Versteigerung: Die Kahlo ist einfach Kult

Bei Sotheby's wird ein Selbstbildnis der mexikanischen Künstlerin versteigert, das für einen neuen Rekord sorgen dürfte.
| Christa Sigg
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Ein Selbstporträt der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (1907-1954) könnte bei einer Auktion in New York mehr als 30 Millionen Dollar (etwa 25 Millionen Euro) einbringen.
Ein Selbstporträt der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (1907-1954) könnte bei einer Auktion in New York mehr als 30 Millionen Dollar (etwa 25 Millionen Euro) einbringen. © picture alliance/dpa/Sotheby's

Ist sie nun die berühmteste Künstlerin aller Zeiten? Das behauptet Luis-Martin Lozano, der einen fünf Kilogramm schweren Wälzer über das Gesamtwerk von Frida Kahlo herausgegeben hat. Im Taschen Verlag, wo Bedeutung auch gerne mit Gewicht zum Ausdruck gebracht wird. Und Lozano hat vermutlich recht.

Kahlos Malerei wird auf Postern, Taschen, Bettüberwürfen und Smartphonehüllen bis zum Gehtnichtmehr reproduziert. Ihr Leben ist immer wieder verfilmt worden - mit Salma Hayek zum Beispiel -, sogar eine Frida-Barbie gibt es. Und nun könnte die Mexikanerin am 16. November in New York, kurz nach 19 Uhr Ortszeit, für ein neues Rekordergebnis sorgen.

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Beim "Modern Evening Sale” des Auktionshauses Sotheby's kommt ein tatsächlich spektakuläres Selbstporträt von 1949 zum Aufruf: "Diego y yo" ("Diego und ich"), ein 22 mal 30 Zentimeter kleines und damit fast schon intimes Bild ist zwischen 30 und 50 Millionen US-Dollar taxiert, das könnte leicht noch weiter in die Höhe schnellen. Bei den ersten Herbstversteigerungen haben die Sammler jedenfalls nicht geknausert.

Frida ist gut für einen Hype

Und Frida ist immer gut für einen Hype, denn ihre Bilder geraten kaum auf den Markt. Hinzu kommt, dass sie in Mexiko seit 1984 als nationales Kulturgut gelten und das Land nur im Rahmen von Ausstellungen verlassen dürfen. Gehandelt werden kann lediglich das, was davor exportiert wurde.

Ein Selbstbildnis von Frida Kahlo.
Ein Selbstbildnis von Frida Kahlo. © Imago

Den bisher höchsten Preis hat vor 15 Jahres eines ihrer Porträts erzielt: "Roots", entstanden 1943, zeigt die Künstlerin mit der Erde verwurzelt und brachte 5 Millionen Dollar ein. Auch bei Sotheby's. "Diego y yo", das vielsagende Werk, das nun ins Rennen geht, kam dort schon einmal unter den Hammer - 1990 für 1,4 Millionen Dollar. Man mag darüber heute lächeln, aber vor 30 Jahren war das ein irrer Preis, zudem wurde erstmals die Millionengrenze für die Arbeit eines lateinamerikanischen Künstlers geknackt.

Es gehört zu den elf Autoporträts, die sich in Privatbesitz außerhalb Mexikos befinden. Wobei das Branchenblatt "Artnet News" im August von einer "ultrageheimen", also geschlossenen Saalauktion bei Christie's berichtet hat, auf der Kahlos 1941 gemaltes "Selbstbildnis mit Papageien" für 130 Millionen Dollar an einen Sammler aus Asien gegangen sei. Offiziell wurde natürlich nichts bestätigt, aber unwahrscheinlich ist das nicht. Bei Frida Kahlo und überhaupt bei den Frauen ist noch ordentlich Luft nach oben.

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Davon abgesehen hat "Diego y yo" seinen ganz eigenen Reiz. Auf den dichten dunklen Augenbrauen, die sich wie ein Drachenwesen über den Augen Kahlos erheben, sitzt das Konterfei ihres 20 Jahre älteren Ehemanns. Die damals 42-Jährige weint wieder einmal. Was hat die aparte Schönheit nicht unter diesem hispanischen Falstaff gelitten, der sich schon bei der Hochzeit 1929 so betrank, dass ein Gast mit lädierter Hand davonwanken musste - und sie mit einem gebrochenen Herz, das nie mehr gesunden sollte.

