Andrea Marcon dirigiert und kämpft für einen neuen Saal

Die falsche und die richtige Welt: Andrea Marcon dirigiert Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Bach und Mozart
| Michael Bastian Weiß
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Der italienische Organist, Cembalist und Dirigent Andrea Marcon.
Johannes Keller Der italienische Organist, Cembalist und Dirigent Andrea Marcon.

Als Andrea Marcon die Bühne des Herkulessaals mit einem Mikrophon betritt, wird schnell klar, dass die Debatte um den neuen Münchner Konzertsaal nicht vorbei ist, sondern im Gegenteil hartnäckig an Fahrt gewinnt. Der italienische Ensembleleiter macht sich zum Sprecher des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Er erinnert daran, dass dieses Eliteensemble zu den fünf besten Orchestern der Welt gezählt wird: „Und es ist sicherlich nicht das fünftbeste“. Und nicht ohne Witz zitiert er den Text der Bach-Kantate, die gleich gesungen werden wird: „Falsche Welt, dir trau ich nicht!“. Dort heißt es weiter: „Der beste Freund ist ungetreu/O jämmerlicher Stand!“.

Orchesterchef Mariss Jansons sagte es prosaischer: „Wir wurden zum Narren gehalten!“. Kurz: Alle Musiker hoffen, dass die Entscheidung gegen einen neuen Konzertsaal sich unter dem konstanten Druck der musikalischen Öffentlichkeit als widerruflich erweisen wird.

Musik als tönender Sinn

Nach dem erneuten Protest kann das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beeindruckend vorführen, welche internationale Klasse es besitzt. Die Zusammenarbeit mit Marcon, der eigentlich Organist, Cembalist und Hochschullehrer in Basel ist, gestaltet sich außerordentlich fruchtbar. Nicht nur verfügt Marcon über Grundbegriffe der Dirigiertechnik, die ihn befähigen, in der Sinfonia der eher unbekannten Kantate BWV 174 „Ich liebe den Höchsten von ganzem Gemüte“ einige allzu eilige Gruppen wieder sicher einzufangen. Er etabliert auch einen in sich völlig stabilen Grundpuls, der aus dem Orchester selbst kommt und somit klangsinnliche Entfaltung und Lebendigkeit gleichermaßen zulässt.

Vor allem aber fasst der kluge Marcon Bachs Musik in jeder Sekunde als Ausdruck von Sinnhaftigkeit auf. Er gibt nicht Takte vor, sondern bildet weiträumige Phrasen, sodass die Musik vollends befreit wirkt. So wird auch die Bildhaftigkeit der einzelnen Arien plastisch, etwa das Konzertieren der drei völlig losgelösten Oboen in der Arie „Ich halte es mit dem lieben Gott“ aus der Kantate BWV 52. Einen Höhenrausch ganz eigener Art steuert hier Carolyn Sampson bei. Die Sopranistin macht mit leuchtender Reinheit erfahrbar, welche Selbstvergessenheit hier ausgedrückt wird – fabelhaft.

Der sinnlichste unter den Dirigenten Alter Musik

In der Kantate BWV 174 singt der Countertenor Carlos Mena ein brillantes Ariensolo, in welchem klar wird, welche durchdringende, wiewohl ästhetisch gemäßigte Macht der hohen Männerstimme zukommt. Sowohl Julian Prégardien als auch der Bassist Tobias Berndt überzeugen mit jugendlichen Stimmen. Ihnen wird dasselbe Los zuteil wie auch dem schlank auftretenden Chor des Bayerischen Rundfunks: leider nicht genug Musik zugeteilt bekommen zu haben.

Im zweiten Teil dirigiert Andrea Marcon zwei Symphonien Carl Philipp Emanuel Bachs und Wolfgang Amadeus Mozarts, die praktisch zur selben Zeit komponiert wurden, aber unterschiedlicher nicht sein könnten: Chaotisch, zerrissen, fast verrückt beim Bach-Sohn, mit sicherer Hand geordnet beim jungen Mozart. Marcons Sympathien liegen eindeutig bei der Groteske, die er schonungslos herausarbeitet. Es bleibt der Eindruck eines furiosen Gastspiels, das eine nicht endende Folge von Wiedereinladungen nach sich ziehen sollte. Andrea Marcon ist der musikalisch sinnlichste unter all den Alte-Musik-Spezialisten.

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