Interview

Dirigent Titus Engel über "Giuditta" in München: In die Tiefe gehen

Titus Engel spricht im Interview über Franz Lehárs "Giuditta" und die Beschränkungen des kulturellen Lebens in der Pandemie.
| Robert Braunmüller
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Daniel Behle (vorn) als Octavio in Christoph Marthalers Inszenierung von Franz Lehárs "Giuditta" im Nationaltheater.
Daniel Behle (vorn) als Octavio in Christoph Marthalers Inszenierung von Franz Lehárs "Giuditta" im Nationaltheater. © Wilfried Hösl

AZ-Interview mit Titus Engel (geboren 1975 in Zürich). Engel studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Zürich und Berlin, erlernte sein Dirigierhandwerk in Dresden bei Christian Kluttig. Zuletzt dirigierte er Carl Nielsens "Maskerade" in Frankfurt und Mussorgskys "Boris" in Stuttgart.

Lehárs "Giulietta": Schillerndes Spätwerk

Dass ein Dirigent in der gleichen Spielzeit Musik von Franz Lehár, Madrigale von Claudio Monteverdi und Georg Friedrich Haas' Oper "Bluthaus" einstudiert, passiert selten.

"Es wird kein fröhlicher Operettenabend. Marthaler verstärkt die Traurigkeit der Musik eher noch", sagt Dirigent Titus Engel über "Giuditta".
"Es wird kein fröhlicher Operettenabend. Marthaler verstärkt die Traurigkeit der Musik eher noch", sagt Dirigent Titus Engel über "Giuditta". © Kaupo Kikkas

Titus Engel hat von Gábor Káli die musikalische Leitung von Lehárs "Giulietta" an der Bayerischen Staatsoper übernommen. Christoph Marthaler inszeniert dieses zwischen Oper und Operette schillernde Spätwerk des Komponisten im Nationaltheater.

AZ: Herr Engel, was reizt Sie an Franz Lehár?
TITUS ENGEL: Mein Verhältnis zur Lehár ist frisch, meine Beziehung zum Genre Operette jedoch älter. Ich habe mit großer Freude mit dem Regisseur Herbert Fritsch in Bremen "Die Banditen" von Jacques Offenbach herausgebracht. Das war ein ähnlicher Ansatz, das Stück nicht eins zu eins auf die Bühne zu bringen, sondern etwas damit zu machen, um es ins Heute zu bringen.

Titus Engel: "Guiditta ist keine typische Operette"

Warum eignet sich "Giuditta" dafür?
Lehár bezeichnete das Werk als "musikalische Komödie". Sie ist mit "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach vergleichbar: als Wunsch eines Operettenkomponisten, aus dem Genre in Richtung Oper auszusteigen. "Giuditta" wurde 1934 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt, es ist auch von der Dramaturgie her keine typische Operette und von der Orchestrierung her farbiger.

Allerdings wird es in Christoph Marthalers Inszenierung nicht nur Musik von Lehár geben.
"Giuditta" entstand in einer Hoch- und Spätphase der Operette, zugleich war die Musikgeschichte in Richtung Atonalität weitergegangen. Franz Lehár hat sich außerdem als Aushängeschild der Nazis hergegeben. Daher war es Marthaler wichtig, "Giuditta" durch Musik von Zeitgenossen wie Dmitri Schostakowitsch und von den Nazis verfemten Komponisten wie Schönberg, Berg oder Gideon Klein zu kontextualisieren.

Die Liste der neuen Stücke ist ziemlich lang, die Operette selbst auch. Wie geht das zusammen?
Ungefähr das, was neu hinzugekommen ist, wurde bei Lehár gekürzt. Das sind allerdings überwiegend Wiederholungen. Die großen Schlager wie "Meine Lippen, die küssen so heiß" oder "Freude, das Leben ist lebenswert" sind natürlich dringeblieben.

Engel: "Sänger-Schauspieler sprechen die Dialoge und singen die Chorpartien"

Auch ein anderes Werk von Lehár ist dazugekommen, das Stück "Fieber" aus dem Zyklus "Aus eiserner Zeit".
Das ist eine ganz tolle spätromantische Tondichtung für Tenor und Orchester, bei der man nie draufkäme, dass sie von Lehár stammt. In diesem Stück durchlebt ein sterbender Soldat des Ersten Weltkriegs im Lazarett noch einmal sein Leben. Dieses Stück übernimmt bei uns der Sänger der Rolle, die im Original Pierino heißt.

