Souvenirs, Souvenirs: So arbeiten Künstler mit Archiven
Das da oben ist bestimmt Lady Di mit dem kleinen Harry, so ein röhrender Hirsch hing bei den Nachbarn überm Sofa, und die Frau neben den Tulpen müsste Emma Peel sein, die coole Agentin aus „Schirm, Charme und Melone“. - Vor den bunten Steckbildern von Friederike und Uwe kommt sofort das Kopfkino in Gang. Und es geht weit zurück in eine Zeit, als kurz vor Mitternacht noch das Testbild auf dem Fernseher erschien.
Mit seinen Kunststoffmosaiken füllt das Münchner Künstlerpaar eine ganze Wand im Haus der Kunst, man steht wie gebannt vor diesem überdimensionalen „Memory“ und vergisst sich fast beim Zuordnen. Das demonstriert herrlich verspielt, dass Bilder tief in unserem Gedächtnis sitzen. Je banaler, desto bleibender, möchte man fast sagen.

Aus dem alten Paradies ist eine Hölle geworden
Doch es geht in den rund 20 Positionen, die Kuratorin Petra Gerschner zusammengetragen hat, auch härter zur Sache - abhängig vom Archivmaterial, das den 17 Künstlerinnen und Künstlern wie auch immer in die Hände gelangt ist.
Dann blickt man auf eine weit abgelegene Pazifikinsel, die so ziemlich alles erlebt hat, was man gerne ungeschehen machen würde, aber bislang eher ausblendet. Vom Kolonialismus und dem gnadenlosen Rohstoffabbau auf Nauru über die Unbewohnbarkeit des einstigen Paradieses bis hin zum Zentrum der Geldwäsche. Und heute? Nutzt Australien das Atoll als Anhalte- oder besser Fernhaltelager für Asylsuchende. Zanny Begg und Oliver Ressler lassen in ihrem Video „Anubumin“ Whistleblower zu Wort kommen, das ergibt zusammen mit der Geschichte der Insel eine bizarre Melange.
Schmuck für die Ewigkeit - im Betonsarg
An solche Zeugnisse zu gelangen, ist kompliziert, teuer, teils auch gefährlich. Oft genug braucht man einfach nur die Archivkisten zu durchforsten - die vom Rheinischen Missionsarchiv in Wuppertal zum Beispiel. Katrin Winkler kam auf diese Weise zu privaten Aufnahmen von Missionaren, die viel über Namibia und Tansania erzählen und letztlich die Kolonialisierung vorbereitet haben.
Manchmal genügt es, die Familie anzuzapfen. Anna Maria Eichlinger hat alten Schmuck von Tanten und Cousinen gesammelt. Daraus wurden aber keine neuen Broschen oder Ketten, die Schmuckkünstlerin goss die Teile in Beton ein. Nun stehen sie da wie winzige Särge und deuten auf Lebensgeschichten. Unter anderem von der Oma, die sich nach dem Krieg über ihren ersten Ring gefreut hat. Das Studium bei Otto Künzli hinterließ Spuren, Gold wirkt auch im Verborgenen.

Im geschliffenen Diamanten steckt ein komplettes MRT
Und um gleich bei den Preziosen zu bleiben: Paula Pongratz arbeitet mit Fundstücken aus dem Alltag. Etwa CDs, die mittlerweile in rauen Mengen im Abfall landen. Pongratz klebt sie mit Epoxidharz zusammen und schleift daraus schillernde „Diamanten“. Der schönste trägt übrigens die Daten eines MRTs in sich, die sind allerdings nie mehr zu lesen.
Für das, was im Keller an der Prinzregentenstraße 1 entdeckt wurde, gilt das erfreulicherweise nicht: Das „Archiv der Ausstellungsleitung“ im Haus der Kunst und der so wichtigen Künstlervereinigung ist gehoben und wird künftig erforscht. Die Rede ist von Quellen aus den Jahren 1948 bis heute.
Im Haus der Kunst blättert man sich durch alle Ausstellungen, seit 1948
Weshalb wurde wer oder was und wie ausgestellt? Vom Blauen Reiter und Picassos „Guernica“ bis zu Louise Bourgeois. Von den Alten Ägyptern bis zu den Nibelungen. Die Kataloge im Entrée geben einen Vorgeschmack. Und schön: Blättern ist erlaubt.
„Memory Gap. Potenziale archivalischer Praxis in der Gegenwartskunst“ bis 19. September 2026, Haus der Kunst München, Südgalerie, Mi bis Mo 10 - 20 Uhr, Symposium zur Ausstellung: 12. September, ab 13 Uhr im Auditorium, Eintritt frei
- Themen:
- Haus der Kunst
- Pablo Picasso



