Bruce Springsteen: Mit über 70 wieder der Alte

Bruce Springsteen hat seine E Street Band wie in den 70ern und 80ern einfach drauflos spielen lassen - und klingt auf "Letter To You" wieder wie damals in seinen besten Zeiten.
| Dominik Petzold
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Bruce Springsteen hat das Album im vergangenen, verschneiten Winter in seiner Heimat in New Jersey aufgenommen.
Bruce Springsteen hat das Album im vergangenen, verschneiten Winter in seiner Heimat in New Jersey aufgenommen. © Danny Clinch

Wer jemanden beschenkt, bekommt etwas zurück: ein Lächeln, Dank, die Freude des Gegenübers. Und manchmal noch viel mehr. So wie der Fan von Bruce Springsteen, der die Broadway-Show seines Idols besuchte und diesem danach eine Gitarre schenkte. Springsteen bedankte sich, nahm das Instrument mit nach Hause - und schrieb darauf später innerhalb von zehn Tagen alle neuen Songs seines Albums "Letter To You".

Jahrelanges Warten auf Springsteens Album

Dieser Fan muss gerade ein sehr stolzer Mann sein. Zumal "Letter To You" passenderweise genau das Album ist, auf das Springsteen-Fans seit Jahrzehnten warten. Er hat es live mit seiner E Street Band aufgenommen, wie er es in den 70ern und 80ern meistens tat. Und das logische Ergebnis: Erstmals seit damals hat eine Platte den klassischen Springsteen-Sound, mit dem er seinerzeit zu einer amerikanischen Weltmarke wurde, fast so groß wie Coca-Cola und der Weihnachtsmann.

In nur fünf Tagen haben Springsteen und seine alten Kumpels die Platte aufgenommen, in dem Studio in seinem Anwesen, gleich ums Eck von seinem Geburtsort in New Jersey, in der Gegend also, in der die E Street Band vor fast 50 Jahren gegründet wurde. Die Musiker hatten auch in den letzten Jahrzehnten oft auf Springsteens Rockplatten gespielt, aber der hatte zuvor immer Demos aufgenommen und die Arrangements festgelegt. Nun hätten sie endlich wieder wie eine Band gearbeitet, sagte Gitarrist Steve Van Zandt: Bruce habe den anderen vertraut und sie einfach spielen lassen.

E Street Band: Glockenspiel und Tremolo-Gitarren

Auf die Idee hätte er schon früher kommen sollen. Auf seinen letzten Rockalben "Wrecking Ball" (2012) und "High Hopes" (2014) waren die Songs mittelmäßig, vor allem aber klangen sie fürchterlich: gewollt modern, hyperkomprimiert und bleiern schwer.

ie halbe E Street Band (v.l.): Roy Bittan, Bruce Springsteen, Max Weinberg, Charlie Giordano und Steve Van Zandt.
ie halbe E Street Band (v.l.): Roy Bittan, Bruce Springsteen, Max Weinberg, Charlie Giordano und Steve Van Zandt. © Rob DeMartin

Der Produzent Ron Aniello ist zwar weiterhin verantwortlich, aber den Sound von "Letter To You" prägt die live aufspielende E Street Band: mit Glockenspiel, mit Tremolo-Gitarren im Stil der Sechziger, mit Roy Bittans oktavierten Piano-Läufen, mit Max Weinbergs kerzengeradem Schlagzeugspiel, mit Charlie Giordanos souligen Hammond-Orgel-Fills, die sein Vorgänger Danny Federici nicht anders gespielt hätte. Und auch der Geist des anderen verstorbenen E Streeters, Clarence Clemons, ist spürbar, wenn sein Neffe Jake Clemons ins Saxophon bläst.

