Venedig-Biennale: „Man muss Hildegard einfach lieben!“

850 Jahrenach ihrem Tod ist Hildegard von Bingen gefragt wie nie zuvor. Zur Biennale in Venedig beschäftigt sich auch der Beitrag des Vatikans mit der großen Ordensfrau
von  Christa Sigg
Hildegard von Bingen hat Künstler zu neuen Klängen inspiriert: Mit Headsets geht es durch einen idyllischen Klostergarten.
Hildegard von Bingen hat Künstler zu neuen Klängen inspiriert: Mit Headsets geht es durch einen idyllischen Klostergarten. © David Levene

Venezia Santa Lucia zählt zu den besonders nervigen, lauten Bahnhöfen. Massen von Touristen und viele Pendler werden hier durchgeschleust, dauernd ist man am Rennen und Ausweichen. Von den Warteschlangen draußen an den Anlegestellen der Vaporetti ganz zu schweigen.

Man ahnt es nicht, doch nur einen Steinwurf entfernt öffnet sich ein Klostergarten von paradiesischer Ruhe. Der Vatikan präsentiert dort bei den Karmelitern hinter der Kirche Santa Maria di Nazareth den attraktivsten Teil seines diesjährigen Biennale-Beitrags, der mit der Heiligen Hildegard von Bingen (1098 - 1179) eine beeindruckende Frau ins Zentrum rückt.

Man ahnt nicht, dass dieser ruhige Klostergarten direkt neben dem Bahnhof Santa Lucia zu finden ist.
Man ahnt nicht, dass dieser ruhige Klostergarten direkt neben dem Bahnhof Santa Lucia zu finden ist. © David Levene

Schon Cees Nooteboom schwärmt vom „Giardino Mistico“ der Karmeliter

Man hätte die Oase durchaus früher entdecken können. Der holländische Schriftsteller Cees Nooteboom schwärmt in seinem Venedig-Band ausgiebig von diesem „Giardino Mistico“. Ein solches Refugium gehört zu einem gut geführten Kloster, und Hildegard, die in unseren Tagen mehr durch ihre Pflanzenkunde und allerlei Ernährungstipps als durch ihre Mystik von sich reden macht, hätte in diesem Garten die für sie wichtigen Heilkräuter ernten können.

Patti Smith setzt auf den frommen
Gesang der Nonnen

Nun bilden die feinabgezirkelten Parzellen die Kulisse für eine individuell erfahrbare Klanginstallation. Über Headsets werden Kompositionen und Gedichte von Jim Jarmusch und Patti Smith, von Otobong Nkanga oder vom KI-affinen Duo Holly Herndon & Mat Dryhurst eingespielt: leise, langsam, meditativ und behutsam, um nicht zuletzt für die Düfte offen zu sein, die von den Beeten herüberwehen. Vom zarten Eisenkraut und den robusten Sträuchern, die bald ligurische Fleischtomaten tragen, von den verschiedensten Weinreben und von weißen Callakelchen.

Im Gesang und überhaupt in der Musik kam für Hildegard die Harmonie der Schöpfung zum Ausdruck. Die Seele des Menschen sei symphonisch, war sie der Auffassung, und erst wer in sein Inneres hineinzuhören vermag, könne die Zusammenhänge verstehen und sich verorten.

Bei der Beschäftigung mit Hildegard von Bingen hat Jim Jarmusch zu meditativen Klängen gefunden.
Bei der Beschäftigung mit Hildegard von Bingen hat Jim Jarmusch zu meditativen Klängen gefunden. © Soundwalk Collective

Auch Jim Jarmusch ließ sich ins Hildegard-Projekt des Vatikan holen

Auf diese Überzeugung ließen sich die Künstlerinnen und Künstler geradezu ehrfürchtig ein. Die amerikanische Vokal-Performance-Allrounderin Meredith Monk hatte sich ohnehin schon einmal für das Label ECM mit der Gedankenwelt Hildegards beschäftigt - von der Ordensfrau sind eine ganze Reihe Kirchenlieder und liturgische Gesänge überliefert.

Pattie Smith ließ für ihren Klangbeitrag den Gesang der Nonnen von Kloster Eibingen aufnehmen.
Pattie Smith ließ für ihren Klangbeitrag den Gesang der Nonnen von Kloster Eibingen aufnehmen. © Courtesy of the Artist

Monks Kollegen begriffen die Aufforderung indes als Chance, in einen 800 Jahre alten Kosmos einzutauchen. Und keineswegs aufs Geratewohl. Mit Honey Meconi stand ihnen die führende Expertin zur Musik Hildegards zur Seite. „Sie schlug schon mal ein Antiphon oder eine Tonart vor“, erinnert sich der Kulturwissenschaftler Ben Vickers. Patti Smith hätte sogar eine Aufnahme der Nonnen in Kloster Eibingen in ihren Part aufgenommen.