Denn Diego Rivera, der bekannte Maler riesiger Wandgemälde - Murales - ging notorisch fremd. Als das Bild entstand, war es María Félix, eine enge Freundin Fridas, mit der er sie betrog. Ihre offenen Haare liegen wie ein Tuch um den Hals, oder sind es nicht eher strangulierende Fäden, die ihr die Luft zum Atmen nehmen?

Zwischen Rache und körperlicher Pein

Frida rächt sich mit unzähligen Liebhabern, darunter Isamu Noguchi, Leo Trotzki und genauso Frauen, doch es gibt kein Entkommen. Diego klebt nicht nur wie im Porträt auf ihrer Stirn, er hat sich in ihre Gedanken, in ihr ganzes Leben gewunden. Nach der Scheidung im November 1939 wird sie ihn knapp ein Jahr später wieder heiraten - um weiter zu leiden.

Dabei ist Frida mit ihrem maladen Körper schon gepeinigt genug. Als Sechsjährige erkrankt sie an der Kinderlähmung, das wird ihr Rückgrat später arg deformieren. Und bei einem Busunfall, da ist sie 18, bohrt sich eine Stahlstange durch ihr Becken. Ein Stahlkorsett wird Fridas ständiger Begleiter, dazu kommen zahllose Operationen.

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Sie verbringt viel Zeit im Bett und beginnt zu malen, bald Selbstporträts, die eine zentrale Rolle in ihrem Œuvre einnehmen werden. "Ich male mich, weil ich so oft allein bin", lautet ihre Erklärung. Naheliegender mag der Drang zur Körperschau dieser Schmerzensreichen sein und zugleich die Gelegenheit, ein Wunschbild von sich selbst zu schaffen: das einer selbstgewissen Frau, die freilich genauso ihre Wunden zeigen kann. Das ist ihre Stärke und zugleich ihre Manie. Das macht sie aber auch einzigartig und unverwechselbar.

Die Werke der 1954 im Alter von 47 Jahren verstorbenen Malerin erkennt man schon von Weitem, die intensiven Farben tun das Ihre. Und dann sind da diese Tränen, die blutenden Herzen, ihr geflickter Leib - durchbohrt, im Korsett, auf dem Krankenlager. Das bleibt ebenso haften wie ihre stolzen Selbstbildnisse mit sagenhaft drapierten Haartürmen voller Blumen und Bändern, umschwirrt von exotischen Tieren, gekleidet in die Tracht einer Tijuana. Darin sah man lange ein Statement für die Urbevölkerung Mexikos, inzwischen werden die kritischen Stimmen immer lauter.

Diego Rivera (vor einem typischen Wandbild) blickt Frida 1932 am Detroit Institute of Arts über die Schulter.
Diego Rivera (vor einem typischen Wandbild) blickt Frida 1932 am Detroit Institute of Arts über die Schulter. © Collection of Spencer Throckmorton/NY

Selbstporträts mit Haartürmen

Die Autorin Joanna García Cherán vom Volk der Purépecha etwa wirft Kahlo eine allenfalls oberflächliche Beziehung zu indigenen Kulturen und deren künstlerisch geschickte Aneignung vor. Die Tochter eines lutherisch-deutschen Vaters und einer streng katholischen Mestizin hätte in ihrer Kunst und ihrem persönlichen Stil ein mythologisierendes Indianertum konstruiert und sich damit auch am damals in Mode gekommenen "Indigenismo" der weißen und mestizischen Elite Mexikos beteiligt.

Man wird das weiter verfolgen, der Fridamania dürfte dies aber kaum Abbruch tun. Zu schön ist die Geschichte der emanzipierten Frau, die ihr Schicksal in Kunst verwandelt, zu erfolgreich die Mixtur aus Lust und noch mehr Leid und das extravagant Ikonenhafte. Aus ihrer Zeit heraus, war die Kahlo umwerfend, das demonstriert der neue Taschen-Band, der nicht nur ein reiches Gesamtwerk inklusive der verlorenen Gemälde in Schwarz-Weiß-Aufnahmen auffächert, sondern genauso die Vita dieser Künstlerin erzählt. Zum Teil mit erstaunlichen Fotos, auf denen sie sympathischer wirkt als auf jedem ihrer Bilder.


Frida Kahlo: "Sämtliche Gemälde" (Taschen Verlag, 624 Seiten, 150 Euro)

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