Rudi Hurzlmeier: "Satire ist schwer zu fassen"

Rudi Hurzlmeier zeigt seine skurrile Erzähl-Malerei in einem neuen Buch und im Kunsthaus Fürstenfeldbruck.
| Leonie Meltzer
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Rudi Hurzlmeier in seinem Atelier.
Rudi Hurzlmeier in seinem Atelier. © Leonie Meltzer

Nächtliche Hirngespinste verarbeitet Rudi Hurzlmeier in seinen Gemälden, so sagt er. Mit einem Bild im Kopf, oder einem Thema, male er auf der "nackten Leinwand" drauf los, im stetigen Kampf um die Vollendung seines Werkes, das nicht immer einer Logik folgen muss. Es entstehen Werke der Komischen Malerei, die dem Betrachter mit einem Augenzwinkern begegnen.

Die "Hurzlmeier-Malerei" aus der gleichnamigen Kolumne in der "SZ" kommt nun als Bildband im Antje Kunstmann Verlag heraus. Es sind märchenhafte, surreale Bilder, die sich wenig um Dürfen oder Nicht-Dürfen scheren, sondern um Freiheit und Sein - und das mit einer großen Portion (oft auch schwarzem) Humor. Eine Auswahl der Werke wird zudem ab dem 11. September im Kunsthaus Fürstenfeldbruck gezeigt.

AZ: Herr Hurzlmeier, "ein klares Ja zur Weltherrschaft des Humors" heißt es im Verlagsprogramm zu ihrem neuen Buch. Wie würde die aussehen? Wie in Ihren Gemälden?
RUDI HURZLMEIER: Meine Gemälde sind in dieser Hinsicht schon futuristisch. Ansonsten ist es ein eher langfristiges Vorhaben, im Jahr 3030 könnt's vielleicht soweit sein.

Wie meinen Sie das?
Es kommt sehr auf die Technik an. Ich gehe davon aus, dass Kosmos und Biosphäre in einem Stoffwechselprozess verwoben sind. Unsere Spezies hat wegen spezieller Fehlkonstruktionen ernsthafte Existenzprobleme, die wir technisch kompensieren müssen. Die Technosphäre steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und produziert viel materiellen Unfug. Sobald das besser wird, bekommt der geistige Unfug mehr Luft.

Sie schreiben in Ihrem Buch, Ihre Bilder seien weitgehend frei von Technologie. "Die Menschen sind frei sich der Erotik, der Landschaft, dem schieren Sein hinzugeben, dem wohltemperierten Universum."
Das ist mir beim Zusammenstellen der Bilder zum neuen Buch aufgefallen. Es handelt sich um Erzählmalerei, aber ich überlege nicht ernsthaft, was ich damit eigentlich wem erzähle. Jetzt ist mir aufgefallen, ich erzähl mir selbst was - nämlich genau das.

Gab es kein Konzept?
Nein, Malen ist für mich ein eher abenteuerlicher Vorgang. Bei Cartoons überlege ich die Szenerie vorher genau, Tusche kann man ja schlecht überpinseln, Acrylfarbe auf Leinwand aber endlos. Bei den seriellen Arbeiten fürs "Titanic" folge ich kunsthistorisch relevanten Themen, gern kitschbelastete Sujets mit ordentlicher Fallhöhe, wie Pferde, Fallobst oder Gebirge. Oder Phänomene, die nicht vernünftig fassbar sind, wie Religion oder Erotik.

Wo haben Sie eigentlich Ihren schwarzen Humor her? Haben Sie den von Ihren Eltern geerbt?
Manches kommt sicher von meiner Nachkriegskindheit. Die Verwandtschaft war arg traumatisiert, mein Vater schwer verletzt, viele Nachbarn einbeinig, einarmig, einäugig.

Sie erzählen das mit einem Lächeln im Gesicht, aber eigentlich ist das überhaupt nicht witzig.
Hie und da schon. Wenn am Kachelofen im Wirtshaus im Winter die Prothesen der Invaliden zum Knarzen anfingen. Die Hälfte der Dorfbewohner waren Flüchtlinge aus Böhmen, Pommern, Schlesier - die Niederbayern waren auf einmal mit Evangelischen konfrontiert, mit komischen Dialekten und Essgewohnheiten, Schlesisches Himmelreich, Schweinebauch mit Backobst, erfrischend seltsame Sachen.

Wann haben Sie denn angefangen zu malen?
Gezeichnet habe ich immer schon, auf leere Seiten und Fotos in Zeitungen, Zeichenpapier war noch rar. Während der Lehrzeit als Dekorateur hatte ich dann reichlich Malmaterial und eine Werkstatt, da habe ich mit Experimenten angefangen.

