Interview

Dieses Zitat „Reif für die Insel“ wird mich spielend überleben.

Der österreichische Singer-Songwriter Peter Cornelius wird am 29. Januar 75, bringt ein neues Album heraus und geht auf „Zeitlos“-Tour
Philipp Seidel
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Peter Corneliusvergangenen April im Circus Krone.
Peter Corneliusvergangenen April im Circus Krone. © IMAGO/Stefan M Prager

Sein Titel „Reif für die Insel“ gehört seit Jahrzehnten zum deutschen Sprachinventar, er macht Rock und Ruhiges. Peter Cornelius, der an diesem Donnerstag 75 Jahre alt wird, betont immer wieder, er sei ein klassischer Singer-Songwriter. Zur Tour „Zeitlos“ im Frühjahr erscheint das gleichnamige Album.

AZ: Herr Cornelius, Ihr Lied „Der Kaffee ist fertig“ von 1980 - ist das Ihre Antwort auf Serge Gainsbourgs und Jane Birkins „Je t’aime - Moi non plus“?
Peter Cornelius: Nein, nicht im Entferntesten. Ich wollte lediglich eine mir lieb gewordene Morgengewohnheit so in Musik umsetzen, dass sie jeder nachvollziehen kann. Ich dachte mir, dass die Plattenfirma sagt: Also, bitte, wir wissen nicht, was wir davon halten sollen. Aber das Gegenteil war der Fall. Der Song bleibt harmonisch immer unaufgelöst, daher hat er diese Schwerelosigkeit. Wenn es, rein auf der Gefühlsebene, etwas Ähnliches gibt, dann vielleicht „I’m Only Sleeping“ von den Beatles.

Sie haben in den frühen 80er Jahren mit dem Kaffee und Hits wie „Du entschuldige, i kenn di“ „Reif für die Insel“ einen sensationellen Vorstellungs-Auftritt in Deutschland gegeben. Diese Ohrwürmer kamen ja alle kurz hintereinander!
Das war die erste Hälfte der 80er Jahre. Aber das ging ja weiter, es kamen ja noch etliche Titel, die in Österreich sehr bekannt geworden sind. Ich weiß nicht, wie bekannt in Deutschland „Segel im Wind“ ist „Süchtig“, „Ganz Wien hat den Blues“ und, und, und.

Die kennt man natürlich auch! Aber damals hatte diese Lieder wirklich jeder im Ohr. „Reif für die Insel“ habe ich als Kind in Schleswig-Holstein schon lautmalerisch mitgesungen.
Dieses Zitat „Reif für die Insel“ wird mich spielend überleben. Das ist kein Urlaubslied, das war immer ein Missverständnis, sondern es sagt: Ich würde am liebsten hinschmeißen, aber ich müsste auf so vieles verzichten, an dem ich auch hänge: an der Gegend, am Freundeskreis, an anderen Dingen. Dieses Stück war ein Tatsachenbericht über meine Befindlichkeiten im Leben. Mit ein bisschen Erfolg wurde das Verwaltet-Werden bereits so intensiv, dass ich mir schon gedacht habe, ob ich nicht das ganze hinschmeiße und nach Naxos ziehe.

Peter Cornelius beim Wiener Donauinselfest 2022
Peter Cornelius beim Wiener Donauinselfest 2022 © IMAGO/K.Piles

Haben Sie sich damals auch ein wenig als Österreich-Botschafter in Deutschland gefühlt?
Eines wurde mir ziemlich bald mitgeteilt: dass meine Wienerische Färbung der deutschen Sprache auch im hohen Norden verstanden wird, auch in Hamburg, auch in Kiel. Und das ist gut so. Wenn der Wiener Dialekt nur in Bayern noch zu verstehen wäre, das wäre mir zu wenig gewesen.

