100. Geburtstag von Rock-Legende: An seinen einzigen Nummer-Eins-Hit erinnert sich heute keiner mehr
Wenn man von den Beatles, den Rolling Stones, den Beach Boys und Jimi Hendrix gecovert wurde, braucht man eigentlich niemandem etwas mehr zu beweisen. Ohne die Vorarbeit von Chuck Berry und anderen Rock'n'Roll-Pionieren wären die ebenfalls bahnbrechenden Veröffentlichungen der genannten Künstler - und zahlloser weiterer - vermutlich gar nicht erst möglich gewesen.
Nahe liegt da die Vermutung, dass es sich bei dem einzigen Nummer-Eins-Hit Berrys um eine der zahlreichen wegweisenden Singles handelt, von denen er in den 1950er-Jahren eine nach der nächsten veröffentlichte. War es also vielleicht gleich seine Debüt-Single "Maybellene", die dabei half Rock'n'Roll zu einem nationalen Phänomen in den USA zu machen, die sich an der Spitze positionierte? Oder einer seiner späteren legendären Hits wie "Johnny B. Goode", "Rock and Roll Music", "Roll Over Beethoven" oder "Too Much Monkey Business"?
1972 war die Blütezeit Chuck Berrys eigentlich vorbei
Weit gefehlt. Denn als Chuck Berry seinen einzigen Nummer-Eins-Hit hatte, gehörte er - gemessen an der Schnelllebigkeit von Popkultur - bereits zum alten Eisen. 1972 hatte Rock'n'Roll mehrere Neuausrichtungen durchlaufen, die die Kreation von Genres wie Beat, Psychedelic Rock, Garage Rock und Progressive Rock zur Folge hatte. Zwei Jahre zuvor hatten Black Sabbath auf ihren ersten beiden Alben den Heavy Metal aus der Taufe gehoben, in Großbritannien machten Künstler wie T.Rex und David Bowie Glam Rock zur Rock-Spielart der Stunde. In diesem kulturellen Klima galt Berry nicht mehr als Trendsetter, sondern als Nostalgie-Act - wenn auch als populärer.
Nicht nur gemessen am kulturellen Impact verwundert es, dass eben keiner seiner legendären Rock'n'Roll-Hits einmal die Spitze der Charts bekleidet hatte. Auch qualitativ sorgt es heute für Kopfkratzen, dass stattdessen "My Ding-a-Ling" von dem 1972 veröffentlichten Album "The London Chuck Berry Sessions" diese Ehre zuteilwurde.
Das steckt hinter Chuck Berrys eigentümlichen Hit
Denn bei dem Song - einer Coverversion eines Titels des Rhythm-and-Blues- und Jazz-Musikers Dave Bartholomew - handelt es sich um einen sogenannten Novelty-Song. Unter dem Begriff, der sich als ehesten mit dem Wort "Ulklied" ins Deutsche übersetzen lässt, versteht man ein Stück, das auf einer einzigen skurrilen oder schlicht albernen Idee basiert - und sonst nicht viel zu bieten hat.
Im Fall von "My Ding-a-Ling" ist diese Grundidee eine Zweideutigkeit: Der Songtext ist so geschrieben, dass er sich einerseits ganz harmlos auf ein Kinderspielzeug mit Glocken beziehen kann. Doch interpretiert man den Begriff "Ding-a-Ling" als Euphemismus für das männliche Geschlechtsorgan funktioniert er genauso gut - und wird zur Ode an die Masturbation.
Daran liegt es auch, dass "My Ding-a-Ling" Chuck Berry nicht nur fast zwei Jahrzehnte nach seiner Blütezeit einen Nummer-Eins-Hit einbrachte, sondern er abermals ins Visier konservativer Aktivisten geriet - lange nachdem die Körperlichkeit von Rock'n'Roll - man denke nur an Elvis' berüchtigten Hüftschwung - bereits die Sittenwächter auf den Plan gerufen hatte.
Konservative Aktivisten gingen auf die Barrikaden
Besonders die damals für ihre moralischen Kampagnen gegen sexuelle Freizügigkeit, Selbstbestimmung und sozialen Liberalismus notorisch britische Rechtsaußen-Aktivistin Mary Whitehouse setzte sich dafür ein, dass die BBC den unanständigen Hit auf die rote Liste setzt und gänzlich aus dem Programm nimmt - allerdings vergebens. Die Aufregung um den Skandalhit wurde sogar noch fast zwei Jahrzehnte später bei den "Simpsons" parodiert: In der Folge "Lisas Pony" aus der dritten Staffel der Kultshow fängt einer der Schüler bei einem Talentwettbewerb an, "My Ding-a-Ling" zu singen - ehe er von Direktor Skinner unterbrochen wird mit den Worten "Runter von der Bühne, Bürschchen!"
Im Gegensatz zu Berrys Hits aus der Rock'n'Roll-Ära gelang es "My Ding-a-Ling" trotz starken Verkaufszahlen und Kontroverse nicht, sich als kultureller Meilenstein zu etablieren. Weder prägte der Song den Zeitgeist der frühen 1970er-Jahre bedeutend, noch deutete er den Weg in die Zukunft der Rockmusik. Heute gilt der einzige Nummer-Eins-Hit Chuck Berrys als wenig mehr als eine kuriose Fußnote in der Karriere eines der einflussreichsten Musiker aller Zeiten.
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