Interview

Bach-Festwoche ohne Bach-Chor: Hansjörg Albrechts Fest für Karl Richters 100. Geburtstag

Warum der Organist, Dirigent und Chorleiter Hansjörg Albrecht bei aller Distanz anlässlich des 100. Geburtstags von Karl Richter eine Festwoche zu Ehren seines Vorgängers ausrichtet
von  Robert Braunmüller
Karl Richter 1977 an der Orgel in Ottobeuren.
Karl Richter 1977 an der Orgel in Ottobeuren. © imago/Michel Neumeister

Der 1926 im sächsischen Plauen geborene Dirigent, Chorleiter und Organist gründete in der Nachkriegszeit den Münchener Bach-Chor. Karl Richter sorgte für eine heute kaum mehr nachvollziehbare Bach-Begeisterung in der Stadt und darüber hinaus auf Tourneen durch die ganze Welt. Seine Aufnahmen der Matthäus-Passion und des Weihnachtsoratoriums sind nie vom Markt verschwunden und werden bis heute verkauft. 1981 starb er im Alter von 54 Jahren an Herzversagen. Anlässlich seines 100. Geburtstags am 15. Oktober veranstaltet Hansjörg Albrecht in diesem Monat eine Bach-Festwoche.

AZ: Herr Albrecht, ich hoffe, Sie legen nicht gleich das Telefon auf. Aber ich habe vor ein paar Tagen eine Bach-Kantate unter Karl Richter gehört und fand den Breitwand-Stil und den opernhaften Gesang der Solisten schwer erträglich. Daher: Sagt uns Richter heute noch etwas?
HANSJÖRG ALBRECHT: Da gebe ich Ihnen durchaus recht. Ich bin auch selbst kein Richterianer. Es hat mir viel Schelte eingebracht, als ich mich 2005 von ihm distanziert habe, als ich den Bach-Chor übernahm.

Warum dann eine Festwoche?
Ich hatte das Glück, fünf Jahre mit Peter Schreier durch die Welt touren zu dürfen. Schreier war, bevor er selbst dirigierte, einer der bevorzugten Solisten Richters. Er hat mir sehr viel über ihn erzählt. Und ich höre auch von Vertretern der Historischen Aufführungspraxis wie John Eliot Gardiner, Philippe Herreweghe oder Masaaki Suzuki, dass sie durch die Richter-Platten Bach kennengelernt haben, ehe sie als Interpreten einen anderen Weg eingeschlagen haben.

Hansjörg Albrecht wurde 1972 in Freiberg (Sachsen) geboren. Er sang im Dresdner Kreuzchor und studierte dirigieren und Orgel. Von 2005 bis Ende der Saison 2022/2023 war Albrecht Künstlerischer Leiter des Münchener Bach-Chores und des Münchener Bach-Orchesters.
Hansjörg Albrecht wurde 1972 in Freiberg (Sachsen) geboren. Er sang im Dresdner Kreuzchor und studierte dirigieren und Orgel. Von 2005 bis Ende der Saison 2022/2023 war Albrecht Künstlerischer Leiter des Münchener Bach-Chores und des Münchener Bach-Orchesters. © Michaela Kuhn

Was beeindruckt Sie persönlich an Richter?
Er war in der Ära der Langspielplatte als Bach-Interpret marktbeherrschend wie Herbert von Karajan im Bereich der Sinfonik. Das ist heute kaum mehr vorstellbar. Dann interessiert mich als im Osten Geborenen, dass Richter mit Geldern des Auswärtigen Amts in Zeiten des Kalten Kriegs auch in der damaligen Sowjetunion gastieren konnte. Und am wichtigsten: Mich beschäftigt der Stilwandel von Richter weg zur Historischen Aufführungspraxis, wie eine Welle irgendwann eine Gegenbewegung auslöst. Außerdem überrascht mich immer wieder, wie oft ich von Älteren noch auf Richter angesprochen werde.

Johann Sebastian Bach (1685- 1750), porträtiert 1746 von Elias Gottlieb Haussmann
Johann Sebastian Bach (1685- 1750), porträtiert 1746 von Elias Gottlieb Haussmann © IMAGO/World History Archive

„Sein Bach sollte zu Herzen gehen“

Und was hören Sie da?
Dass er aus dem Moment heraus für Menschen etwas machen wollte. Und das habe ich auch an seinen minutiös eingerichteten Partituren gesehen, die ich studieren durfte, ehe sein Nachlass an die Bayerische Staatsbibliothek ging. Da stand alle zwei Seiten „Espressivo“: Sein Bach sollte zum Herzen gehen.

Wie dirigierte Richter Bach, wie dirigieren Sie Bach heute?
Richter hat die Musik mit großem Pinselstrich, mit viel Empfindung und Legato spielen lassen. Er wollte Gefühle hörbar machen und er tat das mit den besten Leuten wie dem Trompeter Maurice André und Sängern wie Fritz Wunderlich, die sonst Mozart oder Schubert interpretierten. Dieser Stil berührt auch bei Bach, aber trotzdem wäre ich da vorsichtig.

