Das Ensemble Intercontemporain spielt "Répons" von Pierre Boulez gleich zweimal

Der Klassiker eines Klassikers: Matthias Pintscher dirigiert "Répons" von Pierre Boulez bei den Salzburger Festspielen
| Robert Braunmüller
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Musik im Raum: Das Ensemble Intercontemporain im Lehrbauhof.
Marco Borrelli Musik im Raum: Das Ensemble Intercontemporain im Lehrbauhof.

Der Klassiker eines Klassikers: Matthias Pintscher dirigiert "Répons" von Pierre Boulez bei den Salzburger Festspielen

Was ist der Sinn von Festspielen? Erstens: Die Aufführung von Klassikern unter besten Voraussetzungen. Zweitens: Wenn gespielt wird, dann in einer Konstellation, die nur hier und nirgendwo sonst möglich ist. Und drittens: ein Hauch von Luxus. In Salzburg ereignen sich solche echten Festspiele eher am Rande des Groß-Festivals: etwa im Lehrbauhof. Das ist sonst eine Schule für Bauberufe weit vor der Stadt, am Ende einer kilometerlangen Allee, die schnurgerade auf die Wände und Wälder des Untersbergs zuführt.

Hier gastierte das Pariser Ensemble Intercontemporain mit „Répons“ von Pierre Boulez, dessen 90. Geburtstag in der Reihe „Salzburg contemporay“ gefeiert wird. Der Klassiker eines Klassikers wurde damit schon zum dritten Mal nach 1992 und 99 in Salzburg aufgeführt. Sonst ist das Werk selten zu hören, weil die extravagante Besetzung und der erlesene Aufwand landläufige Symphonieorchester und Konzertsäle überfordern.

Kristalline Akkordbrechungen

„Répons“ erklang erstmals 1981 bei den Musiktagen von Donaueschingen in einer großen Schulturnhalle. An die erinnert auch der Saal im Lehrbauhof. Etwa 400 Zuhörer saßen dicht gedrängt um 24 Streicher, Bläser und den Dirigenten Matthias Pintscher auf dem zentralen Podium. Hinter dem Publikum, auf äußerster Position: zwei Klaviere, Harfe, Cymbalon, Vibrafon, Xylofon und die Lautsprecher der Elektronik.

Das Kammerensemble in der Mitte spielte eher scharf und schrill – wie fast jede Musik, die sich an der Besetzung von Arnold Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1 und den Ensemblestücken von Edgar Varèse orientiert.

Die drumherum entfernt und doch nah aufgestellten Saiten- und Schlaginstrumente reagierten darauf mit kristallinen Akkordbrechungen. Klavier, Harfe und Cymbalon verfremdeten sich gegenseitig. Ihre Musik wurde überdies elektronisch verändert: eine sich unablässig wie in einem Kaleidoskop spiegelnde Musik. Ein riesenhaftes Glasperlenspiel.

Und am Ende ein Marsch

Aber die Gliederung in acht Passagen hilft beim Hören. Und ganz gegen Ende wird ein fast altmodischer Marsch gespielt. Nach der Pause dann die Wiederholung des seit der Uraufführung immer wieder erweiterte und nun 40 Minuten kurzen Werk. Aber jeder Zuhörer hatte einen anderen Platz. Wer vorher neben dem Klavier saß, hörte „Répons“ jetzt aus der Perspektive der Solo-Harfe oder des Vibraphons. Von hinten klang das Ensembles in der Mitte des Raums zuvor als eher verhangen, von vorne hell, präzise und klar an. Und was sich beim ersten Mal wie Elektronik wirkte, erwies sich nun öfter als handfeste Streichermusik.

„Répons“ behandelt Musiker wie Computerbauteile. Den interpretierenden Freiraum hat der Super-Programmierer Boulez bewusst gering gehalten. Das Stück stellt sich als in sich ruhendes, perfektes Meisterwerk vor. Das ist die eine Seite. Aber die andere gibt es auch, sonst wäre es kein Klassiker: Dass jeder anders hört, wird durch den bewusst engen Aufführungsort multipliziert, ja potenziert. Eine Erfahrung, die nur möglich ist, wenn man es zweimal hört. Und ein kleiner Luxus, der nur bei Festspielen möglich ist - außerhalb der Spielstätten, bei denen Smoking und Abendkleid Pflicht sind.

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