MeToo und Klimawandel - "Der Watzmann ruft" in neuen Tönen

Der Berg ruft wieder, aber in neuen Tönen. Das Kultmusical «Der Watzmann ruft» von Wolfgang Ambros hat eine Runderneuerung bekommen. Es spielt nun zwischen Misthaufen aus Plastik, Raubbau am Berg, Profit am Touristen und MeToo mit der Gailtalerin.
| dpa
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Tänzerinnen in dem Alpen-Rock-Musical "Der Watzmann ruft" sorgen für Stimmung.
Tobias Hase/dpa Tänzerinnen in dem Alpen-Rock-Musical "Der Watzmann ruft" sorgen für Stimmung.

München - Der Klimawandel hat auch den Watzmann erreicht - am Theater. Das legendäre Alpen-Rock-Musikal des österreichischen Liedermachers Wolfgang Ambros "Der Watzmann ruft" ist in München mit neuen Texten auf die Bühne zurückgekehrt.

Die Neuauflage des Musicals feierte am Freitag im Deutschen Theater ihre Erstaufführung. Der Münchner Kabarettist und Musiker Ecco Meineke hat sich herangewagt und das neue Buch geschrieben. Kommerz und Raubbau ziehen damit ins hinterwäldlerische Leben am Fuß des Berges ein: Ein Misthaufen aus Plastikmüll und ein Kruzifix aus Kunststoff gaukeln Touristen oberbayerische Tradition und Landidylle vor, die Mägde aus Polen und Chemnitz üben extra das Ave Maria auf Bairisch.

Dem Urlaubsgast, der über Dämpfe aus der Germknödelmaschine in seinem Zimmer klagt, wird das als gesunde Luft gepriesen. CSU und bayerische Staatsregierung bekommen als Förderer des Ausbaus zuungunsten der Natur ihr Fett ab. Über allem thront der Watzmann, riesig über der Alm des Bauern an die Bühnenwand projiziert: Mal tief verschneit, mal wolkenumwoben, mal bedrohlich im künstlich für die Touristen inszenierten Gewitterdonner.

Der Bauer (Aurel Bereuter) denkt nur an seinen Profit, seine Aktien und seine Beteiligung an der Liftgesellschaft. Sein Sohn - der "Bua" (Christoph Theussl) - lehnt sich zeitgeistgemäß auf. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Save the Berg" und hat überhaupt keine Lust, an der "Kassa des Klimakillers" zu sitzen: Der Lift gondelt bis zum Gipfel des Watzmanns, auf den in der realen Version bei Berchtesgaden bis heute keine Seilbahn geht.

Auf der Gamsjagd schaut der Bua erst mal in die Rote Liste, bevor er schießt, und die Verführung durch die Gailtalerin scheitert: Der Bua ist in der MeToo-Debatte stecken geblieben. "Nein heißt nein", faucht er die Gailtalerin an, die sonst allen Mannsbildern, dem Bauern und den beiden Knechten den Kopf verdreht - inzwischen auch online als Influencerin. Mit Sabine Kapfinger alias die Alpine Zabine spielt den Alpen-Vamp erstmals tatsächlich eine Frau - bei Ambos schlüpfte ein Mann in die roten Unterröcke.

Arnd Schimkat, der immer mal als Tourist durchs Bild stapft, gibt zugleich als Kapuzenmann den hintersinnig moralisierenden Erzähler. Wie in der noch Original-nahen Inszenierung vor gut einem Jahr übernimmt der bayerische Liedermacher Mathias Kellner den Ambros-Part als Sänger. Alle anderen Rollen hat Regisseur Sven Kemmler neu besetzt. Die Lieder sind teils geblieben - aber auch hier ist mancher Text neu: Die sinnfällige Dichtung "Am Himmel ziehn die Wolken, Touristen werden gemolken" ergänzen nun bekannte Verse wie "Wie schallt's von der Höh'? Hollaröhdulliöh!".

Darüber hinaus prägen das satirische Bergdrama auch fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung schmuddelige Lederhosen, freizügige Dirndl und felsige Kulissen. Das "Rustical" aus den 1970er Jahren, damals Parodie auf die verkitschten Heimatfilme, hat als aktualisierte Karikatur oberbayerischen Dorflebens eine unterhaltsame Variante bekommen. Das Publikum, erkennbar mit großem Fananteil der Ambros-Version, würdigte die neue Bühnenfassung mit viel Applaus.

Ambros selbst hatte sich 2016 aus "seinem" Watzmann verabschiedet. Unzählige Male hatten er und seine Band die Alpen-Saga über den Kampf zwischen Berg und Mensch sowie vom Mann ums Weib aufgeführt. Die Truppe im Deutschen Theater schickte ihm am Ende von der Bühne Grüße nach Österreich.

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