Schwindende Eiswelten

Wo der Klimawandel sichtbar wird: Der isländische Fotograf Ragnar Axelsson zeigt im Kunstfoyer Bilder aus den kalten Zonen der Erde.
| Philipp Seidel
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Von fast unwirklichem Weiß: Ein schmelzender Eisberg vor Grönland.
Von fast unwirklichem Weiß: Ein schmelzender Eisberg vor Grönland. © Ragnar Axelsson, Melting Iceberg, Scoresbysund, Greenland, 2014

München - Dies sind die Orte, die am weitesten von den Leuchtreklamen und dem Lärm der Großstadt entfernt sind. Dies ist kein Platz für Selbstdarsteller. Hier trägt man keine Kleidung mit frechem Aufdruck, um cool zu sein. Für das Coole ist hier die Natur zuständig, und sie ist in dieser Disziplin nicht zu überbieten. Es ist die Welt von Fräulein Smilla und ihrem Gespür für Schnee. Und für sehr viel Eis: Grönland, Island, Sibirien.

Einen Eindruck von diesen eisigen Regionen geben die meist großformatigen Schwarzweiß-Bilder des isländischen Fotografen Ragnar Axelsson, die derzeit in der Ausstellung "Where The World Is Melting" im Kunstfoyer in der Maximilianstraße zu sehen sind. Axelsson bereist seit Jahrzehnten immer wieder die kalten Gegenden dieser Welt und hält die spärlich möblierte Landschaft und das Leben der Menschen und Tiere dort fest. Man möchte beim Gang durch die Räume immer wieder den Schal enger binden und eine Mütze aufsetzen.

Beeindruckende Aufnahmen aus Island

Die ganz frühen Aufnahmen stammen aus den 80er Jahren aus Axelssons Heimat Island: Wir sehen Männer bei der Robbenjagd. Mensch und Tier, das zeigen auch die späteren Bilder, sind in diesen Extremwelten miteinander verbunden: Sie können eine Bedrohung sein wie die Eisbären, sie können Nahrung und Fell-Lieferant sein wie die Robbe.

Und sie können die Menschen auf Eis und Schnee überhaupt erst mobil machen wie die Schlittenhunde. Ihnen, den "Arctic Heroes" von Grönland, setzt Axelsson mit seinen Bildern ein eigenes Denkmal.

Die Hunde sind vor allem zum Arbeiten da - wir sehen sie etwa beim Schlittenziehen und beim Ausruhen, malerisch sternförmig an ihren Leinen über die Eisfläche verteilt. Manch gewagter Bildschnitt, manche Unschärfe deuten an, unter welch widrigen Umständen einige der Fotografien entstanden sind.

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Hier und da sind dabei aber auch regelrechte Hundeporträts entstanden, die sich auch als Poster oder als Instagram-Profilbild gut machten. Ein Hund lächelt förmlich in die Kamera - köstlich!

Axelsson zeigt hier und da kleine Siedlungen mit Hütten. Aber nie erhaschen wir einen Blick ins Innere der Häuser. Wir bleiben draußen, wo die Kälte mal sonnig-klar ist und mal neblig-dunkel.

Die Aufnahmen von den Färöer-Inseln und aus Sibirien wirken in all dem eisigen Weiß fast wie Fremdkörper: Hier sind tatsächlich Bäume zu sehen, und Menschen sitzen rudernd im Boot, ein Mann liegt gar entspannt auf einer Wiese. Diese nicht ganz so karge Kühle bleibt aber die Ausnahme in dieser Ausstellung - der ersten größeren übrigens, die von Axelsson je zu sehen war.

Landschaft ohne Eis geht auch mal - ausnahmsweise: Auf den Färöer-Inseln.
Landschaft ohne Eis geht auch mal - ausnahmsweise: Auf den Färöer-Inseln. © Ragnar Axelsson, Melting Iceberg, Scoresbysund, Greenland, 2014

Die sehr kalten Zonen der Erde standen lange kaum im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn man nicht Abenteurer oder Eisbärfreund war. Spätestens mit dem Klimawandel hat sich das geändert. Axelsson zeigt auch schmelzende Landschaften, den Eisberg vor Grönland, dessen fast unwirkliches Weiß vor dem dunklen Himmel und der dunklen See strahlt. Oder die Gletscher auf Island, die immer kleiner werden. Wie lange, fragt man sich, wird dieser majestätische Eisbogen noch halten, der da die neblige Landschaft überspannt?

Neben den vielen zum Teil atemberaubenden dokumentarischen Aufnahmen aus der Kälte sind die kunstvoll-abstrakten Gletscher-Bilder in den hinteren Räumen des Kunstfoyers ganz bezaubernd. Schwarze Linien sehen aus wie von Künstlerhand ins - eben leider doch nicht ewige - Eis gezogen.


Bis 13. März 2022, Kunstfoyer, Maximilianstraße 53 (geschlossen am 24./25. und 31. Dezember, sonst tägl. 9.30-18.45 Uhr), Eintritt frei, nur mit Online-Kartenbuchung, Katalog (Kehrer-Verlag, 224 Seiten, 50 Euro)

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