"Arnold Schönberg ist Pulp Fiction"

Der Geiger über das Streichtrio von Arnold Schönberg und seine Lust an der Kammermusik
| Robert Braunmüller
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Der Geiger Frank Peter Zimmermann wurde 1965 in Duisburg geboren.
Iréne Zandel Der Geiger Frank Peter Zimmermann wurde 1965 in Duisburg geboren.

Mit dem Bratscher Antoine Tamestit und dem Cellisten Christian Poltéra gründete er das Trio Zimmermann, das seitdem bei allen internationalen Konzerthäusern und Festivals brilliert – voll spielerischer Lust, emphatischer Leidenschaft und klanglicher Raffinesse. Nächste Woche gastiert Frank Peter Zimmermann mit seinen Kollegen im Prinzregententheater. Auf dem Programm stehen das Streichtrio von Arnold Schönberg und eine Bearbeitung der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach.

AZ: Herr Zimmermann, das Streichtrio von Schönberg gilt als sperrig, um es vorsichtig zu sagen. Warum sollte man es sich als Hörer trotzdem antun?
FRANK PETER ZIMMERMANN: Neben dem Divertimento von Mozart ist es das wichtigste Werk für diese Besetzung. Diese 18 Minuten sind das kompositorische Optimum für Streichtrio im 20. Jahrhundert. Es hat auch eine Geschichte: Schönberg war damals schwer herzkrank. Er konnte nur durch eine Spritze direkt ins Herz ins Leben zurückgerufen werden – ähnlich wie in der berühmten Szene im Film „Pulp Fiction“. In den Wochen lag er im Halbschlaf im Krankenhaus und hörte das Blut in seinen Blutbahnen. Das alles hat er in dieses Stück hineingepackt – einschließlich des Tickens der Herz-Lungen-Maschine.

Trotzdem hat es dieses Streichtrio im Konzertsaal schwer.
Es ist eines der radikalsten Stücke von Schönberg. Aber ich finde es zugänglicher als sein Violinkonzert, das die Hörer 42 Minuten lang auf hochintellektuelle Weise durchprügelt. Schönberg hat über das Trio zu Thomas Mann gesagt, jeder Akzent sei wie eine Spritze. Wenn man die biografische Situation der Entstehung und die Schmerzen und Ängste mitdenkt, ist das Stück nicht schwer zu verstehen.

Ist es schwer zu spielen?
Es hat horrende Schwierigkeiten und erschließt sich nicht leicht. Schönberg hat auch lange überlegt, ein Quintett daraus zu machen, aber er ist dann doch bei der verdichteten Form geblieben. Wir haben uns jahrelang damit beschäftigt: erst allein und später zusammen. Erst wenn das Stück vollkommen durch einen hindurchgegangen ist, versteht man, dass es sich eigentlich um ein hochromantisches, emotionales Werk handelt, das in der Nachfolge von Wagner und Mahler steht und zwischen Dissonanzen auch typisch wienerische Elemente nicht verschmäht. Aber ein Bild von Kandinsky erschließt sich auch nicht beim ersten Sehen.

Was sagen Veranstalter, wenn man dieses Werk anbietet?
Eher nein. Als wir es vor drei, vier Jahren aufs Programm gesetzt haben, haben wir in Deutschland nicht ein Konzert bekommen – im übrigen Europa allerdings schon.

Was reizt Sie an einer Bearbeitung der Goldberg-Variationen, die eigentlich für Cembalo oder Klavier komponiert wurden?
Weil der Hörer die Stimmen dieses Meisterwerks in einer Streichtrio-Fassung viel besser verfolgen kann. Der Geiger Dmitri Sitkowetski hat es in den 1980er-Jahren bearbeitet – als Hommage an den Pianisten Glenn Gould. Eine tolle Idee, finde ich. Bis auf wenige vierstimmige Variationen, über die man sich bei drei Instrumenten Gedanken machen muss, sind die Goldberg-Variationen problemlos von einem Streichtrio spielbar.

Spielen Sie die Sitkowetski-Bearbeitung?
Wir haben vielfach die Stimmführung verändert, damit die Details des Originals noch besser zum Tragen kommen. Es gibt ein paar tiefe Töne, die das Cello nicht erreicht. Die mussten wir um eine Oktave erhöhen. Aber sonst – auch bei den Verzierungen – orientieren wir uns an Bachs Handexemplar. Wir haben uns mehrere Jahre mit diesem Stück beschäftigt – aber das ist ja normal. Pianisten setzen sich ein ganzes Leben mit den Goldberg-Variationen auseinander.

Das Repertoire für Streichtrio ist offenbar klein.
Die Meisterwerke kann man an einer Hand abzählen: das Mozart-Divertimento, das Schönberg-Trio, die Werke Beethovens. Es gibt noch ein Trio von Anton Webern, aber schon die Trios von Schubert sind nicht auf dem Level seiner Quartette. Auch die Hindemith-Trios lohnen sich.

Aber bei denen sinkt dann wieder die Begeisterung beim Publikum und den Veranstaltern. Wie lange spielen Sie als Trio eigentlich zusammen?
Seit 12 Jahren. Ich habe früher viel mit der Bratschistin Tabea Zimmermann und dem Cellisten Heinrich Schiff gespielt, und noch früher mit meinem Vater und einem seiner Kollegen. Tabea Zimmermann hat mich mit ihrem Meisterschüler Antoine Tamestit zusammengebracht. Schon nach ein paar Takten Probe haben wir uns bestens verstanden. Christian Poltéra wiederum ist Schüler von Heinrich Schiff – und so blieb es in der Familie.

Prinzregententheater, am Freitag, 17. Mai, 20 Uhr, Restkarten an den bekannten Vorverkaufsstellen und unter Telefon 811 61 91

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