"Meine erste große Liebe war die Gitarre": Willy Astor über KI, Musik und sein "Luxushobby"

Unter dem Titel "The Sound of Islands" veröffentlicht der als Kabarettist bekannte Willy Astor 1996 die erste CD seines mittlerweile sehr umfangreichen und erfolgreichen Instrumental-Projekts. In diesem Frühjahr erschien die siebte Ausgabe.
Von Kabarett zu Instrumentalmusik
AZ: Sie sagen ihr "The Sound of Islands"-Projekt ist Ihr Luxushobby. Warum?
WILLY ASTOR: Als Komödiant musste ich mich damals erst einmal mit den lustigen Liedern und Stücken ernähren. Ich habe dann gemerkt, dass es mir zu monothematisch ist, immer nur lustige Sachen zu schreiben. Zuhause hatte ich die Sehnsucht, etwas zu produzieren, das eine eigene, andere Sprache spricht. Meine Lieblingsfarbe ist ohnehin bunt – das ist mein Credo. Ich wollte harmonische Gitarrenmusik machen und die Leute in meine Klangwelt holen.
Wie unterscheidet sich der kreative Prozess vom lustigen Geschichten-Erzählen hin zu Instrumentalstücken?
Die Instrumentalstücke entstehen immer aus einem starken Bedürfnis heraus. Das passiert zwischendurch, wenn ich merke: Da kommt gerade etwas. Dann machen die Finger plötzlich Bewegungen, die sie vorher nicht gemacht haben. Und dann merke ich: Jetzt muss ich das sofort festhalten, sonst ist es weg.
Wie arbeiten Sie mit anderen Musikern zusammen? Denken Sie gezielt: "Jetzt hätte ich gerne ein Hackbrett dabei", wie auf dem neuen Album?
Das ergibt sich einfach. Türen gehen auf und Dinge kommen auf mich zu. Maria, meine Hackbrettspielerin, ist die Freundin unseres österreichischen Tourbegleiters. Sie war plötzlich mit auf Tour und erzählte, dass sie Hackbrett spielt. Da haben wir gedacht: Das müssen wir verewigen. Ferdi Kirner ist einer der gefragtesten Gitarristen Deutschlands, er spielt wirklich in der absoluten Oberliga. Und Marcio Tubino ist seit 30 Jahren im Jazz unterwegs. Die Konzerte von "Sound of Islands" haben inzwischen eine eigene Fangemeinde entwickelt.

Es gibt jetzt sieben Ausgaben von "Sound of Islands". Wie hat sich das Projekt verändert?
Die Stücke sind raffinierter geworden. Aber die Grundlage bleibt immer gleich: Zuerst kommt die Melodie, dann die Akkordgestaltung. Man kann aus drei Akkorden unglaublich viel machen. Man kann es billig klingen lassen oder sehr speziell, hintergründig und tiefgängig komponieren – je nachdem, wie man die Akkorde verbindet und was man aus den Grundstrukturen macht. Das ist eine große Leidenschaft von mir.
Wie kamen Sie zur Musik?
Musik war in meiner Familie immer präsent. Ich habe Akkordeon gelernt, aber mit 16 aufgehört. Ich wollte Mädels kennenlernen – und mit einem Akkordeon glänzt man am See eher nicht. Ich wollte einen anderen Magnetismus erzeugen und habe angefangen, Gitarre zu spielen. Mit den Freundinnen hat es zwar noch ein paar Jahre gedauert, aber die Gitarre wurde meine erste große Liebe. Ich bin ein Instrumente-Junkie. Ich habe sonst keine großen Laster, aber ich liebe gut klingende Instrumente mit unterschiedlichen Klangcharakteren. Daraus ist diese Anziehung entstanden – und schließlich das Komponieren.
Wie alt ist Ihre älteste Gitarre?
Ich habe eine Washburn von 1898 und eine wertvolle Martin-Gitarre von 1930. Die hängt bei mir zuhause. Sie wiegt nur 1,4 Kilo, ein extrem leicht gebautes Instrument. Gitarren, die in Amerika vor dem Krieg gebaut wurden, sind heute sehr wertvoll.

