Die "Requiem-Strophen" von Wolfgang Rihm

Draußen ist Frühling, drinnen Allerseelen: Die Uraufführung von Wolfgang Rihms „Requiem-Strophen“ im Herkulessaal
| Robert Braunmüller
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Der Komponist Wolfgang Rihm.
dpa Der Komponist Wolfgang Rihm.

Cosima Wagner meinte, es sei am besten, gar nicht über die „Messa da Requiem“ zu sprechen. Der Programmheft-Autor unterstellt dem ungläubigen Giuseppe Verdi die zynische „Freude eines Splatterfilm“-Regisseurs. Und Wolfgang Rihm nennt das Requiem seines älteren Kollegen ein „Bubenstück“.

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Diese demonstrative Distanz, die ranzigste deutsche Verdi-Vorurteile fortschreibt, kommt nicht von ungefähr: Das von Mariss Jansons im Herkulessaal uraufgeführte Auftragswerk der musica vica des Bayerischen Rundfunks inszeniert keine Apokalypse im Breitwandformat.

Goldschnittlyrik

Rihms „Requiem-Strophen“ folgt einer anderen Traditionslinie: der tröstenden von Johannes Brahms und Gabriel Fauré. Wenn der nicht Franzose wäre, müsste man von der berüchtigten deutschen Innerlichkeit reden. Rihm hat den liturgischen Text zerlegt und mit Goldschnittlyrik von Rainer Maria Rilke, Johannes Bobrowski und Hans Sahl versetzt.

Das von Brahms wie Fauré nicht restlos bewältigte Problem der Dauer-Süßlichkeit hat Rihm besser im Griff. Immer wieder bricht ein herb-strahlender, rohriger Holzbläserklang ein. Weil Jansons vor Rihms Requiem dessen „Gruß-Moment 2“ in memoriam Pierre Boulez dirigierte, wurde der Sinn dieser Passagen besonders deutlich. Sie stehen für das blühende Leben, das in diesem kurzen Orchesterstück von einem Trauermarsch zersetzt wird.

Auch sonst zitiert und verarbeitet Rihm bekannte Gesten. Hanno Müller-Brachmann haderte wie ein zweiter Amfortas mit der Welt. Er hatte in Gips gemeißelte Schmerzenkantilenen auf Texte von Michelangelo zu singen. Mojca Erdmann und Anna Prohaska zwitscherten Tröstendes in höchster Lage. Der Chor des Bayerischen Rundfunks deklamierte lateinische Silben oder formierte sich zu zähen Chorälen im Stil einer verspäteten Bach-Passion.

Elegisches Grau

Wenn sich nach 80 Minuten in elegischem Grau gähnende Langeweile breitmacht, lärmen Orgel und Schlagzeug kurz im „Libera me“. So viel Verdi muss dann doch sein. Auch der willigste Verehrer des Italieners dürfte Rihm in seiner Ansicht beipflichten, dass die gute alte Theaterapokalypse heute nicht mehr zieht.

Die „Requiem-Strophen“ sind ein Requiem auf das Requiem. Rihm komponierte, wie fast immer, gediegene Musik über andere Gediegenheiten. Chor und Symphonieorchester des BR zelebrierten den sauberen Krankenhaustod als Staatsbegräbnis.

Die Frage nach der brutalen Endlichkeit, dem Zerfall, den Skandal des Todes mutete der rücksichtsvolle Komponist sich und den Zuhörern nicht zu. Und die Frage nach dem Absoluten und Jenseitigen noch weniger. Er bindet sich lieber den Bart von Brahms um. Den wahren Rihm hinter den vielen Masken werden wir nie kennenlernen. Was schade ist.

 

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