Christian Friedel und das Projekt "Solaris": "München ist Heimkommen"
Im intensiven Leben von Christian Friedel ballen sich Veranstaltungen wie der Deutsche Filmpreis, den er fulminant moderiert hat, Dreharbeiten in Thailand für die satirische Superreichen-Serie „White Lotus“ oder Regieaufträge, Theaterrollen und Hollywood-Dreharbeiten. Morgen kommt Friedel aber mit seiner Band Woods of Birnam in den Gasteig HP8. Das Thema der Bandtour ist ihr Album „Solaris“ nach dem Science-Fiction-Roman von Stanislaw Lem von 1962, der ein Welterfolg wurde.
AZ: Herr Friedel, irgendwie geht es mit Ihrer Karriere wunderbar kräftig voran.
Christian Friedel: Dabei ist für mich das gerade vergangene Jahr weniger gerast als die davor. Es hatte - trotz vieler Ereignisse - gefühlt eine angenehme Schwebe.
Jetzt sind Sie aber sogar in Hollywood bekannt.
Der Türöffner war Michael Hanekes gleich zweifach oscar-nominierter Film „Das weiße Band“, wo ich den jungen Dorflehrer gespielt habe. Regisseur Jonathan Glazer wiederum ist ein Haneke-Fan und besetzte mich für „The Zone of Interest“ als KZ-Kommandant Rudolf Höß. Aber ich will nicht in Hollywood der Deutsche werden, der die Nazis spielt. Und seit der Streamingserie „White Lotus“, wo ich der Hotelmanager bin, habe ich noch größere internationale Aufmerksamkeit. Jetzt drehe ich in den USA auch einen Action-Film.

Dennoch haben Sie Zeit für ihr Bandprojekt Woods of Birnam. Das neue Projekt heißt „Solaris“ nach dem Roman von Stanislaw Lem.
Ich habe den Roman in Frankfurt schon fürs Theater dramatisiert.
Wenn man all die Verfilmungen, Hörspiele, Dramatisierungen nimmt, fällt auf, dass der Roman von 1962 durch alle Jahrzehnte seit seinem Erscheinen die Menschen beschäftigt hat. Warum?

Die Themen sind aktuell und werden es sogar immer mehr - angefangen vom Persönlichen „Wer bin ich?“ Da geht es auch um Vergangenheitsbewältigung und Schuld. Auf der Raumstation über dem Planeten Solaris kommt der Psychologe Kris Kelvin an und begegnet seiner - vor 10 Jahren verstorbenen - Freundin wieder, an deren Selbstmord er sich mitschuldig fühlt. Und dann geht es noch darum: Was ist der Mensch? Und hier kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel und die Frage, ob und wie man den Menschen ersetzen kann - bishin zu der Idee, einen Menschen künstlich wiedererschaffen zu können, sodass er glaubhaft Mensch ist. Der Roman ist gar kein typischer Science Fiction, eher Philosophie- oder Psycho-Fiction.
Aber rückt nicht eine Sci-Fi-Geschichte die Fragen wieder weiter von uns heute weg?
Nicht, wenn die Geschichte ein Spiegel der Gegenwart ist bei gleichzeitiger Fantasieebene in einer Zukunft, die einen beim Lesen ein bisschen von der harten Realität entlastet. Ich selbst war ein großer „Star Trek“-Fan, als es im ZDF lief, und habe da das nächste Jahrhundert gesehen, aber gemerkt: Hier geht es um Ausgrenzung oder Migration, auch wenn von Klingonen und Außerirdischen erzählt wird. Und das fand ich toll, so wie jetzt wieder bei der Beschäftigung mit „Solaris“.

