Sarg mit OB-Motiv? Diese Kunst-Aktion aus München sorgte für Ärger

Im Münchner Glockenbachviertel verwandelt Neon-Künstlerin Chris Bleicher Urnen, Särge und sogar Flugzeugteile in grelle Kunstwerke. Mit Humor, Leuchtfarben und Totenköpfen rückt sie den Tod ins Licht und zeigt, wie bunt die eigene Endlichkeit sein kann.
von  AZ
Die Künstlerin mit ihrer eigenen Urne, die sie bereits vorbereitet hat.
Die Künstlerin mit ihrer eigenen Urne, die sie bereits vorbereitet hat. © Sophia Willibald

Chris Bleicher führt in der Müllerstraße in einen unscheinbaren Hinterhof, öffnet die Tür eines Hauses und steigt die Treppen hinab. Hinter einer schweren Metalltür erstreckt sich ein weitläufiger Keller mit verschiedenen Räumen. Hier bewahrt die Künstlerin ihre bunten Schätze auf.

"Ich bin hauptsächlich Neon-Künstlerin", sagt sie. "In Südkorea nennt man mich eine multidisziplinäre Künstlerin. Das heißt, das, was ich mache, werden Sie selten finden – an der Vielfalt der Techniken", erklärt die Münchnerin selbstbewusst.

Chris Bleicher malt. In die Leinwände integriert sie Elemente aus Neonlichtern – daher der Begriff "Neon-Künstlerin". Ihre Motive gestaltet sie in kräftigen und grellen Farben. Sie bemalt aber nicht nur Leinwände, sondern auch vieles andere: zum Beispiel originale Flugzeugteile – und sogar Urnen, Tierurnen und Särge.

Mit ihren Werken sei sie auch in Südkorea bekannt, und in New York und Mexiko habe sie ebenfalls schon ausgestellt, erzählt sie.

"Wenn ich meine Urne sehe, muss ich schmunzeln"

Von der weiten Welt zurück ins Glockenbachviertel – in den unscheinbaren Hinterhof und hinab in den Keller.

In einem der Räume sind ein paar Urnen auf Tischchen und Podesten angeordnet. Eine sticht besonders heraus. "Meine eigene steht da im Neonlicht", sagt Chris Bleicher und zeigt auf eine der Urnen. Sie ist rot bemalt und mit vielen kleinen Totenköpfen verziert. Um das Gefäß rankt sich ein gelbes LED-Lichtband.

Chris Bleicher hat ihre Urne bereits in den 90er-Jahren angefertigt. Dass das für manche Außenstehende eigenartig anmutet, stört sie nicht. Sie mag ihre Urne – und das auch nach knapp 30 Jahren noch. Mehr noch: Der Gedanke an ihren eigenen Tod löse keinesfalls ein bedrückendes Gefühl in ihr aus. "Wenn ich meine Urne so anschaue, muss ich schmunzeln und freue mich darauf."

Eine von Chris Bleichers Urnen, gewidmet dem TSV 1860 München.
Eine von Chris Bleichers Urnen, gewidmet dem TSV 1860 München. © Sophia Willibald

Sie betont, dass sie keineswegs lebensmüde sei, sondern gespannt darauf, was danach komme. "Ich glaube jetzt nicht unbedingt an ein Leben nach dem Tod, aber die Energie geht nicht verloren. Sie geht nur in eine andere Dimension."

Außerdem findet die Münchnerin: "Der Tod gehört zum Leben und ich denke, wenn man sich mal mit der eigenen Endlichkeit befasst hat, ist das Leben viel spannender und wertvoller."

Eine Urne mit dem Sechzger-Logo

Neben Chris Bleichers Urne steht noch eine weitere, auffällige Urne: eine dunkelblaue mit einem großen Löwenkopf in der Front und weiß-blauen Streifen auf dem Deckel. Sie ist dem TSV 1860 gewidmet. Das Logo selbst darauf zu malen, wäre nicht so einfach wegen der Copyright-Rechte, erklärt die Künstlerin. Sie habe aber schon einmal einen Sarg mit dem TSV-1860-Logo bemalen dürfen.

"Der Sarg war für einen jungen Mann, 19 Jahre alt. Er hatte die Glasknochenkrankheit", erzählt die Münchnerin. "Als seine Eltern hier waren und mit mir den Sarg besprochen haben, sagte ich zu ihnen: Ich kann das Logo nur auf den Sarg malen, wenn ich das schriftliche Einverständnis vom Verein habe. Anders geht es nicht."

Diesen Sarg gestaltete Chris Bleicher im Auftrag der Städtischen Bestattung. Oberbürgermeister Christian Ude als Engel mit Flügeln, rückwärtslaufende Uhren und das Münchner Kindl.
Diesen Sarg gestaltete Chris Bleicher im Auftrag der Städtischen Bestattung. Oberbürgermeister Christian Ude als Engel mit Flügeln, rückwärtslaufende Uhren und das Münchner Kindl. © Sophia Willibald

Chris Bleicher geht davon aus, dass der junge Mann viele Freunde bei dem Verein hatte, denn: "Seine Eltern haben mir das Einverständnis gebracht." Und die Künstlerin aus dem Glockenbach hat das Logo auf den Sarg des Fans gebracht.

"Alle waren happy, nur der Oberbürgermeister nicht"

Einen weiteren nennenswerten Sarg gestaltete Chris Bleicher im Auftrag der Städtischen Bestattung. Vorgabe sei gewesen, für den Tag der offenen Tür einen provokativ bemalten Sarg zu entwerfen, erzählt die Künstlerin. Bleicher entschied sich, den damaligen Münchner Oberbürgermeister Christian Ude als Engel mit Flügeln darzustellen.
Ergänzt hat sie Motive von typischen Münchner Klischees: rückwärts laufende Uhren und das Münchner Kindl – allerdings mit einer Sense in der Hand. "Also ein bisschen schräg, sagen wir mal so", fasst sie zusammen.

Zu ihrer Enttäuschung durfte der Sarg letztlich nicht präsentiert werden. "Das Thema habe ich getroffen, und alle waren happy – nur der Oberbürgermeister nicht", sagt Chris Bleicher und lacht. Die Münchnerin nimmt es gelassen: "Ist halt so, muss man akzeptieren." Und auch wenn der Sarg nicht ausgestellt werden durfte, zeigt sie ihn dennoch auf ihrer Website www.bleicher.com. "Er ist ja ein Kunstwerk."

Müllerstr. 43, Termine nach Vereinbarung unter Tel.: 089 264142

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