Veit Stoß: Ein Künstler ohne jede Moral

Der Nürnberger Veit Stoß war nicht nur ein großer Bildhauer, sondern auch ein Verbrecher. Mit dem Münnerstädter Altar erzählt das heute wieder geöffnete Bayerische Nationalmuseum nun diese wilde Geschichte.
| Christa Sigg
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Im unterfränkischen Münnerstadt ist der Bildhauer Veit Stoß von heute auf morgen zum Maler geworden. Das Ergebnis sind vier Altartafeln für die Pfarrkirche Sankt Maria Magdalena. Verhandelt wird ein brutales Verbrechen: Herzogin Gailana stiftet zwei Hofbedienstete zur Ermordung des Heiligen Kilian an (1504/05).
Im unterfränkischen Münnerstadt ist der Bildhauer Veit Stoß von heute auf morgen zum Maler geworden. Das Ergebnis sind vier Altartafeln für die Pfarrkirche Sankt Maria Magdalena. Verhandelt wird ein brutales Verbrechen: Herzogin Gailana stiftet zwei Hofbedienstete zur Ermordung des Heiligen Kilian an (1504/05). © Benjamin Brückner/© Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt

Für Joseph Beuys war völlig klar: "Künstler und Verbrecher - das sind Weggefährten". Beide seien ohne Moral und verfügten über eine verrückte Kreativität, schreibt er weiter. Ob Beuys auch an den messerflinken Caravaggio und den dreifachen Totschläger Benvenuto Cellini gedacht hat?

Man könnte die Reihe problemlos fortführen, die Welt der schönen Künste hat hier einiges zu bieten, dazu brutale Schläger und Vergewaltiger en masse. Die Urkundenfälschung des Veit Stoß (um 1447 - 1533) scheint da fast marginal. Doch im mittelalterlichen Nürnberg stand darauf die Todesstrafe.

Mit glühenden Eisen werden Stoß die Wangen durchbohrt

Deshalb macht ein imposantes Richtschwert den Auftakt der endlich fürs Publikum geöffneten Ausstellung "Kunst & Kapitalverbrechen" im Bayerischen Nationalmuseum. Stoß, der um 1500 längst ein berühmter Bildhauer war, hätte dran glauben müssen. In einer Stadt, die vom Handel lebte, konnte man sich keine gefälschten Schuldscheine leisten. Doch im letzten Moment traf ein Gnadenbrief von Kaiser Maximilian ein. Geschont hat man den Delinquenten aber nicht: Mit glühenden Eisen wurden Stoß im Dezember 1503 die Wangen durchbohrt.

Man will sich das gar nicht vorstellen. Und wer weiß, was den aufgebrachten Ratsherren im Kampf um das Image dieser größten Wirtschaftsmetropole des Reichs noch alles eingefallen wäre. Zumal der "haylosse Burger" Stoß "vil Unruw gemacht hat", immer wieder in höchst dubiose Finanzgeschäfte verstrickt war und im Lauf seines Lebens fast 100 Prozesse geführt hat. Auf der anderen Seite konnte und wollte man einen international gefeierten Starkünstler auch nicht einfach ins Jenseits befördern.

Veit Stoß zieht illegal zu seiner Tochter

Veit Stoß zieht es jedenfalls vor, zu seiner Tochter ins unterfränkische Münnerstadt zu fliehen. Illegal, er hätte Nürnberg auf keinen Fall verlassen dürfen. Das beschert ihm allerdings einen großen Auftrag, er muss dabei nur in einen ziemlich sauren Apfel beißen: Stoß soll für den Hauptaltar der Magdalenenkirche Skulpturen seines Erzrivalen Tilman Riemenschneider (um 1460 - 1531) fassen und gleich noch vier Bildtafeln für die Flügel malen.