Lehárs "Giuditta" im Nationaltheater.
Lehárs "Giuditta" im Nationaltheater.

Warum heißt er bei Marthaler anders?
Das Buffo-Paar spielt gleichzeitig Sladek und Anna, zwei Figuren aus Ödön von Horváths "Sladek oder die Schwarze Armee". Außerdem wirken noch Sänger-Schauspieler wie Olivia Grigolli und Ueli Jäggi mit, die schon lange mit Marthaler zusammenarbeiten. Sie sprechen die Dialoge und singen die Chorpartien und andere Werke im typischen Marthaler-Sound mit seinem feinen Pianissimo. Es wird also kein fröhlicher Operettenabend. Marthaler verstärkt die Traurigkeit der Musik eher noch.

Lehárs "Giuditta" im Nationaltheater.
Lehárs "Giuditta" im Nationaltheater. © Wilfried Hösl

"Octavio schwört der Liebe ab"

Schon das Original übertreibt es mit der Operettenseligkeit nicht wirklich.
"Giuditta" ähnelt ein wenig Carmen. Octavio spannt sie ihrem Ehemann aus und nimmt sie mit nach Afrika. Er gerät in einen Loyalitätskonflikt zwischen seiner Geliebten und seinem Eid als Offizier. Er entscheidet sich für die Pflicht, worauf die Beziehung zerbricht. Danach kommen die beiden nicht mehr zusammen. Octavio schwört der Liebe ab, wie ein älterer Mensch, der sein Leben gelebt hat.

In dem von Lehár selbst dirigierten Rundfunkmitschnitt aus dem Jahr 1942 hört man im Duett zwischen Octavio und Giuditta ein seltsam klingendes Instrument. Was ist das?
Ein Vibrafon, es bringt eine besondere überraschende Klangfarbe, die ich deutlich herausgestellt habe.

Kennen Sie Lehárs Aufnahme?
Das hat mich schon interessiert, aber eher als Inspiration denn als Vorlage. Lehárs Tempo ist sehr frei, und das übernehme ich auch. Dabei muss man aber auf die Bedürfnisse der Sänger und der Inszenierung eingehen, das lässt sich nicht am Schreibtisch entwerfen.

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Titus Engel: "Wir Künstler müssen uns besser vernetzen"

Warum haben Sie Musikwissenschaft studiert? Das machen angehende Dirigenten eher selten.
Ich bin in Zürich aufgewachsen, wo ich auch schon Schulorchester dirigiert habe. Ich wollte immer Musiker werden, aber meine Eltern fanden ein seriöses Studium gut, sozusagen als bürgerliche Absicherung. Das ist dann Musikwissenschaft und Philosophie geworden, weil es mich interessiert hat, in die Tiefe zu gehen. Das hilft mir heute in Gesprächen mit Regisseuren, Dramaturgen und auch dem Publikum.

Wie sind Sie als Freiberufler durch die Pandemie gekommen?
Ich hatte Glück, dass abgesehen von der ersten Welle nur wenige Projekte abgesagt wurden. Leider wird die Kultur immer als Erstes geschlossen und als Letztes wieder aufgemacht. Im Nationaltheater dürfen nur 25 Prozent der Plätze besetzt werden, obwohl es ein überzeugendes Hygienekonzept gibt. In der Gastronomie sitzt man dagegen eng aufeinander, weshalb ich vorsichtshalber Restaurants meide. Die Oper ist momentan wahrscheinlich der sicherste Ort.

Die Kultur hat eine schwache Lobby.
Wir Künstler müssen uns besser vernetzen - auch für die Zeit nach der Pandemie, in der finanzielle Kürzungen drohen. Theater hat auch einen Bildungsauftrag: Viele Kinder waren jetzt nicht in Schulaufführungen und Konzerten. Das muss nachgeholt werden. Für mich waren Kinderkonzerte in der Züricher Tonhalle ein Aha-Erlebnis, die meine künstlerische Wahrnehmung geprägt haben. Wir müssen aufpassen, dass wir keine Generation verlieren.


Premiere am Samstag (18. Dezember, 18 Uhr) ausverkauft. Weitere Vorstellungen am 22., 27. und 31. Dezember, 2. und 6. Januar im Nationaltheater, Karten unter www. staatsoper.de. Eine Aufzeichnung der Premiere von "Giuditta" gibt es ab 22. Januar 2022 auf staatsoper.de/tv, am 27. Februar dann auf Arte.

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