CD des Münchner Kammerorchesters: Ohne Scheuklappen und Denkverbote

Das Münchener Kammerorchester hat Werke von Komponisten aus der ehemaligen DDR aufgenommen.
| Marco Frei
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Der Komponist Georg Katzer 2012 Berlin bei der Verleihung des Deutschen Musikautorenpreises.
Der Komponist Georg Katzer 2012 Berlin bei der Verleihung des Deutschen Musikautorenpreises. © picture alliance / dpa

München - Das größte Ärgernis der deutschen Wiedervereinigung und zugleich ihr größtes Hindernis war eine latente Siegermentalität, mit der den Menschen in Ostdeutschland oftmals gegenübergetreten wurde.

Auch in der Kunst und Kultur regierte in den Wendejahren der 1990er bisweilen unerträgliche Arroganz. Da wurden selbst schöpferisch avancierte, auch couragierte Persönlichkeiten abfällig als "Propagandisten" oder "Agitatoren" des DDR-Regimes diskreditiert, als "Sozialistische Realisten" geradezu diffamiert. Viele wurden an den Rand gerückt, ad acta gelegt, blieben vom Betrieb ausgeschlossen und ohne Würdigung.

Im kommunistischen Ostblock zählte Katzer zu den Pionieren elektroakustischer Musik

Was dabei in ideologischer Verblendung an wertvollen Schätzen leichtfertig vom Tisch gefegt wurde, das offenbart eine neue CD des Münchener Kammerorchesters. Unter der Leitung seines Chefdirigenten Clemens Schuldt reflektiert das MKO zwei ostdeutsche Komponisten: Georg Katzer und Friedrich Goldmann. In der ehemaligen DDR werden sie einerseits für ihre geistig-künstlerische Integrität in der Szene gefeiert und zugleich von der offiziellen Kulturpolitik misstrauisch beäugt.

Im kommunistischen Ostblock zählt der 2019 verstorbene Katzer zu den Pionieren elektroakustischer Musik. Mit diesem Profil erregt er auch im westlichen Ausland ähnlich großes Aufsehen wie der 2009 verstorbene Goldmann.

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Schon als 18-Jähriger wird Goldmann von Karlheinz Stockhausen zu den Darmstädter Ferienkursen 1959 eingeladen. Der Mauerbau macht weitere Reisen bis in die 1970er Jahre hinein unmöglich. Allerdings bleibt Goldmann im Briefkontakt mit Stockhausen, Luigi Nono oder Pierre Boulez.

Goldmann kennt weder Scheuklappen noch Denkverbote

Als Dirigent leitet er in den 1980er Jahren die deutschen und französischen Erstaufführungen von Nonos epochalem Musiktheater "Prometeo". Ob freie Atonalität und serielle Techniken, mikrotonale Reibungen und rhythmische Schärfungen, geräuschhafte Klanglichkeiten oder clusterhafte Klangtrauben: Goldmann kennt weder Scheuklappen noch Denkverbote. Als Pädagoge inspiriert er unterschiedliche Komponisten wie Enno Poppe, Sergej Newski, Helmut Oehring oder Arnulf Herrmann. In der ehemaligen DDR wie auch nach der Wiedervereinigung gilt Goldmann als scharfsinniger Beobachter.

Hinwendung zu einer Postmoderne ist schon zu erkennen

Sein Schaffen gerät indessen im wiedervereinigten Deutschland genauso ins Abseits wie im Fall von Katzer. Auf das Jahr 1971 geht seine "Streichermusik 1" für 14 Solisten zurück. Mit konsequenter Reduktion der Mittel und geräuschhaften Klangaktionen arbeitet sich die Musik zu einem A-Dur-Dreiklang durch, ohne ihn je zu erreichen.

Die Konsonanz als Sinnbild für Eintracht und Harmonie, zumal im "Sozialistischen Realismus", bleibt hier bloße, jäh entlarvte Utopie. Gleichzeitig kündigt sich in diesem Werk das an, was auch bei manchen westlichen Avantgardisten zeitgleich zu beobachten ist: die Hinwendung zu einer Postmoderne.

In den "Drei Klangreden" für Streichorchester von 2004 ist dieser Schritt längst vollzogen. Hier aber, in der "Streichermusik 1", wird ein geradezu existenzielles Ringen um Sein und Wollen hörbar. Schon dies durchdringt das MKO mit äußerster Intensität. Das gilt auch für die beiden Werke von Goldmann. Da ist "…fast erstarrte Unruhe…2" für neun Ausübende von 1992: In dieser wortlosen Reflexion von Walter Benjamin kommt vielfach eine fast schon desolate Ratlosigkeit zum Klingen.

In jedem Moment kann die Katastrophe hereinbrechen

Dagegen bricht das "Ensemblekonzert II" für 16 Ausübende von 1985 mit Erwartungen - gerade in den Momenten, die sich traditionsgebunden geben. Inmitten der sonst atonal-seriellen Klanglichkeit huscht eine spätromantische Diktion durch die Takte. Es ist ein Zitat aus der Urfassung von Bruckners Vierter. Hinter diesen Fassaden der Tradition tun sich veritable Abgründe auf. Es sind quasi-symphonische Zerfallsprozesse, die in Gang gesetzt werden.

Eine "heile Welt" erlaubt sich Goldmann gar nicht, im Gegenteil: In jedem Moment kann die Katastrophe hereinbrechen. Diese auskomponierte subtile Kritik am Ist-Zustand wird vom MKO in jedem Takt ausgedrückt: unerhört schonungslos.


Georg Katzer, Friedrich Goldmann: Werke (Neos)

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