Daniil Trifonov spielt Chopin

Daniil Trifonov spielt im Herkulessaal pianistische Hommagen an Frédéric Chopin und dessen zweite Sonate
| Michael Bastian Weiß
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Der 1991 in Nischni Nowgorod geboren Daniil Trifonov gilt als zweiter Horowitz.
Dario Acosta Der 1991 in Nischni Nowgorod geboren Daniil Trifonov gilt als zweiter Horowitz.

Auf einmal steht, mitten in der Klaviersonate, die Zeit still. Daniil Trifonov berührt zwar noch die Tasten des Steinways, doch man kann den Druck, den Anschlag, nicht mehr wahrnehmen. Der Flügel summt nur noch, die Töne schweben in extremer Zeitlupe wie aus dem Nichts einher.

Der Schwere des berühmten Trauermarschs aus Frédéric Chopins Klaviersonate Nr. 2 b-moll wird nicht bloß eine tröstliche Melodie entgegengesetzt. Nein, Trifonov entflieht förmlich aus diesem Dasein und nimmt das ganze Publikum mit, das sich in eine nie dagewesene Traumwelt versetzt sieht.

Ein solcher Coup ist in einem hoffnungslos ausverkauften Saal schon ein Wagnis, und der Effekt ist extrem, selbst für einen kompromisslosen Pianisten wie Trifonov. Nicht auszudenken, wenn – leicht könnte es geschehen! – eine Taste einmal nicht ansprechen würde.

Unverwechselbarer Ton

Doch das Experiment gelingt, im Herkulessaal wird es wirklich still. Trifonov hat eben das Zeug zu so einer radikalen Maßnahme, nicht zuletzt, weil er nicht nur auf die fremdartige Wirkung setzt, sondern diese in einen tragfähigen Rahmen integriert. Denn irgendwie schafft er es dennoch, diese vier im Charakter so auseinanderstrebenden Sätze von Chopins zweiter Sonate unter eine Form zu zwingen.

Das aktuelle Programm des jungen Russen, das im ersten Teil aus lauter Hommagen an den Klavierkomponisten Chopin besteht, ist als Ganzes auffallend leise, poetisch, nach Innen gerichtet. Schon die einleitenden Variationen des Spaniers Frederic Mompou scheinen gedankenverloren über Chopins bekanntes kurzes Prélude A-Dur zu improvisieren; fantastisch, wie subtil Daniil Trifonov die Entwicklungen beleuchtet, wie selbst lebhaftere, jazzige Scherzando-Passagen die verhaltene Atmosphäre nicht verlassen.

Sein unverwechselbarer Ton, intensiv selbst im Pianissimo, oft sogar leicht spitz geformt, bewahrt ihn auch in Samuel Barbers Nocturne op. 33 vor jeder Weichzeichnerei. Erst gegen Ende der Chopin-Variationen op. 22 von Sergei Rachmaninow steuert der erste Teil dieses sorgsam zusammengestellten Programms auf eine nach Außen zielende Virtuosität hin. Ein Klavierabend, an den man sich noch lange erinnern wird.

Trifonovs CD-Album „Chopin Evocations“, erschienen bei der Deutsche Grammophon

 

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