Souvenirs, Souvenirs: So arbeiten Künstler mit Archiven

Archivmaterial kann ziemlich aufregend sein und sinnliche Eindrücke bescheren - das zeigt die Ausstellung „Memory Gap“ im Haus der Kunst. Aber klar, am Werk waren kreative Leute
Autorenprofilbild Christa Sigg
Christa Sigg
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen  AZ als Quelle bevorzugen
Das Künstlerpaar Friederike und Uwe hat ein Riesen-„Memory“ aus unzähligen Plastikteilchen gesteckt. Sofort beginnt man sich zu erinnern. Mal lustvoll, mal eher mit Unbehagen.
Friederike & Uwe/Memory Gap 3 Das Künstlerpaar Friederike und Uwe hat ein Riesen-„Memory“ aus unzähligen Plastikteilchen gesteckt. Sofort beginnt man sich zu erinnern. Mal lustvoll, mal eher mit Unbehagen.
Eigentlich ein Paradies, die Insel Nauru. Zanny Begg und Oliver Ressler bringen die ganz anderen Seiten aufs Tapet, das heißt in ihr Video „Anubumin“, das heißt auf Nauruisch Nacht. Denn das Paradies wurde geplündert, die reichen Phosphatvorkommen haben die Kolonialherren interssiert.
Zanny Begg und Oliver Ressler / Memory Gap 3 Eigentlich ein Paradies, die Insel Nauru. Zanny Begg und Oliver Ressler bringen die ganz anderen Seiten aufs Tapet, das heißt in ihr Video „Anubumin“, das heißt auf Nauruisch Nacht. Denn das Paradies wurde geplündert, die reichen Phosphatvorkommen haben die Kolonialherren interssiert.
„HalbrohCDiamanten“: Paula Pongratz arbeitet mit Fundstücken aus dem Alltag, in diesem Fall sind es weggeworfene CDs. Die klebt die Schmuckkünstlerin zusammen und schleift sie zu Diamanten der etwas andere Art.
Paula Pongratz / Memory Gap 3 „HalbrohCDiamanten“: Paula Pongratz arbeitet mit Fundstücken aus dem Alltag, in diesem Fall sind es weggeworfene CDs. Die klebt die Schmuckkünstlerin zusammen und schleift sie zu Diamanten der etwas andere Art.

Das da oben ist bestimmt Lady Di mit dem kleinen Harry, so ein röhrender Hirsch hing bei den Nachbarn überm Sofa, und die Frau neben den Tulpen müsste Emma Peel sein, die coole Agentin aus „Schirm, Charme und Melone“. - Vor den bunten Steckbildern von Friederike und Uwe kommt sofort das Kopfkino in Gang. Und es geht weit zurück in eine Zeit, als kurz vor Mitternacht noch das Testbild auf dem Fernseher erschien.

Mit seinen Kunststoffmosaiken füllt das Münchner Künstlerpaar eine ganze Wand im Haus der Kunst, man steht wie gebannt vor diesem überdimensionalen „Memory“ und vergisst sich fast beim Zuordnen. Das demonstriert herrlich verspielt, dass Bilder tief in unserem Gedächtnis sitzen. Je banaler, desto bleibender, möchte man fast sagen.

Eigentlich ein Paradies, die Insel Nauru. Zanny Begg und Oliver Ressler bringen die ganz anderen Seiten aufs Tapet, das heißt in ihr Video „Anubumin“, das heißt auf Nauruisch Nacht. Denn das Paradies wurde geplündert, die reichen Phosphatvorkommen haben die Kolonialherren interssiert.
Eigentlich ein Paradies, die Insel Nauru. Zanny Begg und Oliver Ressler bringen die ganz anderen Seiten aufs Tapet, das heißt in ihr Video „Anubumin“, das heißt auf Nauruisch Nacht. Denn das Paradies wurde geplündert, die reichen Phosphatvorkommen haben die Kolonialherren interssiert. © Zanny Begg und Oliver Ressler / Memory Gap

Aus dem alten Paradies ist eine Hölle geworden

Doch es geht in den rund 20 Positionen, die Kuratorin Petra Gerschner zusammengetragen hat, auch härter zur Sache - abhängig vom Archivmaterial, das den 17 Künstlerinnen und Künstlern wie auch immer in die Hände gelangt ist.

