Kritik

Ragnar Axelssons Ausstellung „Greenland“ im Kunstfoyer: „Kannst du das Meereis hören?“

Ragnar Axelssons Ausstellung „Greenland“ im Kunstfoyer zeigt eine vom Aussterben bedrohte Art zu leben. In 60 spektakulären Bildern kann man die rapide Veränderung von Natur und Lebensweise der Inuit nachverfolgen.
von  Peter Gratz
Ohne sie wäre ein Leben hier unmöglich: Schlittenhunde im Dorf Kap Tobin, Grönland, 2025.  Foto: Ragnar Axelsson
Ohne sie wäre ein Leben hier unmöglich: Schlittenhunde im Dorf Kap Tobin, Grönland, 2025. Foto: Ragnar Axelsson

"Die fernen Berge funkeln im schummrigen Morgenlicht. Die Sonne, die langsam über den Horizont kriecht, wirft ihre Strahlen durch den sich verziehenden Nebel auf den Ozean. Es ist, als würde man auf einem anderen Planeten ankommen. Beim Anflug auf das weitläufige Fjordlabyrinth der Meerenge von Scoresby Sund erheben sich die Roscoe-Berge aus dem Nebel hervor - verwittert und majestätisch."

An diesen „magischen Ort“ entführt den Besucher die Fotoausstellung „Greenland - Where the world is melting“ (Grönland - Wo die Welt schmilzt) des isländischen Fotografen Ragnar Axelsson im Kunstfoyer der Versicherungskammer. Der Fotograf spricht während des Rundgangs leise und bedächtig, seine Bilder dafür umso lauter. 60 Schwarz-Weiß-Fotografien in verschiedenen Formaten hat er mit nach München gebracht.

Gefahr und Lebensgrundlage: Eisbärenspuren auf dem Meereis, Grönland, 2010
Gefahr und Lebensgrundlage: Eisbärenspuren auf dem Meereis, Grönland, 2010 © Ragnar Axelsson

Grönland ist mittlerweile seine zweite Heimat

Der 68-jährige Künstler und pensionierte Fotojournalist kam während der Pilotenausbildung zum ersten Mal nach Grönland. Im Jahre 1993 reiste er dann erstmals auf fotografischer Mission auf die größte Insel der Welt. Damals dachte er, es würde ein einmaliges Abenteuer bleiben, seitdem ist er aber jedes Jahr mehrere Male zurückgekehrt. Der bisher letzte Besuch erfolgte im Februar 2026.

Der Leitstern seiner Arbeit ist dabei der ein Jahr ältere Jäger Hjelmer Hammeken, mit dem Axelsson nun seit über dreißig Jahren eine enge Freundschaft verbindet. Die Verbindung zu dem bescheidenen Mann und höchst angesehenen Jäger entstand über einen Pilotenkollegen in Island, der Hammekens Mutter kannte und über sie Kontakt herstellte. Fast auf gut Glück flog Ragnar Axelsson dann an den entlegensten Ort Grönlands, um einen völlig Unbekannten zu treffen: „Es ist Februar 1993, und ich warte auf Hjelmer Hammeken, der sich bereit erklärt hat, mich mit auf die Jagd hinaus aufs Eismeer zu nehmen. Wir hatten dieses Treffen vor sechs Monaten vereinbart, doch jetzt wartet er in seinem Dorf, Cape Tobin, ab, bis sich das Wetter bessert. Geduld zählt hier zu den überlebenswichtigen Fähigkeiten. Niemand kann das Wetter kontrollieren.“

Die Freundschaft begann fast wie Herman Melvilles Klassiker „Moby Dick“: „Ich sitze auf einem Felsen oberhalb des Dorfes und schaue auf das unendliche Eismeer hinab. Ein junger Mann kommt den Hügel hinauf und streckt mir die Hand entgegen. 'Ich bin Hjelmer', sagt er. Ich erwidere seinen Gruß, und sofort entsteht eine Verbindung zwischen uns.“

Der Jäger Hjelmer Hammeken auf dem Weg nach Hause über das Meereis. Grönland, 1995
Der Jäger Hjelmer Hammeken auf dem Weg nach Hause über das Meereis. Grönland, 1995 © Ragnar Axelsson

Kein Talent als Maler, dafür umso mehr als Fotograf

Seitdem waren die beiden unzählige Male auf der Jagd und haben auch gemeinsam manch lebensgefährliche Situation durchgestanden. Einmal hat Axelsson auf die Versicherung zur Notfallbergung vergessen und statt mit Hammeken den Rettungshubschrauber zu nehmen, die Hunde samt Schlitten zurück ins Dorf gebracht: „Zurück im Dorf umarmte er mich und sagte: ‚Du bist bei mir immer willkommen. Ich wusste gar nicht, dass du so hart im Nehmen bist.’ Ich war nicht hart im Nehmen. Ich hätte den Heli bezahlen müssen, hatte aber das Geld nicht. Deshalb wollte ich nicht fliegen.“ Trotz solcher Widrigkeiten war es wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe, den besonnen Grönländer zum Erzählen zu bringen.

