Bibiza: "Wien ist manchmal schon sehr kleinkariert"
Der österreichische Musiker Franz Bibiza (geb. 1999) veröffentlicht am 31. Juli sein neues Album "RocknRollStar". Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erzählt der Sänger, warum "Sex, Drugs and Rock'n'Roll" aus der Zeit gefallen ist, wie viel Franz im Künstler Bibiza steckt und warum er darüber nachdenkt, Wien für eine Weile hinter sich zu lassen.
Was macht für Sie einen Rock'n'Roll-Star aus?
Franz Bibiza: Ein Rock'n'Roll-Star steht für Spaß, wilde Live-Shows, dafür, auch mal anzuecken und sich musikalisch etwas zu trauen. Es geht darum, gegen die Norm zu arbeiten und sein eigenes Ding durchzuziehen.
Kann man heutzutage noch gut ein Rock'n'Roll-Star sein?
Bibiza: Ja, auf jeden Fall. Die Definition hat sich aber verändert. Man kann heute nicht mehr so leicht wie früher auf alles pfeifen, weil durch Social Media viel mehr in der Öffentlichkeit stattfindet. Diese Mystifizierung, dieses Unnahbare, ist kaum noch möglich. Man steht die ganze Zeit im Schaufenster. Gleichzeitig hat sich auch das Bewusstsein für moralische Werte verändert. Rückblickend finde ich nicht, dass es besonders Rock'n'Roll war, Frauen schlecht zu behandeln oder völlig daneben zu sein. Man kann gesund leben, Spaß an der Sache haben, eine gute Energie verbreiten und trotzdem Rock'n'Roll sein.
Gibt es für Sie in dem Bereich ein Vorbild?
Bibiza: Es gibt viele. Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers war für mich immer einer der coolsten Typen. Im vergangenen Jahr habe ich dann diesen Oasis-Hype erst richtig kennengelernt. Früher fand ich Blur und Gorillaz cooler. Daran sieht man aber auch, wie unterschiedlich Rock'n'Roll sein kann. Die Red Hot Chili Peppers standen in den Achtzigern halbnackt auf der Bühne, Liam Gallagher trägt meistens langärmlige Shirts und sieht eher normal aus. Dafür ist er von der Attitüde her extrem.
Sie haben unter anderem "Soda Zitron" vorab veröffentlicht. Warum haben Sie einem Getränk ein ganzes Lied gewidmet?
Bibiza: Das war gar keine lange Überlegung. Ich trinke Soda Zitron schon mein Leben lang, und es gab noch keinen Song darüber. Außerdem bin ich oft in Deutschland und habe das Gefühl, dass viele dort noch nicht wirklich verstanden haben, was Soda Zitron ist. Damit wollte ich ein bisschen aufräumen. Für mich ist es einfach das beste Getränk. Gerade wenn man verkatert ist, ist es perfekt: Wasser, Zitrone, fertig. Ich hoffe, dass ich beim nächsten Mal in Berlin ein richtiges Soda Zitron bekomme.
In den Clips zum Song sind Sie an ikonischen Orten in Wien zu sehen. Wien spielt seit jeher eine große Rolle bei Ihnen. Was gibt Ihnen diese Stadt, was andere Städte Ihnen nicht geben?
Bibiza: Wien ist in erster Linie meine Heimat. Es ist eine Großstadt, fühlt sich aber oft wie ein Dorf an. Man kommt relativ schnell von einer Seite der Stadt zur anderen, das macht Wien sehr angenehm und charmant. Trotzdem spiele ich gerade mit dem Gedanken, woanders zu wohnen. Nicht dauerhaft, aber ich hätte Lust, einmal ein bisschen rauszukommen. Die letzten vier Jahre war ich sehr in einem Tunnel, weil ich durchgehend Musik veröffentlicht und gearbeitet habe. Das werde ich weiterhin tun, aber für mich fühlt sich Wien im Moment ein bisschen durchgespielt an.
Welche Stadt könnten Sie sich vorstellen - und warum?
Bibiza: Ich würde gern einmal eine Zeit lang in Paris leben. Paris ist für mich wie ein größeres Wien: noch europäischer, noch offener, noch weltläufiger. Wien ist manchmal schon sehr kleinkariert. Wenn man Musikvideos drehen oder moderne, progressive Projekte umsetzen will, stößt man oft auf langsame Genehmigungen und viele Hürden. In Städten wie Berlin ist das häufig einfacher. In Wien muss man zehnmal ein Nein hören, bis irgendwann ein Ja kommt. Das nervt mich.
Auf dem Album befinden sich mit "Unterwegs" oder "Sterne" mehrere Songs mit Reise-Kontext. Waren Sie während der Entstehung viel unterwegs?
