Der Lindenberg-Lobgesang
Wenn Freunde so ins Schwärmen über eine abwesende Person geraten, ist das meist kein gutes Zeichen. Oft weilt der Beschwärmte schon nicht mehr unter uns. Beim „Vorglühen“ in der Isarphilharmonie war es zum Glück anders. Die beschwärmte Person ist Udo Lindenberg und quicklebendig. Jan Delay und Benjamin von Stuckrad-Barre bestritten den Vorabend vom 80. Geburtstag ihres Künstler-Kumpels, fern der Heimat Hamburg. „Wir wissen gar nicht, was Udo heute Abend macht. Bisschen doof für uns Freunde“, verrieten sie.
Ihre Nostalgie-Show trugen pointierte Essays und Anekdoten aus Stuckrad-Barres Lexikon-Buch „Udo Fröhliche“ sowie Songs, die sie wie Gedichte vortrugen („Mit dem Sakko nach Monakko“). Stuckrad-Barre versprach gleich zu Beginn: „Udos Beziehung zur deutschen Sprache ist ein aberwitziger Bildungsroman.“ Was folgte, war eine Reise von den Anfängen in Gronau über Zigarren im Schloss Bellevue bis zu den Alkohol-Exzessen dazwischen.
„Nichts haut einen Seemann um“
Als Lindenbergs Song „Reeperbahn“ zur Sprache kam (der von einer Begegnung mit den Beatles erzählt), grätschte Stuckrad-Barre liebevoll dazwischen: „Das ist komplett gelogen. Du saßt in Gronau, Alter.“

Die beiden Stars kennen solche Udo-Geschichten natürlich in- und auswendig, und das Publikum meist auch. Aber zwischendrin blitzten echte Insider auf. Etwa bei der Vorstellung der Songfiguren Jonny Controlletti und Konsorten: „Es wimmelt in seinen Songs von Gerhards. Das ist sein zweiter Vorname. Also wenn ein Gerhard vorkommt, geht es sowas von um ihn selbst.“
Delay selbst fasste die Qualität der Stuckrad-Barre-Texte passend zusammen: „Dieser Typ, diese Sätze, die er schreibt, das ist für mich wie Musik. Ich konnte mir nie vorstellen, mich so auf Sätze zu freuen.“
Nach anfänglicher Nervosität und etwas holprigem Zusammenspiel fanden beide ihre Rollen. Stuckrad-Barre als Chronist mit Hintergrundwissen, Delay als Stimme des inneren Udo-Monologs und als Sänger, der den Lindenberg-Nuschel-Effekt bewusst weglässt. „Er wollte nach London“ und „Nichts haut einen Seemann um“ im Fernweh-Medley. „Bananenrepublik“ als politischer Moment. Begleitet wurde das Ganze von Jonas Landerschier am Keyboard, Jörg Sander (seit 26 Jahren im Panikorchester) an der Gitarre sowie Lieven Brunckhorst an Saxofon und Klarinette.
Natürlich hätte man sich auch einfach von der ARD-Dokumentation „Rebell. Rockstar. Ikone“ (verfügbar in der Mediathek) berieseln lassen können. Aber so viel echte Zuneigung fürs Geburtstagskind steckt nur im Live-Abend. Statt „Happy Birthday“ sangen sie „Alles klar auf der Andrea Doria“. Stuckrad-Barre tanzte beseelt auf dem Tisch. Hut ab.


