Lebensachse Leopoldstraße

Die Stadt dankt ihrem letzten radikal improvisierenden Autorenfilmer: Klaus Lemke bekommt den Filmpreis 2010
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Sind Münchnerinnen sündige Luder? Klaus Lemke und seine Darstellerin aus „Schmutziger Süden“, Sina Bianca Hentschel.
Jerun Vahle Sind Münchnerinnen sündige Luder? Klaus Lemke und seine Darstellerin aus „Schmutziger Süden“, Sina Bianca Hentschel.

Die Stadt dankt ihrem letzten radikal improvisierenden Autorenfilmer: Klaus Lemke bekommt den Filmpreis 2010

Der Gang der 68er durch die Institutionen hat sie natürlich auch korrumpiert. Einer aber ist der letzte Mohikaner: Klaus Lemke – der Inbegriff des erotisch revolutionären Schwabing, dessen Bohème sich hauptsächlich aus Zuagroasten speiste: wie dem Düsseldorfer Lemke, der seit 1963 im uneigentlichen Schwabing, der Maxvorstadt, eine Wohnung hat, die er konsequent als Junggeselle bewohnt.

Der ewige Bukowski-Stenz ist Entdecker von Cleo Kretschmer. Iris Berben soll als seine Geliebte ihren Durchbruch gehabt haben wie auch deren Gegenmodell, Dolly Dollar, die den Sexbombenstil vieler Lemke-Begleiterinnen vorgibt. Jetzt hat die Landeshauptstadt München ihren Filmpreis 2010 an Lemke (69) vergeben.

Echt und unfreiwillig komisch

„48 Stunden bis Acapulco“ war 1967 der erste Lang-Spielfilm von Lemke. Er verfolgt die Odyssee eines jungen Aussteigertypen aus gutem Hause mit antikapitalistischem Rebellentum vom Schliersee über Rom nach Acapulco, wo existenzialistische amerikanische Gangsterfilm-Atmosphäre ins Spiel kommt. Der ZDF-Film „Rocker“ (1971) ist der Inbegriff des Lemke-Stils mit Laiendarstellern, die dieser Hamburger Kiez-Studie mit Santana-, Stones- und Led-Zeppelin-Musik Echtheit verleihen, was teilweise aber zu unfreiwilliger Komik führt.

Legendär auch: „Arabische Nächte“ von 1979, eine Provinzkomödie, in der Cleo Kretschmer als niederbayerische Tankstellenbesitzerin ihren Geliebten (Wolfgang Fierek) für einen Ölscheich verlässt, um dann doch zurückzukehren. Wer Lemke als kompromisslosen Filmemacher sehen will, kann sich seine Doku mit dem Lebensleitthema „Die Leopoldstraße kills me“ von 2001 ansehen. Beim Münchner Filmfest wurde vor zwei Jahren Lemkes „Dancing with Devils“ nicht angenommen. Lemke protestierte mit einem selbstgemalten Schild gegen den Festivalchef: „Ströhl raus!“ Jetzt dankt die Stadt ihrem konsequentesten, letzten improvisierenden Autorenfilmer mit 10000 Euro.

Adrian Prechtel

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