Bruce Springsteen als "Last Man Standing"

Mit dem Sound feiert Springsteen seine klassische Ära bis "Born In The U.S.A" - und er hat die passenden Songs dazu geschrieben. Inspiriert hat ihn ein trauriger Anlass: der Tod seines Jugendfreunds George Theiss. Der war der letzte lebende Kollege seiner ersten Band "The Castiles". Nun ist Springsteen der "Last Man Standing", wie er in einem Song singt, und er gedenkt des Freundes in weiteren Liedern, singt in "Ghost", dass er den Sound von dessen Gitarre höre, und verspricht im Schlusssong: "I'll See You in My Dreams". Vor allem aber besingt Springsteen, was er und Theiss als Jugendliche entdeckt haben: die Kraft der Musik.

In "Last Man Standing" lässt er die Magie der gemeinsamen Konzertnächte aufleben, und kraftvoll beschwört er das "House Of A Thousand Guitars", also all die Kathedralen des Rock'n'Roll, die er seit fünfzig Jahren bespielt: "from the stadiums to the small town bars". Und ausgerechnet in diesem Song, in dem das nostalgische Album am nostalgischsten wird, besingt Springsteen in zwei Zeilen Donald Trump, dem er ansonsten keine Aufmerksamkeit schenkt. Doch wer könnte sonst gemeint sein als "krimineller Clown, der den Thron gestohlen" hat?

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"Letter to You": Kraftvoll und eingängig

Der schönste der neuen Songs ist "The Power of Prayer": Da singt Springsteen zu einer entzückenden Soul-Melodie, wie der Barmann die letzte Runde ausruft und gerade noch rechtzeitig Ben E. Kings "This Magic Moment" erklingt - das müsse an der Kraft des Gebets liegen, singt der Musik-Enthusiast.

Auch die meisten der anderen neuen Songs sind kraftvoll und eingängig, etwa "Burnin' Train" oder "Rainmaker", aber Springsteen hat es nicht dabei belassen: Er hat drei bislang unveröffentlichte Stücke aus den Siebzigern aufgenommen: "Janey Needs A Shooter" habe es ihm besonders angetan, sagte er kürzlich der "dpa", weil der Song den Geist von Bob Dylan und seines eigenen Albums "Darkness On The Edge Of Town" von 1978 vereine. Und tatsächlich, er bläst so energisch in die Mundharmonika wie auf dieser Platte, die ihm selbst am wichtigsten ist.

Musik von vor seinem Debütalbum 1973

"Song For Orphans" und "If I Was The Priest" reichen noch weiter zurück: Springsteen hat sie 1970/1971 geschrieben, lang vor seinem Debütalbum 1973, in einer Zeit also, als Springsteens Kreativität zügellos war, seine Texte viel zu lang und übersprudelnd, seine Musik überschäumend-euphorisch - und kommerziell aussichtslos.

Er ließ diesen Stil nach seinem Durchbruch "Born To Run" (1975) weitgehend hinter sich, seine Lieder wurden kompakter und er ein Weltstar. Erstaunlich, dass er nun wieder auf diese Stücke zurückkommt. Sie ragen auf diesem wunderbaren Album heraus.

Frischer Sound der Siebziger in Springsteens neuem Album

Es ist bemerkenswert, wie der 71-Jährige den Sound und wilden Geist dieser jugendlichen Stücke hinbekommt, wie frisch sie klingen, wie sie den Springsteen-Sound der ersten Hälfte der Siebziger einfangen. Und seine leicht heisere Stimme klingt ganz ähnlich wie damals, sprich: Sie klang seit Ewigkeiten nicht mehr so gut.

Die erstaunliche Renaissance des Bruce Springsteen geht also weiter, nach seiner großartigen Autobiographie, dem Erfolg seiner Broadway-Show und "Western Stars”, dem schönen, ruhigen Southern California-Pop-Album von 2019.

"Ich fühle mich vitaler als je zuvor im Leben, die Band ist auf der Höhe ihrer Kunst”, sagte er der "dpa”, und kündigte an, nach der Corona-Zeit wieder mit der E Street Band auf Tour gehen zu wollen. Seine Fans erwarte da eine "neue Explosion auf der Bühne”. Bis dahin können sie sich an dem alten Sound des neuen Albums erfreuen. Wie dessen Titel schon andeutet: "Letter To You" ist ein freundlicher Gruß an sie.


Bruce Springsteen: "Letter To You" (Columbia/Sony)

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