Wie stehen Sie zur Entwicklung von KI in der Musik?
Sehr skeptisch und sehr pessimistisch. Das ist die größte Schweinerei, die gerade entsteht. KI ist letzten Endes ein Dieb bestehender Ideen, die Komponisten sich ausgedacht haben. Sie bedient sich einfach daran, ohne zu fragen. Leider wird KI inzwischen so raffiniert, dass selbst bei der GEMA Leute versuchen müssen, KI-generierte Musik herauszufiltern. Das macht mir große Angst. Für mich ist das ein rotes Tuch – und für viele Komponisten ebenso. Eine große Schar von Kulturschaffenden ist in Gefahr. Ich weiß nicht, wie man dem Einhalt gebieten kann. Ich wünsche mir kritische Konsumenten.
Was braucht Kultur heute, um zu florieren?
Dass junge Menschen – so wie ich damals mit 16 – von der Kraft der Musik angezündet werden. Musik kann Menschen tief berühren. Sie ist die Sprache, die überall auf der Welt gesprochen wird. Gleichzeitig möchte ich niemanden leichtfertig ins Haifischbecken Kunst schicken.
Warum?
Das muss jeder selbst spüren. Wenn du Künstler werden willst – egal ob Maler, Bildhauer, Komponist oder Comedian –, brauchst du einen langen Atem. Den haben nicht viele. Ich habe sieben Jahre lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit in München und Umgebung gespielt. Ich hatte oft Zweifel, ob ich davon leben kann. Irgendwann braucht jeder Künstler Erfolg, um ruhiger schlafen zu können. Man muss irgendwann das Gefühl haben: Hier bin ich richtig.
Wann hatten Sie dieses Gefühl?
Ich hatte das große Glück, dass es irgendwann geklappt hat – auch durch die Unterstützung des Bayerischen Rundfunks. Jürgen Barto hat mich damals in eine Sendung eingeladen, in der ich kurz vor Mitternacht 20 Minuten auftreten konnte. Das hat meinen Durchbruch beschleunigt. Man braucht ein Umfeld, Mentoren und Redakteure, die an einen glauben. Talent allein reicht nicht. Viele großartige Musiker bekommen nie die Chance. Und man darf sich nicht selbst im Weg stehen. Man muss Überzeugungstäter sein.
Wie ging es nach der Fernsehausstrahlung weiter?
Plötzlich kamen statt 10 oder 20 Leuten 100 oder 150, wenige Monate später schon 500. Es ging wie ein Lauffeuer durch Bayern. Damals gab es noch kein Social Media, alles lief über Plakate und Flyer – ich habe meine Plakate sogar selbst in München aufgehängt. 1993 habe ich zum ersten Mal im Krone gespielt, später dann sechs Abende hintereinander. Da habe ich gemerkt: Ich muss aufpassen, dass ich mich in Bayern nicht verspiele. Ich wollte nach Deutschland hinaus und bin wieder getingelt – nach Baden-Württemberg, Hessen, später auch mit Badesalz auf Tour. Heute kann ich ohne Angst nach Berlin fahren.
Musik als Grundpfeiler der Demokratie
Was kommt als Nächstes? Gibt es neue Instrumentalprojekte?
Ich habe ein tolles Projekt in der Pipeline – direkt nach "Sound of Islands". Von dem Stück "Nautilus", das mittlerweile ein Klassiker von mir ist, mache ich eine Sonderedition mit sechs verschiedenen Versionen. Ferdi hat eine Flamenco-Version gemacht. Mit Roberto Di Gioia, habe ich eine Kraftwerk-inspirierte Version aufgenommen. Außerdem konnte ich ein großartiges Elektronik-Duo gewinnen: Oberst Buchner. Die arbeiten mit Vintage-Synthesizern und spielen auf Elektronik-Festivals. Sie machen ebenfalls eine besondere Version von "Nautilus". Darauf freue ich mich sehr.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich lebe von meinen Ideen und hoffe, dass ich weiter neue Stücke schreiben kann. Das pulsiert wie ein Herz. Für mich ist es die größte Freude, wenn wieder etwas Neues auf dem Papier entsteht. Das ist Erfüllung. Kultur bringt außerdem die guten Geister zusammen. Es gibt so viele negative Strömungen und gefährliche Tendenzen in der Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen auf der guten Seite zusammenkommen und sich verbinden.
Finden Sie, dass Konzerte und Musik Orte des Zusammenhalts sind?
Auf jeden Fall. Dabei ist es egal, ob es Klassik, Jazz oder etwas anderes ist. Kultur ist ein wichtiger Grundpfeiler der Demokratie.
Willy Astor spielt am 12. August mit seiner Band im Brunnenhof in München. Tickets über feverup.com