Als Schauspiel kann man sich das gut vorstellen. Aber wie erzählt man „Solaris“ in Musik?
Grundlage ist die Atmosphäre, wenn man den Roman liest, welche Klangwelten man sich dabei vorstellt: der Plasma-Ozean, aus dem Solaris besteht, der selbst ja ein Lebewesen zu sein scheint. Aus ihm brechen Gesteinswelten, bauen sich auf und zerfallen wieder. Dann gibt es die Raumstation mit dem Surren der Ventilatoren und des Belüftungssystems. Das ist erst einmal die atmosphärische Grundlage. Dann haben wir über Kris Kelvin nachgedacht, seine Freundin, welche Gefühle sie hatten und welche Musik sie vielleicht gehört haben. Das ist manchmal naiv, manchmal eine komplexe Interpretation. Aber wir behaupten nicht, dass „Solaris“ genauso klingen muss.
Wie würde man den Sound für „Solaris“ beschreiben?
Vielleicht futuristischer Art-Pop? Aber sehr zugänglich, weil es Melodien gibt.
In der DDR war der polnische Roman lange verboten, weil er als „pessimistisch“ galt und keine positive gesellschaftliche Utopie hat.
Ich finde es lustig, dass die DDR, die ich ja noch elf Jahre lang erlebt habe, uns schützen wollte vor „Pessimismus“ oder „negativen Ideen“. Ich selbst bin aber jemand, der bei allem Schrecklichen, was auf der Welt oder bei uns passiert, nach vorne denke. Und im Falle von „Solaris“ hat man natürlich gegen Ende das Gefühl, dass Kelvin da festsitzt, in einer Zeitschlaufe gefangen ist, und hofft, dass seine Ex irgendwann wiederkommt. Das ist natürlich, düster, Stillstand und pessimistisch. Aber man kann sich ja als Leser auch von einer Geschichte abgrenzen und handeln - also loslassen und weiterbewegen, damit das Leben eben nicht steckenbleibt.
Es gibt ja auch im Roman die satirische Seite, dass die Wissenschaft hundert Jahre den Planeten Solaris erforsch und zu verstehen sucht, aber keine festen Erkenntnisse zustande bringt.
Das ist doch das Beruhigende: Etwas, was heute als Fakt gilt, kann in hundert Jahren auch anders gesehen werden. Das ist im Buch als menschliche Wissenschaftsreise auch humorvoll gezeichnet.

Die Texte zum Album „Solaris“ Ihrer Band Woods of Birnam hat ihr Schauspielkollege Robert Gwisdek geschrieben.
Ich habe mit Robert einen Film über den Tod seines Vaters Michael gedreht, der dieses Jahr ins Kino kommt. Dabei haben wir uns angefreundet und gemerkt, dass wir eine ähnliche Wahrnehmung von Dingen haben und uns gut ergänzen. Ich wollte daher die Texte für Woods of Birnam zu „Solaris“ von einem Menschen, der so wunderbar mit Sprache umgehen kann, schreiben lassen. Ich habe ihm Themenkomplexe und Gefühlsfelder vorgegeben, er hat mich lange interviewt - und herausgekommen ist ein fantastisches Konglomerat von Texten, aus denen ich dann für meine Songs schöpfen konnte.
Sie haben gesagt, dass „Solaris“ auch KI thematisiert. Benutzen Sie das auch?
Wir haben bei „Solaris“ ohne KI gearbeitet. In der Kunst ist KI selbst nicht kreativ, weil sie nur auf Bestehendes zurückgreifen kann. Aber um Gedanken zu ordnen, Themenfelder aufzubauen, Beispiele zu geben: Da ist sie schon gut einsetzbar, wie ein mitdenkender Gesprächspartner. Aber das „Perfekte“, das die KI immer versucht, ist nicht immer das künstlerisch sinnvolle, es fehlt der KI die künstlerische Freiheit, die Persönlichkeit. Wenn das die Grundlage wäre, würde alles glatt, steril.
Wenn Sie jetzt nach München kommen, ist das auch eine Heimkehr?
Klar, ich habe lange in München gelebt, war an der Falckenbergschule, an den Kammerspielen, auf der Bühne des Residenztheaters. Ich fühle mich in München sehr wohl. Jetzt lebe ich in Dresden und es ist sogar ähnlich bürgerlich, schön, nur darf man sich von der Behaglichkeit, der Sorgfalt, mit der alles gemacht ist, nicht die Kreativität nehmen lassen. Ich bin ständig unterwegs und da ist Dresden ein wunderbarer Ort, um runterzukommen. Diese Stadt fängt einen auf, gibt einem Kraft und Energie zurück. Und aus meiner Wohnung im Weißen Hirsch schaue ich auf die Elbe runter. Und das ist alles noch bezahlbar. In so einer Stadt kann sich noch alles mischen. Aber jetzt freue ich mich morgen auf „mein“ München.
Interview: Adrian Prechtel
Morgen, Do., 8. Januar, Gasteig HP8, Saal X, 20 Uhr: „Woods of Birnam - Solaris live“, 37 Euro, www.muenchenticket.de