"Michael Cretu war mein Nachbar und wurde mein Freund"

Sie haben in den 80ern einige Jahre in München gelebt, in Ottobrunn. Was ist in dieser Zeit entstanden?
In Ottobrunn ist das Album „Fata Morgana“ entstanden, dann das extrem erfolgreiche Album „Süchtig“ und noch drei weitere. Ich habe fünf Jahre dort gelebt. Ich bin auch dort hingezogen, um in der Nähe der Plattenfirma zu sein, zu der ich gewechselt bin.

Ihre Plattenfirma war bis dahin in Hamburg.
Zuerst war ich bei der Phonogram Hamburg. Hamburg hat mir in meinem Leben sehr, sehr viel Glück gebracht. Ich bin ständig von Wien nach Hamburg und zurück geflogen. Hamburg war vom Gefühl her mein zweites Zuhause. Das waren damals, mit diesen Leuten, meine goldenen Jahre mit einer Plattenfirma. Das hat sich dann leider aufgelöst, weil die intern Probleme bekommen haben, von denen ich mit betroffen war. Dann bin ich weggegangen zur Ariola in München und bin dann auch nach München gezogen, um vor Ort zu sein. Für meine Begriffe war das ein geradezu radikal praktischer Lebensschritt. Ich bin ja nicht so wahnsinnig praktisch veranlagt.

Sie haben in Ottobrunn in der Nachbarschaft von Enigma-Mastermind Michael Cretu gewohnt, nicht?
Wir haben nebeneinander gewohnt, wir hatten die Studios nebeneinander. Es konnte einer zum anderen rübergehen und mit dessen Equipment arbeiten. Ich habe ihm auf die eine oder andere Produktion Gitarren draufgespielt. Und andererseits bin ich rübergegangen, und er hat mir Keyboards draufgespielt. Michael war ja damals auch noch mein Produzent. Wir sind bis heute eng befreundet, das sind jetzt mehr als 45 Jahre.

Peter Cornelius beim Wiener Donauinselfest 2022
Peter Cornelius beim Wiener Donauinselfest 2022 © IMAGO/K.Piles

Als Sie hier waren, wurde auch die Spider Murphy Gang gerade aktiv. Haben Sie in der lebendigen Musikszene Münchens auch mitgemischt, oder sind Sie eher in Ottobrunn geblieben?
Ich habe es am Rande mitbekommen, aber ich war nicht in diesem Personenkreis. Ich hatte mein eigenes Studio. Ich habe jedes Jahr ein Album produziert, alle zwei Jahre eine Tournee gespielt. Ich habe in dieser Phase 365 Tage im Jahr gearbeitet, über zehn Jahre hinweg. Das war eine wahnsinnig intensive Zeit. Dann bin ich zurückgezogen, vom Stadtrand von München an den Stadtrand von Wien.

"Die CD war ein Geduld-Abgewöhnungsinstrument"

Es war auch die Zeit, als man noch Vinylplatten und dann CDs gehört hat.
Bei der CD wusste ich gleich: Das war es! Diese Bequemlichkeit fürs Publikum. Man musste nicht mehr die Platte umdrehen und den Tonarm neu auflegen. Ein soziologischer Nebeneffekt war: Die CD war ein megatonnenschweres Geduld-Abgewöhnungsinstrument.

Das war der Beginn der Digitalisierung von Musik.
Die CD hat der Schallplattenbranche den wärmsten Regen aller Zeiten gebracht. Denn die Schallplattenfirmen konnten ihren Inhalt, die Musik, ein zweites Mal auf dem neuen Träger CD verkaufen. Und die Weiterentwicklung dieser Technologie hat sich dann gegen das Metier gewandt: das MP3-Format. Die Tonträger sind weitgehend unbedeutend geworden, die Musik ist gegenstandslos geworden. Und jetzt kommt auch noch KI. Und das ist eine radikale Veränderung der ganzen Szene. Wir wissen nicht, was die Technologie noch hervorbringen wird.

