Liebe und ein wenig Leiden

Der ganz normale Wahnsinn: Udo Jürgens und das Orchester Pepe Lienhard bringen die Olympiahalle gehörig in Schwingungen – aber Hits wie den „Griechischen Wein” gibt es nur in kleiner Dosis
| Michael Stadler
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Immer smart ist dieser Udo Jürgens, ob im feinen Zwirn mit rotem Einstecktüchlein oder später dann im wichtigsten Bademantel der Musikgeschichte.
Immer smart ist dieser Udo Jürgens, ob im feinen Zwirn mit rotem Einstecktüchlein oder später dann im wichtigsten Bademantel der Musikgeschichte.

Natürlich ist die schnelle Erfüllung eines Wunsches eine eher langweilige Sache. Viel spannender ist es, die Befriedigung zu verzögern, damit jenes wunderbar zerrende Gefühl entsteht, das man Sehnsucht nennt.

Udo Jürgens ist der Meister der Sehnsucht, singt davon oft, versteht es, die Zeit zu dehnen. So hört man in der Olympiahalle zunächst nur seine Stimme, „Noch drei Minuten”, ein Lied über die Aufregung vor dem Auftritt, das Lampenfieber des Künstlers. Dann löst sich die Spannung mit dem Heben des Vorhangs, das Orchester Pepe Lienhard hat sich in seinen prächtigen Big-Band-Sound eingefunden, und Jürgens tritt im dreiteiligen schwarzen Anzug auf, das Einstecktüchlein dunkelrot. Elegant, wie es sich für einen großen Entertainer gehört.
Auf seinen Meriten hat der 77-Jährige sich noch nie ausgeruht, er produziert weiterhin regelmäßig Alben. „Der ganz normale Wahnsinn” heißt das aktuelle, und so auch die Tournee, die ihn am 27. Oktober nochmals nach München führen wird. Den ersten Teil des Abends bestreitet Jürgens, wie man es von ihm gewohnt ist, mit seinen neuen Kompositionen, die durchaus klug geschrieben sind, zum Beispiel das rockige „Alles ist so easy”, in dem er die ins Deutsche eingeschleusten Anglizismen in aller Coolness, pardon, Lässigkeit vor Ohren führt.

Aber bitte mehr Sahne!

Jürgens nimmt sich viel Zeit für Alltagsphilosophie, für den Dank an seine exzellenten Solisten – Ralf Hesse am Flügelhorn, Geigerin Asya Sorshneva, Gitarrist Francis Coletta oder das vierblättrige Vokal-Kleeblatt „The Voices” –, und er zollt auch seinen Fans herzlich Tribut. Er brauche sie dringend, nicht umgekehrt. Das hat Charme, aber die Bescheidenheit erscheint als bloße Koketterie, wenn dann beiläufig auf Erfolge verwiesen wird, ach ja, für „Der Mann mit dem Fagott” gab es einen Bambi, und es folgt ein sehr langes Instrumental der Filmmusik, die er für die Jürgens-TV-Biografie geschrieben hat.

Das Revue-Passieren-Lassen sei ihm schon gegönnt, auch das Spielen der jüngsten Geistesblitze, die auf jeden Fall anständigen Groove entwickeln. Aber letztlich wartet man darauf, dass die Hits von einst gespielt werden. So explodiert die Stimmung, als Jürgens „Ich war noch niemals in New York” auspackt, jenes Lied, in dem es um einen Ausbruchstraum geht, der nicht in die Tat umgesetzt wird.

In voller Länge ergibt dieser ewig blühende Schlager den großen Glücksmoment. Umso mehr der Stich ins Rezensentenherz, als Jürgens zum Bademantel-Finale Himmlisches wie „Griechischer Wein” allzu kurz anspielt. Da fehlt dann doch eine Einsicht: Dass die Sehnsucht in einem Lied nicht unbedingt, in einem Konzert jedoch mit aller Wucht, aber bitte mit Sahne befriedigt werden sollte.

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