Ein solcher Jobwechsel ist in Zeiten strenger Zunftordnungen nicht vorgesehen, die Münnerstädter und der auftraggebende Deutsche Orden landen aus künstlerischer Sicht freilich einen Coup. Und Stoß wird außerdem fürstlich entlohnt. Maler verdienen damals grundsätzlich mehr als Schnitzer. Dass er im neuen Metier nicht ganz so virtuos unterwegs ist, wird bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als "harte Bildhauermalerei" bekrittelt. Die Linearperspektive eines Albrecht Dürer gelingt ihm nicht, die klaustrophobisch engen Räume kippen zum Vordergrund hin nach unten.

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Doch Stoß' hoch expressive Gebärdensprache und die erzählerische Dichte lassen diese Schwächen leicht übersehen. Zumal er einen ereignisreichen Plot mit vielsagenden Details auffächert und - was für ein pikanter Zufall - ein Verbrechen im Mittelpunkt steht: Es geht um den blutrünstigen Mord am irischen Wanderbischof Kilian, der das Christentum nach Franken gebracht haben soll.

Da werden Ränke geschmiedet, und wie im Splatterfilm dürfen Schergen die Klingen schwingen. Stoß konzentriert sich auf Gesten - selten spielen Hände eine so intensive Rolle - und eine drastische Mimik. Das ist ihm wichtiger als anatomische Genauigkeit und reale Größenverhältnisse.

Dagegen sind die 1492 und damit zwölf Jahre zuvor fertiggestellten Figuren Riemenschneiders ungemein feinsinnige, anrührend melancholische, aber auch zahme Gestalten: Da ist die enorme Maria Magdalena im Haarkleid, umschwirrt von nurmehr sechs Engeln (normalerweise im Riemenschneider-Saal), dazu aus Münnerstadt die Heilige Elisabeth im eleganten S-Schwung und Bischof Kilian sowie Retabeln, die zum ersten Mal seit der Demontage des Altars 1650 wieder aufeinandertreffen. Die Restaurierung der Kirche hat's möglich gemacht. Und damit ein vollständiger Eindruck entsteht, gibt es das anzunehmende Gesamtbild des Altars als Animation.

Warum verzeiht man dem Genie, was andere hinter Gitter bringt?

Auch die in Münnerstadt verbliebenen Riemenschneider-Figuren haben keine Fassungen mehr, sind also "pur" zu sehen, wie sie Veit Stoß angetroffen hat und sie heute bevorzugt werden. Ob sich die beiden Künstler je begegnet sind, lässt sich nicht klären. Interessant wäre ein solches Gigantentreffen bestimmt, zumal direkte Konkurrenz mächtig anstachelt. Man kann das in der Ausstellung durch Objekte etwa von Adam Kraft schön verfolgen. Und tatsächlich hat sich der heimwehgeplagte Veit Stoß dann auch 1505 wieder ins Nürnberger Haifischbecken begeben - um die erste Zeit im Kerker zu verbringen. Erneut griff der Kaiser ein und schickte gleich im Jahr darauf einen zweiten Gnadenbrief.

Tilman Riemenschneiders Figuren für den Münnerstädter Altar. Im Zentrum Maria Magdalena im Haarkleid mit sechs Engeln.
Tilman Riemenschneiders Figuren für den Münnerstädter Altar. Im Zentrum Maria Magdalena im Haarkleid mit sechs Engeln. © Bayerisches Nationalmuseum

Anders wäre der "Englische Gruß" nicht entstanden, der hoch im Chor der Nürnberger Lorenzkirche hängt, und genauso wenig der Erzengel Raphael im Faltenrausch seiner Montur, die "Zehn Gebote" und vieles mehr. Zugleich drängt sich aber auch die Frage nach der Gerechtigkeit auf. Weshalb verzeiht man einem überragenden Künstler, was andere hinter Gitter bringt? Der Fall ist höchst aktuell.


"Kunst & Kapitalverbrechen. Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar" bis mindestens Ende Juni im Bayerischen Nationalmuseum, Di - So, 10 - 18 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag, 240 Seiten, 39 Euro, im Museum 29 Euro). Besuch innerhalb eines Zeitfensters mit Anmeldung unter Tel. 089 - 211 24 317

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