Peter cornelius im Jahr 1983
Peter cornelius im Jahr 1983 © imago images / United Archives

Sie haben, glaube ich, an fast allen Ihren Stücken die Rechte. Ist das jetzt Teil Ihrer Rettung?
Ich bin damals rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht worden, dass man auch zeitlich limitiert verlegen kann. Und das habe ich dann gemacht. Die Rechte an den ganzen großen Stücken sind von den Verlagen wieder an mich zurückgefallen. Dafür werde ich von einigen Leuten sehr beneidet.

Deswegen meine Frage mit der Rettung …
Ich brauche keine Rettung, es muss sich niemand Sorgen um mich machen. Die limitierte Vergabe von Rechten ist eine Tatsache, von der viele junge Songwriter damals nichts wussten. Aber das ist ein Thema, das sehr ins Detail des Musik-Business geht, wenn ich diesen hässlichen Ausdruck bei der Gelegenheit strapazieren darf.

"Ich hatte Burnout. Es ist ein finsterer Lebensabschnitt"

Das Business hat Sie in den 80er Jahren einerseits beflügelt und emporgetragen, andererseits wurden Sie aber auch ziemlich verheizt, oder? Sie waren im Pop-Zirkus gefangen.
Im Grunde genommen war es so die ganzen 80er Jahre hindurch und sogar noch ein bissl darüber hinaus. Sie müssen sich das wie einen endlosen Slalom-Kurs vorstellen - bei dem nie eine Zielfahne in Sicht kommt. Ich konnte meinen immensen Erfolg in den 80 Jahren überhaupt nicht genießen. Dafür war keine Zeit. Wenn etwas erfolgreich war, dann wurde festgestellt: Das ist erfolgreich - und weiter! Das ging bei mir über zehn Jahre, und dann war ich auch schon mittendrin im Burnout. Burnout klingt so hip und modern, als ob man das gehabt haben muss, damit man mitreden kann. Man muss sich aber nicht drum reißen. Es ist ein finsterer Lebensabschnitt.

Sie haben sich für einige Zeit zurückgezogen.
Ich habe dann zwischen 1993 und 2001 eine sieben Jahre lange Pause eingelegt. Normalerweise ist das ein Todesurteil für einen Singer-Songwriter. Aber meine Songs sind offenbar so langlebig und robust, dass das Publikum und auch die Medien das völlig vergessen haben. Ich wollte 1993 eigentlich nur ein Jahr Pause machen - und habe nicht zurückgefunden. Bis dieses Bedürfnis, wieder Songs zu schreiben und mein Lebenstun wieder aufzunehmen, dann eingetreten ist. Aber das war eine Pause von sieben Jahren - so lange, wie die Karriere der Beatles angedauert hat. Heute ist es so, als hätte es diesen Zeitabschnitt nie gegeben. Deswegen heißt die Tour jetzt auch „Zeitlos“, weil mir immer wieder Leute gesagt haben: Meine Songs sind zeitlos, ich als Person bin zeitlos. Es erscheint auch ein Album, das ebenfalls „Zeitlos“ heißt. In meinem ersten erfolgreichen Song in Österreich, 1973, „Ich leb in a Wolk’n“, kommt der Satz vor: „Ich hab a Sanduhr ohne Sand.“ Das ist im Grunde genommen das gleiche wie „Zeitlos“. Da schließt sich nach 50 Jahren jetzt so etwas wie ein Kreis.

Sie sind nach einigen Solokonzerten jetzt wieder mit einer Band unterwegs. Wer ist dabei?
Drummer, Bassist und Keyboarder. Und ich bin der Sänger und Leadgitarrist, wie schon mein ganzes Leben. Ich kenne es nicht anders: zu singen und dann wieder ein paar Phrasen zwischendurch zu spielen, dann wieder Harmonien. Wenn ich nur singen und dazu Rhythmus spielen würde - ich glaube, mir wäre langweilig.