Dann blickt man auf eine weit abgelegene Pazifikinsel, die so ziemlich alles erlebt hat, was man gerne ungeschehen machen würde, aber bislang eher ausblendet. Vom Kolonialismus und dem gnadenlosen Rohstoffabbau auf Nauru über die Unbewohnbarkeit des einstigen Paradieses bis hin zum Zentrum der Geldwäsche. Und heute? Nutzt Australien das Atoll als Anhalte- oder besser Fernhaltelager für Asylsuchende. Zanny Begg und Oliver Ressler lassen in ihrem Video „Anubumin“ Whistleblower zu Wort kommen, das ergibt zusammen mit der Geschichte der Insel eine bizarre Melange.

Schmuck für die Ewigkeit - im Betonsarg

An solche Zeugnisse zu gelangen, ist kompliziert, teuer, teils auch gefährlich. Oft genug braucht man einfach nur die Archivkisten zu durchforsten - die vom Rheinischen Missionsarchiv in Wuppertal zum Beispiel. Katrin Winkler kam auf diese Weise zu privaten Aufnahmen von Missionaren, die viel über Namibia und Tansania erzählen und letztlich die Kolonialisierung vorbereitet haben.

Manchmal genügt es, die Familie anzuzapfen. Anna Maria Eichlinger hat alten Schmuck von Tanten und Cousinen gesammelt. Daraus wurden aber keine neuen Broschen oder Ketten, die Schmuckkünstlerin goss die Teile in Beton ein. Nun stehen sie da wie winzige Särge und deuten auf Lebensgeschichten. Unter anderem von der Oma, die sich nach dem Krieg über ihren ersten Ring gefreut hat. Das Studium bei Otto Künzli hinterließ Spuren, Gold wirkt auch im Verborgenen.

„HalbrohCDiamanten“: Paula Pongratz arbeitet mit Fundstücken aus dem Alltag, in diesem Fall sind es weggeworfene CDs. Die klebt die Schmuckkünstlerin zusammen und schleift sie zu Diamanten der etwas andere Art.
„HalbrohCDiamanten“: Paula Pongratz arbeitet mit Fundstücken aus dem Alltag, in diesem Fall sind es weggeworfene CDs. Die klebt die Schmuckkünstlerin zusammen und schleift sie zu Diamanten der etwas andere Art. © Paula Pongratz / Memory Gap

Im geschliffenen Diamanten steckt ein komplettes MRT

Und um gleich bei den Preziosen zu bleiben: Paula Pongratz arbeitet mit Fundstücken aus dem Alltag. Etwa CDs, die mittlerweile in rauen Mengen im Abfall landen. Pongratz klebt sie mit Epoxidharz zusammen und schleift daraus schillernde „Diamanten“. Der schönste trägt übrigens die Daten eines MRTs in sich, die sind allerdings nie mehr zu lesen.

Für das, was im Keller an der Prinzregentenstraße 1 entdeckt wurde, gilt das erfreulicherweise nicht: Das „Archiv der Ausstellungsleitung“ im Haus der Kunst und der so wichtigen Künstlervereinigung ist gehoben und wird künftig erforscht. Die Rede ist von Quellen aus den Jahren 1948 bis heute.

Im Haus der Kunst blättert man sich durch alle Ausstellungen, seit 1948

Weshalb wurde wer oder was und wie ausgestellt? Vom Blauen Reiter und Picassos „Guernica“ bis zu Louise Bourgeois. Von den Alten Ägyptern bis zu den Nibelungen. Die Kataloge im Entrée geben einen Vorgeschmack. Und schön: Blättern ist erlaubt.

„Memory Gap. Potenziale archivalischer Praxis in der Gegenwartskunst“ bis 19. September 2026, Haus der Kunst München, Südgalerie, Mi bis Mo 10 - 20 Uhr, Symposium zur Ausstellung: 12. September, ab 13 Uhr im Auditorium, Eintritt frei

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.