Barbara Hannigan dirigiert "The Rake's Progress"

Die Sängerin und Dirigentin über ihr Projekt „Equilibrium“, mit dem sie Strawinskys „The Rake’s Progress“ im Gasteig aufführt
| Marco Frei
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Barbara Hannigan als Dirigentin.
Barbara Hannigan als Dirigentin.

Im März dirgierte sie bereits Mozarts „Requiem“. Nun kehrt Barbara Hannigan mit Igor Strawinskys „The Rake’s Progress“ zu den Münchner Philharmonikern in den Gasteig zurück. Alle Rollen werden von Teilnehmern des Mentoring-Programms „Equilibrium“ („Gleichgewicht“) übernommen, mit dem Hannigan junge Sängerinnen und Sänger unterstützt, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Die Aufführung war im März bereits in Brüssel zu sehen und gastiert anschließend in Amsterdam, Dortmund, Dresden und Hamburg.

AZ: Frau Hannigan, was können junge Sänger von „The Rake’s Progress“ lernen?
Barbara Hannigan: Alle Menschen können von diesem Stück lernen. Immerhin geht es um einen jungen Mann, der seine Seele an den Teufel verkauft – für Ruhm und Reichtum. Als Künstler müssen wir uns fragen, ob wir Kompromisse eingehen oder nicht. Wie bleiben wir unseren eigenen Werten und unserer Haltung treu? Da sind wir mitten im Stück.

Kann man den Teufel auch als Metapher für den kommerzialisierten Musikbetrieb sehen?
Als ich meine Karriere begann, war das Internet gerade erst geboren. Heute, 25 Jahre später, sind die Menschen ständig online. Ich denke nicht, dass das negativ sein muss. Viele hätten ohne das keinen Zugang zu dieser Musik. Wenn es aber zu Kompromissen führt, ist das nicht gesund. Dennoch glaube ich nicht, dass PR die Stimmen zerstören kann.

Sondern?
Die Gefahr ist, dass man einem vermeintlichen Mainstream hinterherhechelt. Manche konzertieren Abend für Abend mit zu vielen Programmen oder Rollen, die der Stimme gänzlich Diverses abverlangen. Oder sie beginnen viel zu früh mit einem Repertoire, das noch zu groß ist für die Stimme. Die Frage ist, wie wir Künstlertum verstehen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass man es ohne Arbeit schafft. Bei „Equilibrium“ geht es um Entwicklung und Anleitung, einen umsichtigen Reifeprozess. Dafür sind aber zuallererst die Sänger selbst verantwortlich.

Haben Sie mit „Equilibrium“ auch Konsequenzen aus Ihrer eigenen Karriere gezogen?
Mein Werdegang war nicht typisch. Ich startete mit zeitgenössischer Musik, hatte kein festes Opern-Engagement und bis ich 40 Jahre alt war keinen Hauptagenten. Ich stand in direktem Kontakt zu anderen Musikern, eine Anleitung von Mentoren. Mir war das extrem wichtig, ein unschätzbarer Wert.

Warum?
Weil es mich verantwortlich machte für mich selbst und ich der Musik treu sein konnte, die ich liebe. Das Publikum begann mir zu vertrauen, weil es wusste und spürte, dass ich alles aus Liebe mache. Viele haben Angst davor, ohne Engagements dazustehen. Man muss aber ehrlich sein gegenüber der Musik. Erst das generiert Energie. In diesem Sinn hatte ich keine Angst, als ich jung war – nur Lampenfieber. Mit Sportpsychologen habe ich frühzeitig daran gearbeitet, diese Angst zu beherrschen. Bei „Equilibrium“ arbeiten wir an der stimmlichen und mentalen Gesundheit. Wir laden Dirigenten, Casting-Direktoren und Agenten ein, die mit uns darüber reden, wie man in schwierigen Zeiten mit Druck umgeht – und wie man nein sagt.

Wie wählen Sie die Kandidaten für „Equilibrium“ aus?
Ich hatte 350 Bewerbungen aus 39 Ländern. Zuerst bat ich um Videos, CDs und ein persönliches Motivationsschreiben. Außerdem bat ich um etwas Verständnis für die Musik, die mit mir verbunden ist – welche Art von Musikerin ich bin. Sie sollten vorab wissen, ob sie mit mir arbeiten möchten, weil ich eben anders bin. Daraus habe ich 125 ausgewählt, die ich mir live anhörte – in Stockholm, Zürich, Paris und London. Das habe ich alles selbst finanziert. Daraus habe ich 18 oder 19 besondere Persönlichkeiten ausgewählt. Viele komponieren auch oder dirigieren, sie fotografieren, dichten und tanzen – multitalentierte Menschen eben.

So wie Sie selbst. Haben Sie nach kleinen Hannigans gesucht?
Es ist immer gesund und hilfreich, unterschiedliche Interessen zu haben. Ich habe nicht nach kleinen Hannigans gesucht, wohl aber nach ähnlich gesinnten Künstlern. Ich wollte Menschen miteinander verbinden, die auch mir etwas beibringen konnten. Es ist extrem wichtig, dass man sich von anderen inspirieren lässt. Am Tag des Vorsingens haben wir in kleinen Gruppen miteinander gesprochen.

Was war für Sie der bewegendste Moment?
Als ich gefragt wurde, wie man singt, wenn man trauert. Die Bewerberin hatte gerade ihre Mutter verloren. Wenn wir trauern, verengt sich die Kehle, der Körper verschließt sich, die Zunge drückt nach hinten, das Zwerchfell kontrahiert. Mit verschiedenen technischen Übungen kommt man aus dem Panik-Modus heraus. Wir müssen uns aber auch um uns selbst kümmern. Manchmal ist es einfacher, sich um andere zu sorgen. Wer Karriere macht und viel alleine ist, muss dringend lernen, sich selbst gegenüber wachsam zu sein. Man muss sich und sein Instrument behandeln wie den besten Freund. Gerade die Stimme ist Ausdruck der ureigenen Seele.

„The Rake’s Progress“ am Dienstag und Mittwoch um 20 Uhr im Gasteig, 20 Uhr. Karten online unter www.mphil.de und unter Telefon 54 81 81 400

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