Peter Cornelius und Ehefrau Ulrike
Peter Cornelius und Ehefrau Ulrike © (c) Leopold Nekula/VIENNAERPORT (www.imago-images.de)

Wer waren da Ihre Vorbilder?
Bei uns gibt es solche Leute eigentlich nicht, die Sänger sind und gleichzeitig Leadgitarristen. Ich bin, so gesehen, wie einer dieser Engländer oder Amerikaner, Chuck Berry, der Vater des Gitarren-Rock’n’Roll. Aus England haben wir David Gilmour von Pink Floyd und Peter Green. Das hat meinen Film belichtet: das großartige Songwriting von Lennon/McCartney, von Jagger/Richards, von Ray Davies. Cream. Hendrix. Und, und, und. Von meiner Prägung her bin ich Engländer. Die mitreißende Musik der frühen 60er Jahre hat mich bis ins Mark getroffen, so dass sie dann den Mittelpunkt meines Lebens dargestellt hat. Es gibt zwei Personen, die für den Verlauf meines Lebens ganz entscheidend waren. Das waren John Lennon und Leopold Figl.

Die beiden wurden vermutlich auch noch nie in einem Satz genannt.
Leopold Figl war der österreichische Bundeskanzler nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihm ist es gelungen, die Russen dazu zu bringen, den Osten Österreichs freizugeben, damit man Wien als neutralen Ort für Verhandlungen hatte. Sonst wäre ich in so etwas wie einer Miniatur-DDR aufgewachsen. Da wäre es finster gewesen mit einer elektrischen Gitarre.

Und Lennon?
John Lennon war so wahnsinnig bedeutend durch die Gründung der Beatles. Das hat die Welt verändert, nicht nur die Musik, sondern auch das ganze Lebensgefühl. Das hatte zur Folge, dass tausende Jungs überall Bands gegründet haben. Man muss sich vorstellen, was das für einen Output hatte! Das hat Lennon von England aus in die Welt gesetzt, mit diesen ganzen glücklichen Zusammenhängen, Paul McCartney kennenzulernen, dann haben sie George Harrison dazugenommen. Und dann hatten sie auch noch ein Riesenglück, diesen großartig begabten Drummer Ringo Starr gefunden zu haben. Dieses Werk ist so großartig, dass überhaupt nicht zu verstehen ist, wie es in so kurzer Zeit zustande kommen konnte. Leonard Bernstein hat gesagt: Die Beatles sind die Klassiker unseres Jahrhunderts. Recht hat er!

Alle verdienen am Streaming - nur die Musiker nicht 

Und Sie wandelten in diesen Spuren.
Das ist Segen und Fluch, weil man mit seinem eigenen Tun dem, was da vorgegeben ist aus den 60er und 70er Jahren, ja gar nicht gerecht werden kann. Auch nicht vor sich selber.

Man kann es nur als das Erstrebenswerte ansehen.
Das steht ja immer im Raum! Die ersten drei Akkorde von „Strawberry Fields“ - das ist genial! Dass Lennon zu dem Satz „Nothing is real“ einen verminderten Akkord komponiert hat! Der war ein Genie!

In den 80er und 90er Jahren wurde der Erfolg eines Werks noch an der Zahl verkaufter Tonträger gemessen. Woran bemessen Sie Ihren Erfolg heute? Streamingzahlen oder Publikum in der Halle?
Meine Frau verwaltet das alles. Wir bekommen mit, wie hoch die Zahlen von Streaming sind. Oder dass meine Konzerte voll sind. An solchen Dingen kann man das heutzutage messen.

Bringt Ihnen das Streaming irgendwas ein?
Das hängt davon ab, wie gut man mit der Firma verhandelt hat. Meine Frau hat das sehr gut gemacht. Was an der Angelegenheit verrückt ist: Es ist den Leuten, die diese Mechanismen betreuen, gelungen, dass die Leute, die die Musik schaffen und interpretieren, am schlechtesten dabei abschneiden. Das ist verrückt, aber auch wieder typisch für die Menschheit. Da geht es darum, wer am meisten für sich herausschinden kann.

Das Album „Zeitlos“ erscheint am 20. März; Konzert: 13. April 2036, Deutsches Theater, Karten unter petercornelius.com

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