Leidenschaft sieht anders aus

Die Irin Tarrah Erraught springt für Vesselina Kasarova in der Hosenrolle des Romeo ein. Die Premiere von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi” ist in der Staatsoper etwas langsam in Szene gesetzt
| Volker Boser
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Verkeilung in Shakespearscher Liebe zu italienischen Klängen: Tara Erraught als Romeo (li.) und Eri Nakamura (Julia) in Kostümen von Christian Lacroix.
Winfried Hösl Verkeilung in Shakespearscher Liebe zu italienischen Klängen: Tara Erraught als Romeo (li.) und Eri Nakamura (Julia) in Kostümen von Christian Lacroix.

So viel Zeit musste sein: Zu Beginn kam Staatsopernintendant Nikolaus Bachler auf die Bühne, weinte seinem Star, Vesselina Kasarova, der wegen einer Lungenentzündung das Handtuch werfen musste, eine Träne nach und machte der Einspringerin Tarrah Erraught Mut. Immerhin stünde bei dieser Nationaltheater-Premiere eines der jüngsten Paare auf der Bühne, das je die tragische Geschichte von Romeo und Julia musikalisch nacherzählen durfte.

Gerade mal fünf Tage blieben der erst 24-jährigen Irin, um die Partie des Romeo zu erlernen. Gemessen daran zog sie sich glänzend aus der Affäre. Dass sie sich im Stimmtimbre kaum von der japanischen Julia Eri Nakamura unterschied und die Tiefe dann doch ein wenig zu wünschen übrig ließ, war schade, aber zu verkraften.

Delikate Klangzauberei

Vorsichtig formuliert ist Bellinis „I Capuleti e i Montecchi" ein Stück für jene Opernfans, die melodische Zuckergirlanden einer streng strukturierten Dramatik vorziehen. Man hört zu, genießt und lässt sich bereitwillig einlullen. Etwa von den gelegentlich verblüffend phantasievollen Orchestervorspielen zu den jeweiligen Gesangsnummern: Das Staatsorchester unter dem umsichtigen Ives Abel überbot sich an delikaten Klangzaubereien. Das Klarinetten-Solo zu Beginn von Romeos „Deserto è il luogo" im zweiten Akt geriet weltmeisterlich.

Wohl deshalb, weil die einzelnen vokalen Trapezakte eher konventionell ausfallen, ist diese Oper verhältnismäßig selten auf den Spielplänen zu finden. Der französische Regisseur Vincent Boussard vertraute den imponierenden Farbwirkungen, die sich das Team Bühnenbildner (Vincent Lemaire), Kostüme (Christian Lacroix) und Lichteffekte (Guido Levi) ausgedacht hatte.

Julia sah aus wie ein Ballettmädchen von Degas: zart, verletzbar, eine Traum weitab jeder Realität. Eri Nakamura konnte durch eine eindringliche Bühnenpräsenz punkten und bewegte sich auch stimmlich auf höchstem Niveau. Kasarova-Ersatz Tara Erraught hatte anfangs mit einiger Nervosität zu kämpfen, fand sich dann aber immer besser in die Partie hinein. Offenbar war es Absicht, die Begegnungen der beiden Liebenden in einem sehr langsamen Tempo in Szene zu setzen. Leidenschaft sieht anders aus.

Lacroix' Kostüme fallen aus dem Rahmen

Vielleicht wollte die Regie verhindern, dass die manchmal ziemlich lethargische Ruhe der Musik unnötig gestört wird. Der Blick auf den Dirigenten war Pflicht. Die weitgehende Abwesenheit szenischer Einfälle irritierte. Man könnte sie damit erklären, dass es sich um eine Koproduktion mit der Oper in San Francisco handelt. Dort ist man von Sponsorengeldern und einem konservativeren Publikum abhängiger und versteht deshalb bei Experimenten sicher weitaus weniger Spaß als hierzulande.

Sei’s drum. Musikalisch gab es kaum etwas auszusetzen. Auch die Comprimarii Dimitri Pittas, Steven Humes und Carlo Cigni schlugen sich tapfer. Die Kostüme des berühmten Christian Lacroix sind üppig, protzig, phantasievoll und fallen, wie erwartet, aus dem Rahmen.

Ob diese Oper wirklich aufgeführt werden muss, dazu haben die Fans das letzte Wort. Ein Meisterwerk ist sie nicht.

Weitere Vorstellungen am 30.3., 19.30 Uhr und am 3.4., 6.4., 9.4. und 12.4. 2011

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