Kritik

Bilderrausch statt Erkenntnis: Warum "Infinity" in der Markuskirche enttäuscht

Das Künstlerkollektiv Projektil aus Zürich zeigt die immersive Reise "Infinity" mit Bild, Worten und Musik.
von  Adrian Prechtel
Sind wir in der „Kosmischen Uhr“, wie das dritte Kapitel von „Infinity“ in der Markuskirche heißt?
Sind wir in der „Kosmischen Uhr“, wie das dritte Kapitel von „Infinity“ in der Markuskirche heißt? © Projektil

"Immersiv" ist ein Modewort, das die Passivität des "Nur"-Zuschauens bei Kulturveranstaltungen wegbehauptet. Dabei braucht es ja grundsätzlich keine interaktiven Zusätze, damit ein Ereignis zum Erlebnis wird - wie im Kino, Theater, im Konzert oder beim Lesen.

"Infinity" ist schon die dritte sogenannte "immersive Reise" in der Markuskirche. Nach "Genesis" und "Enlightenment" ist jetzt "Infinity" als Motto gesetzt. Dazu wird die weiße Innenarchitektur der protestantischen 50er-Jahre-Neogotik zur Projektionsfläche – ausgetüftelt vom Künstlerkollektiv Projektil aus Zürich, zu dem vor allem visuelle Designer gehören – und natürlich Digitaltechniker, Programmierer, Beleuchter, Tontechniker und Komponisten.

Man kann sich im Kirchenraum auf Stühle setzen oder in der Mitte auf Sitzsäcke fläzen, in denen man besser nach oben schauen kann, ohne sich den Kopf zu verrenken. Denn – neben den Säulen und dem Chor – ist das hohe Deckengewölbe die Hauptleinwand.

Markuskirche München: Pseudophilosophie, ein digitalisierter Bach im Bilderbrei

Was man raumgreifend in 30 Minuten zu sehen bekommt, sind durchaus imposante Impressionen in acht Kapiteln. Nasa-Sternenbilder sind unter anderem verarbeitet, ägyptische Bildsymbole oder Bällebäder. Dabei sind alle visuellen Einfälle und Bearbeitungen nicht erzählend, sondern fließende, assoziative Spielereien.

Der Kirchenraum der evangelischen Markuskirche in der Gabelsbergerstraße, hier ohne Projektionen.
Der Kirchenraum der evangelischen Markuskirche in der Gabelsbergerstraße, hier ohne Projektionen. © R. Schulz / Markuskirche

Man ahnt den Urknall, sieht Molekularstrukturen, erlebt Gesteinskuben, die sich scheinbar in die Unendlichkeit spiralen. Fußspuren wiederum – als wäre Neil Armstrong barfuß im grauen Mondsand gelandet – zeichnen sich ab und werden wie von einer Flut mitgenommen. Und wenn eine "kosmische Uhr" tickt, meint man sich in der Werkstatt von Meister Hora aus Michael Endes "Momo" – mit antiken Zifferblattbändern.

Abgenutzte und austauschbare Bilder

Geometrische, zeichnerische Annäherungen an das Thema "Unendlichkeit" greifen natürlich das Kreismotiv auf oder das Ewigkeitssymbol, die in sich unendlich geschlungen Ziffer Acht. Sie kommt auch in ihrer altertümlichen Veranschaulichung in Form einer Schlange vor, die sich in den Schwanz beißt.

Das alles ist aber vollkommen beliebig. Auch sind die Bildeinfälle nicht neu, man kennt sie aus Sci-Fi-Filmen, wenn Raum- und Zeitreisen visualisiert werden. Sie wirken austauschbar und abgenutzt – auch weil Digitalgrafik und KI hier täglich Neues liefern.

Beim Erleben von „Infinity“.
Beim Erleben von „Infinity“. © Eric Maier-Rehm / PROJEKTIL

Neu in den Programmen von Projektil ist die akustische Einblendung von Kurztexten. Hier gäbe das Thema Unendlichkeit natürlich unendlich viel Intelligentes her. Aber was konkret ertönt, ist erbärmlich: "Die Vergangenheit ist nichts anderes als das Resultat der Gegenwart. Denn was immer geschieht, geschieht immer im Jetzt", wird Allan Watts (1915 - 1973) zitiert, ein Ex-Episkopaltheologe, der sich ostasiatischer Weisheit mit Buddhismus-Touch verschrieb. Aber während man ornamentale Kugelformationen und Weltall-Andeutungen optisch auf sich wirken lässt, kommen einem die sonor gesprochenen Zitate nur peinlich bedeutungs-raunend vor.

"Wir lieben das Unregelmäßige, wie die Sterne verstreut sind, ohne Plan und doch vollkommen. Wie die Muster im Schaum der Wellen. Sie machen nie einen Fehler", heißt es zum Kapitel "Spiel mit der vierten Dimension". Und das ist gequirlter Schwachsinn, auch wenn Alan Watts als Philosoph – beeinflusst von Buddhismus, Daoismus und Hinduismus – bezeichnet wird.

Die Achter-Schlange, die sich in den Schwanz beißt, als Symbol für Unendlichkeit.
Die Achter-Schlange, die sich in den Schwanz beißt, als Symbol für Unendlichkeit. © Eric Maier-Rehm / PROJEKTIL

Zur Sprache ist auch noch eine Musiktonspur in den Kirchenraum gelegt. Der Raumklang ist dabei schön, nicht verhallt. Und weil Johann Sebastian Bach als göttlicher Komponist gefühlter Unendlichkeit gilt, erklingen "Best of Bach"-Stücke aus den Cello-Suiten, das "Air", ein Menuett und das von Charles Gounod zum "Ave Maria" ergänzte Präludium in D-Dur aus dem "Wohltemperierten Klavier".

Psychedelische Reise

Dabei vertraut man aber nicht den Originalen. Klangkünstlerinnen und Klangkünstler haben die Musik durch einen digitalen Modernisierer geschickt. Das schafft keine erweiternde, heutige Dimension, sondern nur einen nivellierenden, sphärischen Stilbrei.

Verständlich ist der Erfolg solcher psychodelischen Reisen, wie sie hier in der Markuskirche inszeniert sind. Schließlich boomt ja der Work-Life-Balance-, Meditations-, und Esoterik-Markt als Gegengewicht zu Vereinzelung, Unübersichtlichkeit und Säkularisierung unserer Gesellschaft. Dann wäre "Infinity" einfach eine krude, halbstündige Meditationsanleitung.

Künstlerisch rettbar wäre die 360-Grad-Projektion mit seinen Textschnipseln vielleicht als Konzert. Dreimal immerhin werden wirklich Live-Musiker dazugebeten. Dann werden die Bilder nur noch einen illuminierten Konzertsaal ergeben. Das könnte dann ein Erlebnis werden. Vielleicht.

Markuskirche, Gabelsbergerstraße 6, bis 11. April, 17.45, 18.30, 19.15 Uhr, Karten zu 14,90 / 11,90 / 6,90 Euro, feverup.com.
Mit Livemusik: 25. Januar, 20.30 Uhr, "Orgel Meets Jazz Musik" sowie mit dem Markus-Chor am 21. und 22. März und dem Posaunen-Chor am 26. und 27. März

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.