Der einzig wahre fünfte Beatle

Ohne ihren famosen Produzenten Sir George Martin hätte es die größte Band aller Zeiten nie gegeben. Nun ist er im Alter von 90 Jahren verstorben
| Dominik Petzold
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George Martin (2.v.r.) feiert mit den Beatles 1963 ihre Durchbruch-Single „Please Please Me“. V.l.: Paul, George, Ringo, John.
Imago George Martin (2.v.r.) feiert mit den Beatles 1963 ihre Durchbruch-Single „Please Please Me“. V.l.: Paul, George, Ringo, John.

Ohne ihren famosen Produzenten Sir George Martin hätte es die größte Band aller Zeiten nie gegeben. Nun ist er im Alter von 90 Jahren verstorben

In welch unglaublich kurzer Zeit George Martin und die Beatles die Klanggrenzen der Popmusik gesprengt haben, und welche Schockwirkung das auf die Welt gehabt haben muss, das bringt eine Szene der US-Serie „Mad Men“ präzise auf den Punkt. Da legt Don Draper, die Hauptfigur, beiläufig die Nadel auf den Plattenspieler. Seine Frau hat darauf die neue Beatles-LP „Revolver“ liegen lassen. Es ist der Sommer 1966. Gerade mal zwei Jahre zuvor haben die Beatles mit ihren Zauberharmonien Amerika erobert.

Und jetzt das: „Tomorrow Never Knows“, ein Zirpen wie von panischen Vögeln, rückwärts laufende Bänder, Schlagzeug-Loops, eine verfremdete Stimme, die nur noch entfernt an John Lennon erinnert. Don Draper nimmt die Nadel von der Platte, völlig verstört. Er schaut, als ob er Außerirdischen begegnet wäre. Ihre schier außerirdische Schöpfungskraft hätten die Beatles ohne den Produzenten George Martin niemals entfalten können. Welch kühne, neuartige Klänge auch immer sie in ihren Köpfen hörten: Er brachte sie aufs Tonband. Die Welt war voll von angeblichen fünften Beatles – gelegentliche Mitmusiker oder einflussreiche Radio-DJs. Doch ohne George Martin wären die berühmten Vier tatsächlich einer zu wenig gewesen. Jetzt ist George Martin im Alter von 90 Jahren gestorben, wie Ringo Starr gestern via Twitter mitteilte.

Ohne George Martin hätten er und seine drei Kumpels womöglich keinen einzigen Song aufgenommen. Keine Plattenfirma hatte sie gewollt, da lud Martin sie 1962 zum Vorspielen ein, zu ihrer vielleicht letzten Chance. Danach fragte er die Beatles, ob ihnen irgendetwas im Studio nicht gefalle. „Ihre Krawatte gefällt mir nicht“, sagte George Harrison.

Die Beatles erfanden die Popmusik stets aufs Neue – mit seiner Hilfe

George Martin wiederum war von den Beatles nicht begeistert – zumindest nicht von ihrer Musik. Aber ihre Unangepasstheit, ihr Esprit gefielen ihm. Also gab er ihnen eine Chance. Dass ausgerechnet dieser auf die vierzig zugehende Londoner die Pop-Revolution ins Rollen brachte, war reine Ironie: Er war ein Gentleman alter Schule – und Comedy-Produzent. Martin leitete das EMI-Label „Parlophone“, das Platten von Komikern wie Peter Sellers veröffentlichte. Welch außerordentlichen Pop-Instinkt Martin aber hatte, zeigte sich spätestens bei der zweiten Beatles-Single „Please Please Me“: Er ließ die Vier die etwas fade, Roy Orbison-artige Ballade ungleich schneller spielen. Der Song wurde dadurch brillant, im wahrsten Wortsinn bahnbrechend, und nach der Aufnahme prophezeite Martin: „Gentlemen, Sie haben gerade ihre erste Nummer-eins-Single eingespielt.“

Kurz darauf versank Großbritannien im Kreischen der Teenager, dann der Rest Europas, dann die USA und die ganze Welt. Martin produzierte derweil auch Platten anderer Stars wie Cilla Black, mit Shirley Bassey nahm er „Goldfinger“ auf. Bei den Beatles fing er zunächst weiter den Zauber des Moments ein – doch seit 1965 loteten sie die Möglichkeiten der Studiotechnik aus. Die Beatles erfanden sich und die Pop-Musik dabei immer wieder aufs Neue. Und das hätten sie ohne George Martin nicht gekonnt.

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Wie hätte Paul McCartney, der wie alle Beatles keine Noten lesen konnte, das Streichquartett von „Yesterday“ arrangieren sollen – ohne den klassisch geschulten George Martin? Der hatte überhaupt erst die Idee, Streicher einzusetzen, und wenig später erfand er bei „Eleanor Rigby“ auch gleich eine ganz neue Weise, sie aufzunehmen. Das prägende Cembalo-Solo von „In My Life“ (in halbem Tempo aufgenommen, beschleunigt überspielt), das aberwitzige Orchester-Crescendo von „A Day In The Life“ – alles George Martins Ideen. Und doch verwies er immer bescheiden darauf, dass er nur der ausführende Gehilfe für die Ideen der Beatles war – „die Genies waren sie“. Aber was die nicht alles wollten! So verlangte der technisch unbeleckte John Lennon von Martin, aus verschiedenen Aufnahmen von „Strawberry Fields Forever“ das fertige Werk zu schneiden. Doch die Aufnahmen waren in verschiedenen Tempi und Tonarten – eine unlösbare Aufgabe. „Du schaffst das schon“, sagte Lennon zu Martin, verließ das Studio, und behielt Recht.

Ein Musikgigant ist tot

„Dass wir damals Musikgeschichte geschrieben haben, war uns – trotz der globalen Beatlemania – nicht bewusst“, sagte George Martin 2006 im AZ-Interview. Damals hatte er gerade sein letztes Werk veröffentlicht: In „Love“ mischte er mit seinem Sohn Giles Martin Parts einzelner Beatles-Songs zu einer großartigen Collage zusammen – im modernen Surround 5.1-Sound. „Es ist kaum auszudenken, was die Beatles und ich im Studio bei ,Sgt. Pepper’ mit der heutigen Studiotechnik angefangen hätten“, sagte er. Und in all den Jahren dazwischen, seit der Auflösung der Beatles 1970? Da nahm Martin viele erfolgreiche Platten auf, mit America oder der Little River Band. Gitarrenmeister Jeff Beck nahm seine besten Jazzrock-Platten mit ihm auf. Und Paul McCartney setzte weiter auf Martin, wenn es darauf ankam: beim James-Bond-Song „Live And Let Die“ (1973) oder seinem Solo-Meisterwerk „Tug Of War“ (1982). 1997 produzierte Martin Elton Johns Neuaufnahme von „Candle in The Wind“, zu Ehren der verstorbenen Lady Di. Die Single wurde die erfolgreichste aller Zeiten.

„Mit George Martin ist ein Musikgigant gestorben – er hat mit den Fab Four die beständigste Popmusik der Welt geschaffen“, twitterte David Cameron gestern. Ob der ein Musikexperte ist, ist ungeklärt. Aber dass der britische Premierminister in dieser Weise kondoliert, das bringt eines ganz gut auf den Punkt: Welche Bedeutung das Lebenswerk George Martins für sein Heimatland hat – bis heute. Und sicher noch für eine lange, lange, lange Zeit.

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