Karl Richter als Dirigent
Karl Richter als Dirigent © imago/Michel Neumeister

Und heute?
Man spielt in kleinerer Besetzung, teilweise auch schneller, aber nicht immer. Viele Sängerinnen und Sänger haben sich auf Barockmusik spezialisiert. Heute versteht man unter dem Einfluss von Nikolaus Harnoncourt die Musik des 18. Jahrhunderts als Sprache mit einer eigenen, einfachen Grammatik. Daher steht eine Klarheit im Vordergrund. Aber auch dieser Stil verändert sich permanent. Die ersten Aufnahmen von Harnoncourt hören sich auch an, als würde eine Dorfkantorei singen.

Wird heute weniger Bach gespielt als früher? Ich habe den Eindruck, dass jenseits der „Saisonware“ für Weihnachten und Ostern nicht viel zu hören ist.
Heute spielt das Umfeld eine größere Rolle, etwa die Musik seiner Vorfahren oder seiner Söhne. Und da stehe ich oft staunend davor, was es da für Schätze gibt. Aber ich habe auch manchmal den Eindruck, als habe sich nicht erst seit der Pandemie das Repertoire verengt.

Musik, die Halt geben kann

Ist Bach doch nicht so universell, wie es immer heißt?
Da widerspreche ich. Die Krisen des Menschen bleiben gleich. Da kann die Musik von Bach - oder von Schubert - einen unglaublichen Halt bieten.

Hat der heutige Bach-Stil ein emotionales Defizit, der einen doch wieder zu Richters alten Aufnahmen greifen lässt?
Gerade bei Spezialorchestern gibt es die Angst etwas falsch zu machen. Und deshalb denke ich, dass eine Spur von Richters Sendungsbewußtsein nicht schaden würde. Mein Ansatz ist es, jenseits von Fragen des historisch Richtigen und der Besetzung, mit einer Passion das Publikum zu berühren. Das „Richtigmachen“, da bin ich mit Peter Schreier einig, ist das Langweiligste, das es gibt.

Auch die Arcis-Vokalisten sind Teil des Programms: mit der Messe in h-moll.
Auch die Arcis-Vokalisten sind Teil des Programms: mit der Messe in h-moll. © Daniel Delang

Sie selbst spielen Bachs Goldberg-Variationen im Bergson Kulturkraftwerk. Was ist bei der Bach-Festwoche sonst noch zu hören?
Am Anfang und am Ende gibt es die Messe in h-moll, einmal am 11. Oktober mit den Arcis-Vocalisten unter Thomas Gropper in der Himmelfahrtskirche und zum Abschluss am 18. Oktober in der Markuskirche, wo Richter als Organist tätig war. Michael Roth dirigiert den Markus-Chor und das Markus-Orchester. Zentral ist das Festkonzert am 17. Oktober mit zwei Kantaten, dem Magnificat und einer Orchestersuite in der Allerheiligenhofkirche. Der Chor der Klangverwaltung wird von einem solistisch besetzten Orchester aus Mitgliedern der Münchner Philharmoniker und des BR-Symphonieorchesters begleitet.

Der Münchener Bach-Chor unter Johanna Soller.
Der Münchener Bach-Chor unter Johanna Soller. © Sabine Finger

Der Münchener Bach-Chor macht nicht mit?
Für mich ein großes Fragezeichen. Leider gab es kein Zusammenkommen um der Sache willen, was ich bedauere. Denn ich bin nicht im Streit gegangen.

Man raunt, dass Richter seine Probleme gehabt hätte, wenn’s zu seiner Zeit #MeToo aktiv gewesen wäre.
Ich war nicht dabei, aber ich habe solche Stories gehört. Aber uns geht es nicht darum, ein Denkmal zu errichten.


Die Bach-Festwoche beginnt am kommenden Samstag mit einem Konzert in der Musikinstrumentenausstellung des Deutschen Museums. Henrik Wiese spielt mit Hansjörg Albrecht Werke für Flöte und Cembalo (Beginn: 14.30 Uhr, Eintrittskarte für das Museum erforderlich.)
Am 12. Oktober spielt Kirsten Sturm in der Pfarrkirche St. Anna im Lehel das Programm eines Konzerts, mit dem Richter 1980 die dortige Klais-Orgel vorstellte. Am 16. und 17. Oktober interpretieren Studierende der Hochschule für Musik und Theater im Café Luitpold Bachs Cello-Suiten.
Ebenfalls am 16. Oktober spricht Bernhard Neuhoff in St. Markus mit Rudolf Lutz von der Bachstiftung St. Gallen und Hansjörg Albrecht. Anschließend ist Tobias Richters Dokumentarfilm über seinen Vater zu sehen. Zum Abschluss spielt Albrecht im Elektra Tonquartier des Bergson Kunstkraftwerks die Goldberg-Variationen auf der Orgel (18. Oktober, 19 Uhr).
Weitere Infos und Karten unter bach-festwoche.jimdofree.com

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