Anne-Sophie Mutter und Riccardo Muti spielen Tschaikowsky

Riccardo Muti, Anne-Sophie Mutter und die Wiener Philharmoniker mit Tschaikowsky und Brahms im Großen Festspielhaus
| Michael Bastian Weiß
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Anne-Sophie Mutter, Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker beim Applaus.
Marco Borrelli Anne-Sophie Mutter, Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker beim Applaus.

Riccardo Muti, Anne-Sophie Mutter und die Wiener Philharmoniker mit Tschaikowsky und Brahms im Großen Festspielhaus

Der 15. August, das wusste vielleicht auch noch nicht jeder Musikfreund, war bei den Salzburger Festspielen Herbert von Karajans Konzerten vorbehalten. Nun mag der Kult um den Dirigenten nach seinem Tod generell abgenommen haben, doch im Festspielhaus an der Herbert-von-Karajan-Gasse ist er nach wie vor, nicht nur in Form seiner Büste, gegenwärtig. Anne-Sophie Mutter, die seit 1977 mit ihm auftrat, widmet ihm ihre Zugabe, Bachs d-moll-Sarabande. Den Termin aber hat mittlerweile Riccardo Muti geerbt.

Doch ist denn der Geist des teuren Sohnes der Stadt bei dieser Matinée auch künstlerisch anwesend? Ja und nein. An Mutters Spiel vermeint man schon noch den Karajanschen Einfluss vernehmen zu können. In Peter Tschaikowskys Violinkonzert ist ihr Klang verschwenderisch, die Tiefe etwa so pastos, dass sie oft geradezu wie ein Violoncello klingt: Die Geigerin schöpft aus dem Vollen.

Gleichzeitig tobt sie sich mit all ihrem mitreißenden Temperament aus, besonders im Finale, deren lustvolle Virtuosität die Hörer spätestens in der aberwitzigen Coda aus der Kurve schleudert. 30 Jahre lang spielt Mutter nun dieses Konzert; sie könnte die strenge Konzentration suchen, doch stattdessen vermehrt sie beständig ihre Ausdrucksmittel. Zu ihnen gehören auch reizvolle melodische Schleifer in der „Canzonetta“ oder genau kalkulierte, pittoreske Unreinheiten im Tanz-Finale.

Die Zeit angehalten

An einigen Stellen, etwa dem Seitenthema des Kopfsatzes, suchen Mutter und Muti gemeinsam nach immateriellen Pianissimi. Obwohl sie dicht an der Hörgrenze angesiedelt sind, können sich diese Still-Emomente in der Panorama-Akustik des Großen Festspielhauses zauberisch entfalten. Muti und die hellwachen Wiener Philharmoniker halten hier die Zeit an.

Genau an dieser Stelle freilich hat sich Muti von Karajans Ästhetik entfernt, dem solche bewusste Subjektivierungen eher fremd waren – wenngleich Muti wohlgemerkt das Kunststück gelingt, den formalen Zusammenhalt des Satzes zu wahren. Auch in Johannes Brahms’ 2. Symphonie erweist sich, dass Karajans orchestrale Ästhetik, das berühmte Sfumato, in welchem Ereignisse oft wie im klanglichen Traum auftauchten, nicht nachzuahmen ist. Unter Mutis eleganten Bewegungen erreichen die Wiener Philharmoniker vielmehr ein transparentes Tutti, in welchem die Holzbläser stets gut durchkommen und genau bemessene rhythmische Akzente setzen.

Und doch kommt Riccardo Muti vielleicht dem ehemaligen Förderer in einem entscheidenden Punkt mittlerweile entgegen: in der Wahl der Tempi. Auch, wenn er den Einsatz zum ersten Satz mit Impuls gibt, nähert er doch das „Allegro non troppo“ fast einem Andante-Schritt an. Das ergibt Sinn, werden doch somit erster und langsamer Satz als eine höhere Einheit greifbar. Nicht zuletzt hat das bedächtige Zeitmaß den Effekt, dass die Wiener Philharmoniker sich voll ausspielen können. Die berühmten Hörner singen obertonreiche Hymnen, dass es herrlicher nicht sein könnte. Da geht er dann auf einmal doch durch den Saal: der Geist Herbert von Karajans.

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