"Beethoven. Unsterbliches Genie" von Peer Meter und Rem Broo

Comic-Autor Peer Meter hat mit dem Zeichner Rem Broo eine groteske und amüsante Graphic Novel über das Ende Ludwig van Beethovens komponiert.
| Christa Sigg
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Beethovens letzte Wohnung: das Schwarzspanierhaus, ein ehemaliges Kloster. Hier wohnte der Komponist im zweiten Stock von 1825 bis zu seinem Tod am 26. März 1827.
Carlsen-Verlag Beethovens letzte Wohnung: das Schwarzspanierhaus, ein ehemaliges Kloster. Hier wohnte der Komponist im zweiten Stock von 1825 bis zu seinem Tod am 26. März 1827.

Wie ein gerupftes Huhn lag er im Sarg. So viele haben sich noch ein Souvenir vom großen Ludwig van Beethoven abgezwackt. Und eine Haarsträhne konnte man schnell in der Rocktasche verschwinden lassen. Darin dürften die Totenbettgänger dieser Zeit sehr geübt gewesen sein, andernfalls gäbe es nicht all die haarigen Devotionalien in den Museen und Archiven der Welt.

Im Schwarzspanierhaus in Wien war an den Tagen nach dem 26. März 1827 jedenfalls einiges geboten. Immerhin hatte ein Genie das Zeitliche gesegnet und dazu eines, das von keiner Witwe und nicht einmal von Verwandten abgeschirmt wurde. Stattdessen hatte Beethoven plötzlich lauter „ganz enge Spezln“ und Gefährten, die alle am Ruhm teilhaben wollten – und Tote können sich bekanntlich nicht wehren.

Eine rabenschwarze Komödie

Es ist eine schräge Mischung aus Leichenfledderei und Legendenbildung, die der Comic-Autor Peer Meter („Gesche Gottfried“, „Haarmann“) in seiner neuen Graphic Novel „Beethoven – Unsterbliches Genie“ aufgreift. Und er hat gut recherchiert. Bis auf den Totengräber und einen gewissen Louis Lefebvre aus Paris ist es das historisch verbriefte Umfeld, das sich in dieser rabenschwarzen Komödie um den Wiener Superstar ein Stelldichein gibt: vom Sekretär und Möchtegern-Freund Anton Schindler, der in seiner Biografie vor keiner Dokumentenfälschung zurückschrecken wird, bis zum Bruder, der die Wohnung nach geschuldetem Geld durchwühlt.

Dazwischen verdrückt eine „ferne Geliebte“ ihre Tränchen, und eine Uraufführungssängerin der neunten Sinfonie verlangt nach einer Locke. Sie habe dafür gesorgt, dass sich der taube Meister nach der Vorstellung im Kärntnertortheater überhaupt erst zum Publikum drehte, um die Begeisterung wenigstens zu sehen. Das ist so traurig wie grotesk komisch und könnte sich heute ganz genauso abspielen.

Peer Meter hat sich gegen eine Biografie entschieden. Der Auftritt von Beethovens posthumen Anhängern und vielsagende Rückblenden in die fürchterliche Kindheit oder in seinen verwahrlosten Haushalt genügen, um den Komponisten greifbar zu machen. Dass er 32 Klaviersonaten geschrieben hat, kann man schließlich in jedem Beethoven-Band und auf Wikipedia nachlesen.

Das alte Wien lebt auf

Sehr viel spannender ist da das alte Wien, das der Zeichner Rem Broo herrlich pointiert und in nostalgischen Strichen aufleben lässt – übrigens bis in Details wie ein zeittypisches Tapetenmuster, das die Einbandspiegel ziert. Der gelernte Architekt hat nicht nur historische Stiche studiert, sondern die wichtigen Orte Beethovens besucht. Über 60 Mal ist der unstete Musiker umgezogen, das wird mit der Odyssee Lefebvres durch Wien nonchalant eingepflegt.

Der Franzose – natürlich auch einer der „größten Verehrer“ – wünscht sich zunächst nur eine Widmung und gerät alsbald in die tollste Leichenplünderei, die sich so wohl nur in Wien zutragen konnte. Das alles gipfelt dann in der grausigen Tatsache, dass Beethoven am Ende noch der Kopf abgesägt wird. Wie einst Joseph Haydn. Doch auch das war nichts Ungewöhnliches, wenngleich man heute mindestens schockiert ist.

Im Falle Beethovens sind Knochenreste vom Schädel bis im fernen Kalifornien zu finden – mit der entsprechenden DNA und einem horrenden Bleigehalt. Das giftige Schwermetall hat dem armen Kerl ja vermutlich den Verlust des Gehörs und ein qualvolles Siechtum beschert. Und selbst diesen Part lässt Peer Meter nicht aus, da hat er sich schon sehr tief ins morbide Wien eingegraben.

Peer Meter, Rem Broo: „Beethoven. Unsterbliches Genie“ (Carlsen Verlag, 144 Seiten, 22 Euro). Sie erhalten diese Graphic Novel im örtlichen Buchhandel, der vielfach trotz Schließung per Post oder durch Boten ausliefert
 

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