Der Brite kuratiert mit Hans-Ulrich Obrist den Pavillon des Heiligen Stuhls. Obrist war vor zwei Jahren bereits für die Kunstschau im Frauengefängnis auf der Giudecca zuständig, auch dieser ungewöhnliche wie eindringliche Biennale-Auftritt wurde vom Vatikan veranstaltet.

Mehr als eine Hommage: Hildegard gehört ins Hier und Jetzt

Alexander Kluge hat die Manuskripte der Hildegard von Bingen in die heutige mediale Welt geholt. Hier eine Vision mit Flammen, die Kluge durch die Mühlen der Künstlichen Intelligenz geschickt hat.
Alexander Kluge hat die Manuskripte der Hildegard von Bingen in die heutige mediale Welt geholt. Hier eine Vision mit Flammen, die Kluge durch die Mühlen der Künstlichen Intelligenz geschickt hat. © The Pavillon of the Holy See, The Ear is the Eye of the Soul

Und Hildegard von Bingen? Die einflussreiche Benediktinerin steht seit Jahren auf der Agenda des Schweizer Ausstellungsmachers. Sie sei immer wieder Thema gewesen, wenn er sich mit Alexander Kluge getroffen habe. Der Autor und Filmproduzent plante lange schon eine Arbeit über Hildegard, doch keine beliebige Hommage. Ihm war wichtig, sie in einen zeitgenössischen Kontext zu stellen und mit der medialen Gegenwart zu verknüpfen. Das heißt in diesem Fall, mithilfe Künstlicher Intelligenz Collagen aus Texten und Bildern zu kombinieren.

Diese umfassende Hildegard-Installation ist zu einem letzten Höhepunkt in Kluges Schaffen geworden, und auch der poetische Titel „Das Ohr ist das Auge der Seele“ geht auf ihn zurück (frei nach Hildegards „Die Augen sind die Fenster zur Seele“). Obwohl der Wahl-Münchner nicht mehr auf Reisen gegangen sei, wollte er unbedingt zur Präsentation nach Venedig kommen, erzählt Obrist.

Alexander Kluges letzte Arbeit galt der gelehrten Äbtissin

Bekanntlich hat es nicht sollen sein, sechs Wochen vor der Eröffnung der Biennale starb Kluge mit 94 Jahren. Die Umsetzung dürfte freilich seinen Vorstellungen entsprechen, zumal Hildegard aus sämtlichen Perspektiven zu erleben ist.

In der Bibliothek, der aufgelassenen Kirche Santa Maria Ausiliatrice, kann man sich auch einen Tee aufbrühen. Natürlich mit Kräutern, die die heilige Hildegard empfiehlt.
In der Bibliothek, der aufgelassenen Kirche Santa Maria Ausiliatrice, kann man sich auch einen Tee aufbrühen. Natürlich mit Kräutern, die die heilige Hildegard empfiehlt. © David Levene

Zwölf Stationen mit kurzen Filmen Kluges führen in das Universum der Gelehrten, die sich neben den Glaubensinhalten und ihrem Amt als Äbtissin ganz selbstverständlich mit naturwissenschaftlichen Fragen auseinandergesetzt und Werke zur Medizin, zur Kosmologie oder Ethik verfasst hat. Weshalb sich so viele Künstler, Dichter und Musiker von dieser Frau inspirieren ließen, auch das wird schnell offenkundig.

Wer tiefer in ihre Überlegungen etwa zur Wanderschaft der Seele oder in ihre Visionen einsteigen möchte, findet in der Kirche eine gut eingerichtete Bibliothek. Allerdings mit überwiegend italienischer Literatur. Man kann sich auch nur eine Tasse Hildegard-Tee aufbrühen und den Rückzug aus dem Trubel Venedigs genießen, zu sich kommen, in sich hineinhorchen.

Das ist die schönste Qualität dieser beiden Ausstellungen. Und es stimmt schon, was Ben Vickers sagt: „Wer mit Hildegard Bekanntschaft macht, liebt sie. Da gibt es nichts zu deuteln“.

„The Ear is The Eye of The Soul“ bis 22. November 2026:
Klanggarten im Giardino Mistico dei Carmelitani Scalzi, Cannaregio 54, Besuch nur mit Anmeldung über labiennale.org/en/art/2026/holy-see
Hildegard-Installation im Complesso di Santa Maria Ausiliatrice, Via Garibaldi, Castello 454,
Öffnungszeiten täglich außer montags von 11 bis 19 Uhr, ab Oktober von 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei

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