Liebe in Zeiten des Todes

John Green hat mit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter” ein bewegendes Jugenduch geschrieben – auch für Erwachsene
| Kathrin Kaiser
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Der amerikanische Schriftsteller John Green.
Peter-Andreas Hassiepen/Hanser Verlag Der amerikanische Schriftsteller John Green.

Es gibt wenig Schwierigeres, als offen und ehrlich über große Gefühle zu schreiben. Allzu oft ertrinkt dabei all das ursprünglich Wahre und Reine in Kitsch und Sentimentalität. Dem amerikanischen Jugendbuchautor John Green jedoch gelingt diese stilistische Gratwanderung vortrefflich.

Die Protagonistin seines neuen Romans ist 16 und hat Krebs. Dennoch ist „Das Schicksal ist ein mieser Verräter” kein Problembuch – dazu ist es zu humorvoll, zu lebendig, zu poetisch. John Green lässt seine Hauptfigur Hazel ihre Geschichte selbst erzählen. Das Mädchen mit dem Sauerstoffgerät und den schwach wachsenden Metastasen in der Lunge ist zynisch und literarisch gebildet. Auf die Rolle der tapfer leidenden Patientin will sie sich nicht reduzieren lassen, und „Krebsbücher” findet sie doof.

Wieder und wieder liest Hazel dagegen den Roman ihres holländisch-stämmigen Lieblingsautors Peter van Houten. Dieser Schriftsteller ist für sie „der einzige Mensch, der mir je begegnet war, der a) verstand, wie es sich anfühlt zu sterben, und b) nicht gestorben war”. Obwohl sie ihn nicht persönlich kennt, sieht Hazel van Houten als engen Freund.

Weniger gut aufgehoben fühlt sie sich in ihrer christlichen Selbsthilfegruppe. Statt zu den deprimierenden Treffen im episkopalischen Kirchenkeller zu gehen, sieht sie sich lieber „America’s Next Top Model” im Fernsehen an.

Eines nachmittags zahlt sich der Besuch des Treffens jedoch aus: Hazel lernt Augustus kennen, der einen Freund zur Gruppe begleitet. Auch Augustus hat Krebs. Wegen eines Knochentumors hat er eineinhalb Jahre zuvor ein Bein verloren. Hazel verliebt sich in seine „provozierend schlechte Haltung” und seine raue Stimme. Er sieht sie ständig an und findet sie genauso toll wie sie ihn.

Zwischen den beiden entsteht eine tiefe, ehrliche und ziemlich glückliche Teenager-Liebe. Ihre gemeinsamen Filmnachmittage, Videospiele und Picknicks im Park versetzen den erwachsenen Leser zurück in erste eigene Romanzen. Unwillkürlich erinnert man sich an all die philosophischen Gespräche über Bücher, Filme und das Leben im Allgemeinen, die in dieser Intensität nie wiederkehren.

John Green nimmt seine jungen Charaktere sehr ernst. Er zeichnet sie als unglaublich reife Persönlichkeiten. Hazel und Augustus sind auf natürliche Weise charmant, zeigen einander offen ihre Gefühle und meistern zusammen all die pubertären Unsicherheiten. Der Krebs tritt dabei nie in den Hintergrund. Krankenhausaufenthalte und weinende Eltern sind ebenso präsent wie vergnügliche Unternehmungen. Immer wieder reden Hazel und Augustus über das Sterben. Über ihren „Krebsbonus” amüsieren sie sich: Erwachsene erlauben ihnen in bestimmten Situationen deutlich mehr als gesunden Gleichaltrigen.

„Ich habe ,Das Schicksal ist ein mieser Verräter’ dreimal gelesen, und ich habe dreimal geweint”, schreibt ein amerikanischer Leser bei Twitter. Diese Erfahrung teilen viele, selbst erfahrene Kritiker wie Lev Grossman vom „Time Magazine”. Greens Buch rührt zu Tränen, ohne sentimental zu sein. Auf der Homepage des Autors liest man fast täglich neue Lobeshymnen. Green, der mit 33 Jahren bereits fünf Romane veröffentlicht hat, steht über das Internet in engem Kontakt zu seinen Lesern. Er hat weit über 100 000 Facebook-Fans, bei Twitter folgen ihm über eine Million Leser.

Vielleicht ist genau diese Nähe zu seinem Publikum das große Erfolgsgeheimnis des Schriftstellers, der in Amerika längst Kultstatus hat. Er erfasst einfach, was junge Menschen umtreibt.

John Green: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter” (Hanser, 288 Seiten, 16.90 Euro)

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