Mehr Sanftmut wagen?

Keine Resignation zum 150. Geburtstag Italiens: Das Buch mit dem programmatischen Titel „Italien retten” hat der Neuitaliener und englische Geschichtsprofessor, Paul Ginsborg, geschrieben
| Adrian Prechtel
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Berlusconi stellt seine Justizreform vor, die vor allem ihm selbst nützen soll.
Berlusconi stellt seine Justizreform vor, die vor allem ihm selbst nützen soll.

Gerade erst hat er die italienische Staatsbürgerschaft erhalten. Aber schon seit Jahrzehnten beschäftigt sich Paul Ginsborg mit seiner Wahlheimat. Für ihn ist klar: Nur Sanftmut, Bürgermut sowie eine altjüngferliche Politikerin und ein schwuler katholischer Kommunist können Italien retten.

AZ: Herr Ginsborg, der Maler und Schriftsteller Massimo d’Azeglio hat 1861 als Premierminister gesagt: „Jetzt haben wir Italien, aber wir haben keine Italiener.”

PAUL GINSBORG: Dieser Satz wird dauernd zitiert. Aber wenn wir nach 150 Jahren hinschauen, glaube ich: D’Azeglio empfände heute Befriedigung. Italien existiert als Nation mit einer Sprach- und Volkskultur, die letztlich doch von Sizilien bis Turin reicht.

Dennoch äußern sich die Italiener abfällig über Italien.

Das täuscht. Das Misstrauen richtet sich traditionell gegen staatlichen Institutionen. Aber gerade gab es in vielen Städten bewegende Demonstrationen zur Verteidigung der Verfassung. Tausende kamen, nur die Trikolore dabei und die Verfassung, ohne sich von Parteien instrumentalisieren zu lassen. Im Angesicht der Frechheit, mit der Berlusconi die Verfassung demontiert, wächst auch die Zahl der Verfassungspatrioten.

Als Hindernis für die Entwicklung Italiens nennen Sie immer noch die Kirche.

Es gab in Italien einen Rückschritt: Der General der Einigung, Garibaldi, war noch antiklerikal. und nach der Einigung gab es eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche. Das hat Mussolini, um Frieden mit der Kirche und Unterstützung zu haben, aufgehoben. Das wurde auch – trotz heftiger Debatten – nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder geändert. So mischt die Kirche bis heute überall offiziell mit. De facto ist in Italien der Katholizismus Staatsreligion.

In Ihrem Buch vergleichen Sie Berlusconi mit Mussolini.

In Ähnlichkeiten und Unterschieden. Denn während Mussolini mit physischer Gewalt arbeitete und mit der totalen Durchdringung der Gesellschaft durch den Staat, verspricht Berlusconi die völlige Freiheit vom Staat durch seine Schwächung. Es ist eine radikale Form der Liberalität.

Und die diktatorischen Ähnlichkeiten?

Die Medienkontrolle. Berlusconi ist nicht nur in seinen eigenen Medien dauerpräsent. Er hat auch Kontrolle über die öffentlichen Sender gewonnen. In so einem Ungleichgewicht sind Wahlen zwar formal demokratisch, aber es fehlt jede Form der Waffengleichheit. Eine weitere Ähnlichkeit mit Mussolini besteht in der Verachtung der Verfassung und im Versuch, die Institutionen zu schwächen. Ein Beispiel ist die aktuelle „Justizreform”.

Hat sie nicht die Sympathie der Italiener?

Berlusconi verkauft sie populär, weil in Italien Prozesse skandalös lange dauern. Er nutzt den Unmut, gleich die Unabhängigkeit des gesamten Justizsystems abzuschaffen.

Ihr Buch heißt „Italien retten”. Nur wie?

Ich bin bei meinen Forschungen auf eine Idee gekommen: „Sanftmut”. Die hat der Philosoph Noberto Bobbio in die Diskussion eingebracht. Mir erscheint diese „Mitezza” – bei allen Entgleisungen und geschichtlichen Grausamkeiten – als eine Eigenschaft der Italiener.

Das ist gewagt.

Ja, aber ich gebe mal ein Beispiel: Da treffen sich 1861 der große Krieger Garibaldi und der Nationaldichter Manzoni zu einem symbolischen Treffen nach der geglückten Einigung. Und was bringt der General als Gastgeschenk mit? Einen Säbel, ein rotes Hemd der Einigungskrieger oder irgendsowas? Nein: In der Kriegerfaust ist ein Veilchenstrauß. Das beweist erst einmal nichts, aber zeigt, dass es in Italien auch eine starken Tendenz gegen das Martialische, Kriegerische gibt.

Aber wie kann Sanftmut die Gesellschaft ändern?

Man muss ja nicht gleich Gandhi bemühen. Ich setzte auf politische friedliche Aktionen der Mittelklasse. Das Problem bei der Einigung war, dass sie getragen wurde von der dünnen bürgerlichen Schicht. Aber heute stellt die bürgerliche Mittelklasse ja die Mehrheit und sie ist durch Berlusconis Politik zwar erst verführt, aber dann getäuscht worden.

Aber wacht sie aus ihrer Resignation und medialer Ablenkung auf?

Es gibt in Italien – mehr als woanders – trotz aller Schwächung noch die Tradition von Massenprotesten. Und in einer Allianz aus der vom Abstieg bedrohten Mittelschicht mit Gewerkschaften und anderen Bewegungen wird es eine Mehrheit gegen Berlusconis Politik geben. Sie hat die gesamte junge Generation um ihre Chancen auf Arbeit und Teilhabe gebracht. Es gibt bereits eine großartige Zahl an lokalen Gruppen, die vernetzt aktiv werden. Ein aktuelles Beispiel ist die riesige Bewegung, die versucht, die Privatisierung der Wasserversorgung rückgängig zu machen.

Was noch würde politisch Italien retten?

Eine stärkere Föderalisierung. Es gibt in Italien ja historisch die Tradition der städtischen Republiken.

Und wer steht politisch bereit, Italien zu retten?

Zwei Personen, die das Gegenbild von Berlusconi sind: eine nonnenhafte Frau, Rosi Bindi, von der Demokratischen Partei. Sie wurde vom Berlusconi öffentlich wegen ihres Äußeren gedemütigt und entgegnete derart würdig, dass alle staunten. Sie ist katholisch, unverheiratet, couragiert.

Und wer noch?

Nichi Vendola: Der gewann zweimal im konservativen Apulien Wahlen, obwohl er sich als schwuler katholischer Kommunist bezeichnet. Das zeigt: Auch in Italien ist der Wechsel möglich!

Paul Ginsborg: „Italien retten” (Wagenbach, 140 S., 10,90 Euro)

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