Minimum siebzig Prozent Partitur-Rendite

Der Pianist Josef Bulva wagt nach Jahren als Banker ein Comeback mit Beethoven & Co.
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Der Pianist Josef Bulva.
Angelo Antelino/deag Der Pianist Josef Bulva.

Der Pianist Josef Bulva wagt nach Jahren als Banker ein Comeback mit Beethoven & Co.

Ein Enfant terrible auf der Suche nach der Wahrheit: Vor 14 Jahren rutschte der Pianist Josef Bulva auf Glatteis aus, unter dem sich Scherben einer Bierflasche befanden. Er verletzte sich so schwer, dass er das Klavierspielen aufhören musste. Als Banker schlug sich der gebürtige Brünner durch. Nun wagt er – 67jährig – eine Comeback-Tournee, die ihn heute ins Prinzregententheater führt. München ist für ihn keine unbekannte Stadt. Dorthin emigrierte der einst als tschechischer Staatskünstler gefeierte Virtuose und wurde rasch ein Liebling der Münchner Schickeria – eine schillernde Persönlichkeit, die aber, wenn es um Musik geht, keinen Spaß versteht.

AZ: Herr Bulva, warum sind Sie damals ausgerechnet nach München gezogen?

JOSEF BULVA: München war „das“ Musikzentrum in Europa. Drei Top-Orchester in einer Stadt, die gerade mal eine Million Einwohner hatte. Alle großen Schallplattenfirmen haben hier produziert.

Ihre Auftritte lösten zwiespältige Reaktionen aus. Kritiker bezeichneten Sie als einen Pianisten des wissenschaftlichen Zeitalters.

Man darf sich über eine gute Kritik nur so viel freuen, wie man sich über eine schlechte ärgert. Kaum jemand hat sich die Mühe gemacht, zu verstehen, worum es mir schon damals ging. Wir Interpreten sind nichts anderes als das Dienstpersonal des Komponisten. Wer etwas anderes sagt, überschätzt sich. Doch wir haben auch die Macht, den Komponisten in den Hintergrund zu drängen. Ich begreife die Musik stets über die Struktur. Und das ist es, was die Kritiker damals auch erkannten.

Es ging Ihnen als Staatskünstler doch gut, Sie hatten Privilegien. Warum sind Sie dennoch gegangen?

Weil ich glaubte, im Westen weiter zu kommen als in meiner heimatlichen Umgebung.

In München haben Sie sich auch außerhalb des Musikbetriebs einen Namen gemacht. Sie galten als Party-Löwe.

Ich war nie verheiratet, habe keine Kinder und gebe zu, etwas unorthodox zu leben. Als Künstler benötigt man die Freiheit dazu. Aber ich habe mein Leben immer dem Klavier verschrieben.

Nach dem Unfall zogen Sie nach Monte Carlo – und wurden Banker. Warum?

Ich fühlte mich in München überflüssig, ein Wrack ohne Zukunft. Mittlerweile aber weiß ich, dass Banking die Bewegung im moralfreien Raum ist. Ich bin konservativ, aber ich sage auch: Der Kapitalismus hat versagt. Der Unfall hat mir zwar meine manuellen Fähigkeiten genommen, aber nicht die Begabung und auch nicht die Leidenschaft für das Klavier. Die Jahre ohne Musik wurden immer schlimmer.

Warum wollen Sie sich die Strapazen des Musikbetriebs noch einmal antun?

Weil ich eine Vision habe, wie sie andere Künstler auch haben. Ich glaube, dass es zumindest in der Musik bis etwa zum Jahr 1860 eine unumstößliche Wahrheit gibt, die man nicht gegen den Strich bürsten kann, auch wenn man dabei noch so verzückt in den Himmel blickt.

Von Karajan wird berichtet, dass er allen Ernstes meinte, auf die Welt gekommen zu sein, um zu zeigen, wie Brahms zu musizieren ist. Und Josef Bulva?

Wenn ich sagen würde, dass ich lediglich den Impuls für den weiteren Verlauf des Geschosses geben kann, dann würde ich in München für höchstens vierzig Leute spielen. Ein Interpret muss etwas Wahrnehmbares und Kalkulierbares anbieten. Dafür riskiere ich ein weiteres Mal meine bürgerliche Existenz. Mein Ziel ist es, meine Vorstellungen von Wahrheit zu vermitteln. Einhundert Prozent Treffsicherheit, die gibt es sicher nicht. Aber siebzig bis achtzig Prozent sollten schon möglich sein.

V.B./J.B.

Prinzregententheater, Dienstag, 19. Oktober 2010, 20 Uhr. Josef Bulva spielt Beethovens „Waldstein“- und „Mondscheinsonate“ sowie Werke von Martinu und Chopin

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