Auf dem Teppich bleiben!

Voraussichtlich wird kein neuer Konzertsaal am Finanzgarten gebaut. Ist das wirklich so schlimm?
| Robert Braunmüller
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Als Mariss Jansons (l.) noch auf Seehofers Versprechungen vertraute: 2011 verlieh der Ministerpräsident ihm den Maximiliansorden.
dpa Als Mariss Jansons (l.) noch auf Seehofers Versprechungen vertraute: 2011 verlieh der Ministerpräsident ihm den Maximiliansorden.

München - Dieter Reiter und Horst Seehofer haben am Montag entschieden: Staat und Stadt renovieren gemeinsam ab 2020 den Gasteig. Der Herkulessaal wird ertüchtigt. Ein dritter Saal am Finanzgarten wird nicht gebaut. Gestern hat Seehofer seine Entscheidung noch einmal bekräftigt. Ist das der Untergang des Abendlands? Es wäre besser, auf dem Teppich zu bleiben und nach vorn zu blicken. Und es kommt darauf an, wie der Beschluss umgesetzt wird.

IST DIE SACHE GELAUFEN? Vermutlich. Natürlich müssen nach der Grundsatzentscheidung noch der Landtag und der Stadtrat entscheiden. Aber eins ist auch sicher: Es wäre schwer geworden, im Maximilianeum eine Mehrheit für einen staatlichen Neubau am Finanzgarten zu bekommen. Die Konzertsaalfans geben nicht auf: Sie sammeln bei openPetition Unterschriften. Diese Aktion, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, kommt reichlich spät.

UNKLARE FINANZIERUNG Vor lauter Enttäuschung vergessen die Konzertsaalfans: Wie der Neubau hätte finanziert werden sollen, konnte niemand erklären. Von privaten Sponsoren war oft die Rede, allein: Gezeigt hat sich keiner. Der Saal wäre vom Steuerzahler errichtet und betrieben worden. Und das hätte unübersehbare rundfunkrechtliche und politische Probleme mit sich gebracht, da in erster Linie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vom Neubau profitiert hätte.

INTERIMSLÖSUNGEN Was passiert während des Gasteig-Umbaus? In Zürich wird ab 2017 die Tonhalle umgebaut. Das Tonhalle Orchester spielt dann in einer ehemaligen Industriehalle. Dort soll eine „Box in der Box“ für 1500 Besucher eingebaut werden. Ilona Schmiedel, die Intendantin des Orchesters, hofft auf eine Verjüngung des Publikums im Umfeld eines neuen Kreativquartiers. Die älteren Abonnenten werden notfalls mit einem Shuttle hingefahren. Auch Privatveranstalter werden die Halle nutzen. Wie in München die Umbauzeit überbrückt werden soll, dazu schwiegen Seehofer und Reiter am Montag. Vertrauen schafft man so nicht.

GEHT JANSONS? Die Berliner Philharmoniker wählen im Mai einen Nachfolger für ihren Chef Simon Rattle, der das Orchester 2018 verlässt. Der Ausgang der Abstimmung ist offen. Mariss Jansons ist ein heißer Kandidat. Wenn er nach dann 15 Jahren München in die Hauptstadt wechseln würde, wären Seehofer und Reiter die Blamierten. Allerdings ist die Leitung des angesehensten Orchesters der Welt ein Amt, das keiner leichtfertig ausschlägt. Auch nicht, wenn in München gebaut wird.

VORBILD BERLIN In der Hauptstadt gibt es acht Symphonieorchester und auch nur zwei große Säle: die Philharmonie und das Konzerthaus am Genardmenmarkt. Trotzdem gibt es dort ein erstklassiges Musikleben mit aufregenden Festivals und Konzerten privater Veranstalter. Warum funktioniert es? Weil alle anderen Orchester die Konzerte in eigenen Räumen vorbereiten und erst zur Generalprobe in die Philharmonie wechseln. Das BR-Symphonieorchester lehnt das ab: zu kompliziert wegen der Übertragungen.

WENIGER ÜBER AKUSTIK REDEN, MEHR ÜBER MUSIK Manchmal entsteht der Eindruck, als seien Konzertsäle wichtiger als die Musik, die drin gespielt wird. Auch im problematischen Gasteig hat es schon herausragende Konzerte gegeben, bei denen niemand auch nur eine Sekunde an die Akustik gedacht hat. Und deshalb spricht viel dafür, in der Umbauphase außerhalb der bekannten Säle zu spielen. Das Symphonieorchester des BR könnte in der Umbauzeit auch einmal seine Gebührenzahler in Rest-Bayern besuchen.

AN MORGEN DENKEN Musik kann auch außerhalb von Konzertsälen stattfinden. Sowohl die Münchner Philharmoniker als auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielen vor allem für die bereits Bekehrten. Sie gehen kaum auf die Öffentlichkeit zu, die sie finanziert. Die Programme sind zu konservativ. Neues wird viel zu selten ausprobiert, um nur ja keinen Abonnenten zu verschrecken. Vor allem in den USA gehen Orchester offener auf ihr Publikum zu, werben offensiver und betreiben mehr Jugendarbeit.

POPANZ  ELBPHILHARMONIE Immer wieder ist zu hören, dass sich die Münchner nach der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie noch fürchterlich ärgern werden. Dazu ist zu sagen: Vor allem ärgern sich die Hamburger über die explodierenden Kosten. Und wer wird da spielen? Die Hansestadt hat drei eher mittelprächtige Orchester, aber kein wirklich gutes. Von da droht Münchens Ruf als Musikstadt kein Schaden.

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