Zur Fotografie ist Axelsson gekommen, weil für seinen eigentlichen Berufswunsch Maler das Talent gefehlt hat: „Meine Kinder lachen mich aus, wenn ich etwas male. Ich kann nicht malen, also habe ich mir eine Kamera besorgt. Als ich acht Jahre alt war, habe ich angefangen zu fotografieren. Und ich fotografiere immer noch. Wenn ich Maler wäre, würde ich es so malen, wie es in meinen Fotos aussieht. Aber ich kann nicht malen, also versuche ich, die Momente so festzuhalten, wie sie sich ereignen.“ Fotografie ist für den Isländer, der in seinen Erzählungen schon fast wie ein Einheimischer wirkt, eine Möglichkeit „einen Moment von jemandes Leben einzufrieren“. Die Stimmung in vielen Fotografien erklärt er folgendermaßen: „Ich versuche bei schlechtem Wetter zu fotografieren. So zeigt sich die Resilienz der Leute und die Härte der Bedingungen am besten. Hjelmer ist wie ein Teil der Natur“.

Mittlerweile ist Axelsson zum Chronisten einer symbiotischen Lebensweise zwischen Mensch, Tieren und Natur geworden, die im Aussterben begriffen ist. Die Jugend sieht in der traditionellen Lebensweise keine Zukunft mehr und die Klimakrise bedroht das Meereis und damit die Jagdgründe. Was früher blühende Jäger- und Fischerdörfer waren, sind nun meist verlassene Orte. Die wenigen verbliebenen Menschen ziehen in den Hauptort Ittoqqortoormiit. Auf das gejagte Fleisch sind die Menschen angewiesen - nur zwei Versorgungsschiffe im Jahr erreichen den Scoresby Sund - es ist aber mittlerweile aufgrund von Umweltfaktoren eigentlich zu schadstoffbelastet, um es zu verzehren.

Hier ist das Kräfteverhältnis zwischen Mensch und Natur klar geregelt: Ingelfieldfjord, Grönland, 1987
Hier ist das Kräfteverhältnis zwischen Mensch und Natur klar geregelt: Ingelfieldfjord, Grönland, 1987 © Ragnar Axelsson

„Wahrscheinlich haben mehr Menschen den Mond betreten“

Diese Geschichten werden im Kunstfoyer durch die eindrucksvollen, schwarzgerahmten Bilder und spannende, aber doch sehr gefühlvolle Begleittexte erzählt. Letztere sollte man keinesfalls übergehen. Die Fotografien bedienen die gesamte Bandbreite von intim, fragil und emotional bis hin zu riesigen, spektakulären Landschafts- und Tierbildern, welche das Mensch-Natur-Verhältnis eindrucksvoll verdeutlichen.

Die auch handwerklich beeindruckenden, auf Film geschossenen Aufnahmen wurden oft bei Temperaturen um die minus 40 Grad erstellt und ermöglichen den Einblick in eine andere Realität. Rund um dem längsten Fjord der Welt und die Roscoe Mountains - „Wahrscheinlich haben mehr Menschen den Mond betreten“ - „muss man sich auf jeden Schritt konzentrieren, um am Leben zu bleiben“. Die Lebensweise mag eine natürliche Romantik ausstrahlen, ist aber in ihrem unverschuldeten Niedergang auch äußerst tragisch.

Auf dem Rundgang durch die Ausstellung lernen die Besucher auch den kleinen Bent und seinen Bruder Jens Emil kennen. Als letzter Einwohner seines Heimatdorfes war er als einziger von 20 Geschwistern übrig geblieben. Axelsson und Hammeken begleiten ihn beim Abschied aus seinem Haus, in dem er zeit seines Lebens gewohnt hatte: „Jens Emil murmelt etwas auf Grönländisch, und ich frage Hjelmer, was er sagt. ‚Am Kap der Hoffnung gibt es keine Hoffnung’, antwortet Hjelmer leise. Der Hundeschlitten kämpft sich durch den tiefen Schnee, während wir uns auf den Rückweg machen.“

Das Eis bricht durch den Klimawandel immer früher

Das Eis zwischen den Halbinseln bricht immer früher auf, statt wie sonst im Frühsommer heuer schon im Februar. Diese Veränderung haben Ragnar und Hjelmer mitgemacht und sie ist auch auf den Fotos klar erkenntlich. Hjelmer kann das Eis hören und daraus zukünftiges Verhalten ableiten. Was er hört, stimmt ihn alles andere als zuversichtlich. In Grönland werden die Verbindungen Auswirkungen von globalem Handeln und Einzelschicksalen ersichtlich wie nirgendwo sonst. Die Ausstellung bringt diese Tatsache nach München und ist nicht nur künstlerisch hervorragend, sondern trägt auch eine wichtige Botschaft in sich. Die Welt schmilzt und Menschen leiden schon jetzt darunter.

Ragnar Axelsson: „Greenland“. 24. Juli bis 1. November im Kunstfoyer der VKB Kulturstiftung, Thierschplatz 6 (U-Bahn Lehel); täglich 10 bis 18 Uhr, Fr. bis 20 Uhr, Eintritt frei

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