Ein Hektiker wird hitzig: Gianandrea Noseda mit Verdis Requiem

Uralt und noch immer nicht versiegt ist die Diskussion, ob die „Missa da Requiem“ von Giuseppe Verdi nicht eigentlich verkapptes Musiktheater sei. Sie lässt sich auch nicht einfach entscheiden, aber es tritt unter dieser Fragestellung ein interessanter Umstand hervor: dass es nämlich eher selten auch tatsächlich Chöre und Orchester von Opernhäusern sind, die sich dem abendfüllenden Werk widmen. Umso willkommener sind die vereinten Kräfte der Oper Zürich: Welches Gesicht werden sie dieser geistlichen Musik verleihen?
Dem Chor der Oper Zürich merkt man an, dass er nicht eigens für den Oratoriumsgesang gegründet wurde. Er wurde von Ernst Raffelsberger sehr sorgfältig einstudiert, doch manche hervortretenden Einzelstimmen lassen erahnen, dass die Damen und Herren eher gewöhnt sind, sich auf der Bühne zu bewegen, als blockhaft in Erscheinung zu treten.
Eher altmodisch, wenngleich durchaus nicht unangenehm oder übertrieben, mutet das Vibrato an, besonders in den A- cappella-Passagen. Dafür singen besonders die Tenöre und die schön schwarzen Bässe mit Inbrunst. Selten sind die dramatischen Momente von Verdis Requiem so unmittelbar packend zu erleben.
Mit dem Tenor darf man nicht zu streng sein
Untypisch für eine Oratorienaufführung sind auch die Unwägbarkeiten im Solistenensemble. Marina Rebeka mit ihrem intensiv strahlenden Sopran, dem für eine echte Verdi-Stimme noch die belastbare Tiefe fehlt, und die beeindruckend stark, predigerhaft deklamierende Mezzosopranistin Agnieszka Rehlis, füllen ihre Partien lebendig aus, mischen sich aber nicht, wenn sie zu duettieren haben.

Mit dem Tenor Joseph Calleja darf man nicht zu streng sein, wenn er durchgehend zu laut ist. Er bedeckt wiederholt ein Ohr, als ob er sich selbst nicht gut hören würde - angesichts der Akustik der Isarphilharmonie nicht ganz undenkbar. Am zuverlässigsten erweist sich ausgerechnet der kurzfristig eingesprungene Alexander Vinogradov, dessen Bass in der Höhe getragen und in der Tiefe stabil ausklingt.
In steilen Kurven
Angehörs einer solchen vokalen Unausgeglichenheit würde man sich für diese Aufführung einen dirigentischen Fels in der Brandung wünschen. Gianandrea Noseda aber ist selbst ein hektischer Typ, der sich schnell in eine hitzige Stimmung hineinsteigert. Viele Entwicklungen branden effektvoll in steilen Kurven auf, das Tutti des Orchesters der Oper Zürich wäre jedoch transparenter und weniger zufällig gewichtet, wenn Noseda ihm mehr an ruhiger Planung gewähren würde.

Mit seinen schwimmenden, gleitenden, manchmal rudernden Bewegungen stachelt der Italiener die Musikerinnen und Musiker nicht nur an, sondern stiftet auch manchmal Verwirrung, was zu Wacklern und Intonationsschwierigkeiten einzelner Gruppen führt. Fazit: In dieser Aufführung hat Verdis Requiem mehr von einer spontanen Opernaufführung als von einer feierlich oratorienhaften.