan" oder eine "Elektra" unter seiner Leitung birgt Momente glücklichsten Gelingens. Auch bei Bruckner, Brahms oder Schumann holt Christian Thielemann aus einem Orchester Außerordentliches heraus.

Der 62-jährige Berliner ist ein großartiger Dirigent. Aber ist er auch ein Chefdirigent? Überall, wo Thielemann bisher Leitungsfunktionen innehatte, kam es zum Krach: in Nürnberg, an der Deutschen Oper Berlin, bei den Münchner Philharmonikern und zuletzt bei den Salzburger Osterfestspielen. Auch das eigens für ihn geschaffene Amt des Musikdirektors der Bayreuther Festspiele ist er wieder losgeworden.

Aus für Thielemann in Dresden

Nun donnert es in Dresden, wo Thielemann seit seinem denkwürdigen Abschied von den Münchner Philharmonikern als Chefdirigent der Staatskapelle und Musikchef der Semperoper wirkt. Damit ist nun Schluss: Ab Sommer 2024 sollen sowohl die Leitung des Hauses als auch der Chefposten bei der Staatskapelle neu besetzt werden, teilte das Kulturministerium in Dresden am Montag mit.

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Für Intendant Peter Theiler (64) wird der Vertrag bis zum Ende der Spielzeit 2023/2024 verlängert, Chefdirigent Christian Thielemann (62) erhält für die Zeit danach keinen neuen Vertrag. "Unabhängig davon würde ich mich freuen, wenn Christian Thielemann mit seinem weltweit geachteten Profil auch weiterhin der Semperoper künstlerisch verbunden bleibt", erklärte Kulturministerin Barbara Klepsch.

Ein nett verpackter Rauswurf

Das ist ein nett verpackter Rauswurf. Aber davon versteht Thielemann viel: Er hat auch in Dresden, wie zuvor schon andernorts, mehrere Intendanten verbraucht. 2014 musste der designierte Intendant Serge Dorny nach Kompetenzstreitigkeiten gehen, ehe er sein Amt in der Semperoper überhaupt angetreten hatte. Der Belgier blieb in Lyon, nun bereitet er seine erste Spielzeit an der Bayerischen Staatsoper vor.

Auch zwischen Theiler und dem Dirigenten waren zuletzt Misstöne vernehmbar gewesen. Theiler widersprach im Februar Darstellungen von Thielemann und dem Orchestervorstand der Staatskapelle, deren Arbeit in der Corona-Pandemie zu behindern. Thielemann hatte sich in einem Zeitungsbeitrag enttäuscht darüber gezeigt, dass es an der Semperoper nicht mehr Anstrengungen gebe, um trotz Corona-Auflagen wieder Aufführungen zu ermöglichen. Theiler hatte daraufhin unter anderem gesagt: "In der Krise zeigt sich das wahre Gesicht der Loyalität."

Thielemann dirigiert in der Semperoper eher selten, außerdem hat er keine Lust auf Reisen. Die Staatskapelle Dresden bezieht aus Gastspielen einen Teil ihres Ansehens. Schon die letzte Vertragsverlängerung vor einigen Jahren soll deshalb orchesterintern stark umstritten gewesen sein.

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"Für die Zeit ab 2024 soll die Leitung der Semperoper und die Position des Chefdirigenten beziehungsweise der Chefdirigentin mit der Perspektive ,Semper 2030' neu besetzt werden", hieß es gestern aus Dresden. "Die Stille während der Corona-Krise lässt in den Hintergrund treten, dass wir bis heute auf eine erfolgreiche Intendanz von Peter Theiler und auf ein gutes Jahrzehnt der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann zurückblicken. Für die Zukunft müssen wir heute Entscheidungen treffen", betonte die sächsische Kunstministerin.

Neue Aufgaben als Gastdirigent?

"Wir sehen dabei das, was heute gut ist, und denken trotzdem an das Übermorgen der Oper. Und eine Oper in zehn Jahren wird eine andere als die Oper von heute sein: Sie wird teilweise neue Wege zwischen tradierten Opern- und Konzertaufführungen und zeitgemäßer Interpretation von Musiktheater und konzertanter Kunst gehen müssen", erklärte Klepsch weiter. Es gehe darum, die Anziehungskraft für das vielfältige Publikum zwischen gewachsenen Stammgästen und neuen Zielgruppen zu behalten oder zu steigern. Das gelte auch für das Verhältnis zwischen dem gewohnten Besuch im Opernhaus und der Nutzung digitaler Angebote.

Und das sind durchweg Fragen, für die sich Thielemann überhaupt nicht interessiert. Sorgen muss man sich um ihn trotzdem nicht machen: Thielemann ist auch als Gastdirigent gefragt - etwa bei den Wiener Philharmonikern. Und wer weiß, vielleicht überträgt ihm - trotz aller Warnungen - ein Orchester in England oder den USA doch wieder eine Chefposition. Und genießt die ersten drei Jahre, die noch jedes Mal beglückend und harmonisch waren.

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