Bibiza: Ja, kein Song auf diesem Album ist in Wien entstanden. Die Alben davor sind alle ausschließlich dort entstanden. Dieses Mal waren wir in Ungarn, Norwegen und Spanien. Wir haben Bandcamps gemacht und dort intensiv gearbeitet. Es hatte etwas von Schullandwoche: zehn Tage mit der ganzen Band, Equipment aufbauen und jeden Tag zwei Songs machen. Früher habe ich Musik eher aus dem Alltag heraus gemacht: zwei- bis dreimal pro Woche eine Session in Wien und danach zurück ins normale Leben. Bei diesen Camps war das anders. Wenn man einmal drin ist, hört man kaum noch auf. Am Anfang versucht man noch, sich vernünftig zu ernähren und früh schlafen zu gehen. Nach ein paar Tagen ist man bis fünf Uhr morgens wach und beginnt um acht Uhr wieder aufzunehmen. Dadurch entsteht sehr viel.
Machen Sie sich selbst Druck oder spüren Sie auch Druck von außen?
Bibiza: Ich merke schon Druck von außen, aber den größten Druck mache ich mir selbst. Ich bin sehr motiviert und ehrgeizig, und ich will diesen Druck auch bis zu einem gewissen Grad haben. Ich muss nur lernen, ihn zwischendurch wieder abzuschalten. Ich bin jemand, der entweder Vollgas gibt oder komplett abschaltet. Einen Mittelweg zu finden, fällt mir schwer. Wenn ich mit 300 km/h unterwegs bin, bin ich schnell frustriert, wenn andere nur 100 km/h fahren.
Ihre Tour wird in größeren Venues stattfinden. Was verändert sich dadurch für Sie?
Bibiza: Bei uns selbst verändert sich gar nicht so viel. Wir proben immer noch auf dieselbe Weise und auch nicht übermäßig viel (lacht). Was sich verändert, ist die Verantwortung. Die Produktion wird größer, es geht um mehr Geld, und wenn etwas nicht funktioniert oder sich nicht verkauft, spürt man das stärker. Es ist auch ein größeres Risiko. Gleichzeitig hatte ich das Glück, in meiner Karriere sehr konstant mitwachsen zu können. Es gab nie diesen einen riesigen Sprung nach oben, auf den ich nicht vorbereitet gewesen wäre. Es fühlte sich immer so an, als wäre ich für den nächsten Schritt bereit.
Wird es mit zunehmender Bekanntheit schwieriger, zwischen Bibiza und der Privatperson Franz zu unterscheiden?
Bibiza: Eigentlich nicht, weil es dieselbe Person ist. Franz ist Bibiza. Bibiza ist nur eine komprimiertere, kanalisierte Version davon. Franz ist sozusagen 100 Prozent, Bibiza sind vielleicht 30 Prozent davon. Es gibt keinen wirklichen Switch. Es ist eher so, dass ich bestimmte Anteile weglasse, wenn ich als Bibiza auftrete. Ich muss aber nichts Künstliches hinzufügen.
Was nervt Sie bis heute an der Musikindustrie?
Bibiza: Mich stört, dass alle denselben Sound machen, sobald etwas funktioniert. Mir ist das zu wenig kreativ. Wenn ein Sound erfolgreich ist, kommen sofort sehr viele ähnliche Acts nach. Ich verstehe, warum das passiert. Aber ich finde es schade, dass so vieles gleich klingt und sich so wenige wirklich etwas trauen. Ich frage mich dann schon: Warum machen diese Leute Musik? Weil sie es als angenehmen Job sehen, fast wie Influencer? Oder weil sie als Kinder den Traum hatten, Musik zu machen, um eine eigene Haltung, eine eigene Meinung oder etwas Besonderes in die Welt zu setzen?
Sie haben bereits mit Bausa und Ikkimel zusammengearbeitet. Mit welchen deutschen oder deutschsprachigen Acts würden Sie noch gern arbeiten?
Bibiza: Ich finde Levin Liam sehr cool. Gleichzeitig finde ich es super, was gerade in Österreich passiert. Ich liebe Bilderbuch und Wanda sowieso, aber ich finde auch Acts wie Cordoba78 oder Laurenz Nikolaus interessant. Ich finde dieses Austropop-Revival sehr spannend. Es gibt eine neue Generation. Ich selbst war lange in einer Art Zwischengeneration und in meiner eigenen Phase oft eher allein. Vor mir waren Wanda und Bilderbuch, danach kam ich etwa zehn Jahre später, und jetzt kommt noch einmal eine jüngere Welle nach.
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