Sie beginnen Ihr Buch mit Goethes Faust - warum?
Faust spricht: "Im farbigen Abglanz haben wir das Leben", eine hübsche Metapher für die Malerei, find ich.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Von der Umgebung, von allen möglichen Bildern, anderen Malern. Ich schaue mir genau an, was das Kunstvolle an den Werken großer Meister ausmacht. Gelegentlich kopiere ich auch Bildausschnitte, anfangs in der Hoffnung, dass es niemand merkt - aber von wegen. Wahre Kunstkenner sind sehr erfreut, wenn sie ein "Zitat" entdecken. Ein Zitat - na bitte, nichts Geklautes.

Gibt es bestimmte Eigenschaften, die Sie ihren Gemälden immer mitgeben möchten? Sie haben oft etwas Rätselhaftes an sich.
Ich möchte meine eigenen Bilder nicht unbedingt komplett verstehen, es wäre mir zu langweilig. Je unbegreiflicher sie bleiben, umso interessanter sind sie für mich.

Wollen Sie mit Ihrer Malerei auch provozieren?
Nö. Auf andere mag alles Mögliche provokant wirken, da steckt man nicht drin. Ich habe viel für erotische und religiöse Motive über - und die sind sehr tabubesetzt, warum auch immer. Ich male ja schon lange für's "Titanic"-Magazin, daher bin ich etwas abgebrüht. In der Komischen Kunst sind Tabus und politische Korrektheit tabu. Manchmal wird man allerdings verklagt.

Ist Ihnen das schon passiert?
Bundeskanzler Kohl hat mal gegen mein sehr schönes Bildnis seiner Frau Hannelore als Pinup-Showgirl geklagt. Und zum "Titanic"-Cover "Kirche heute" hagelte es über 100 Anzeigen - die alle abgeschmettert wurden. Satire ist schwer zu fassen, Spaß und Provokationen sind ja nicht verboten - ganz im Gegenteil. Satireverbote sind ein Markenkern totalitärer Staaten.

Gibt es für Sie Tabuthemen, Bereiche, die Sie gar nicht malen?
Es gibt schon manches, das ich überhaupt nicht male. Unansehnliches, wie Hackfleisch, öde Gebäude, zugeparkte Gegenden, oder Leute, die ich gar nicht leiden kann. Man malt ja auch ein paar Tage oder Wochen daran, ein Quäntchen Sympathie muss fürs Sujet schon vorhanden sein.

Haben Sie Vorbilder?
Ich bewundere viele Künstler und viele Werke. Die Komische Malerei wurde übrigens überwiegend hier in Deutschland erfunden, von Carl Spitzweg, Ernst Kahl, Michael Sowa, Bernd Pfarr, Manfred Deix, auch von mir. International bewundere ich Fernando Botero sehr und einige Surrealisten, besonders René Magritte.

Wie haben Sie Ihren eigenen Stil gefunden?
In Workshops empfehle ich Teilnehmern immer, sich nicht an mir zu orientieren, lieber an ihren Lieblingskünstlern. Das ist stilistisch meistens das, wo man auch hin tendiert. Ich hatte selber lange wenig Sinn für einen eindeutigen Stil, aber man experimentiert viel rum, irgendwann entsteht er dann - wie eine Handschrift.

Im Vorwort beschreiben Sie, dass Sie Nacht für Nacht einsam vor der Staffelei um die Vollendung kämpfen.
Ja natürlich, sogar im Schlaf. Ein Großteil meiner Hirngespinste wird erst nach Mitternacht sortiert, was bis zur Aufwachphase übrig bleibt notiere ich im Finstern, bevor es sich verflüchtigt.

An dem 11. September ist eine große Auswahl Ihrer Werke im Kunsthaus Fürstenfeldbruck zu sehen. Irgendwann auch mal in München?
Das Kunsthaus im Kloster Fürstenfeldbruck ist beeindruckend, so etwas fehlt in München leider. Die großen Humor- und Satire Ausstellungen gehen regelmäßig an München vorbei. Das einzigartige Valentin-Karlstadt Musäum ist zu beengt dafür - den Kunstmuseen fehlt der Sinn dafür. Ein echter Lichtblick für unser Metier ist das bereits weit entwickelte Forum für und Humor und Komische Kunst - wenn es die Stadt nicht noch verhindert. München war ja mal eine höchst innovative Kunstmetropole, das ist lang her. Die dafür notwendige Subkultur kann hier kaum noch existieren - bezahlbare Räume sind schon lange extrem rar. Auch meinem eigenhändig ausgebauten Atelier im Lehel droht bald der Abriss. Wenn sich kein neues findet… dann servus München.

Lesen Sie auch

  • Themen:
Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren