Null gealtert: Uecker, Mack und Piene bleiben belebend optimistisch: „Zero“ am Tegernsee
Wilde Geschichte, Komik, sanfte Tragik, (vorläufiges) Happy End: Das klingt nach einem fantastischen Drehbuch. Jedenfalls fuhr der junge Piero Manzoni mit seinem Fiat 500 von Mailand über die Alpen. Sein Ziel: Düsseldorf.
Hier hatten der Künstler Heinz Mack und -direkt neben an - Otto Piene schon bescheidene Ateliers, aber keine Galerien, die ihre Bilder verkaufen wollten. So veranstalteten sie sogenannte „Abendausstellungen“. Man räumte die Werkstatt auf und die Werkzeuge weg oder brachte alles ins benachbarte Atelier des Künstlerfreundes. Im eigenen Atelier zeigte man dann für ein paar Stunden vor Ort, was man geschaffen hatte.

Kunst? Nein, also auch nichts zu verzollen
Manzoni wollte die Düsseldorfer Künstler treffen, weil sie Geistesverwandte waren. „Zero“ war das Zauberwort - der Name eines freundschaftlichen Künstlerbundes, dessen Linie klar war: Der Nationalsozialismus mit seiner rohen Gegenständlichkeit war künstlerisch als vulgär propagandistisch entlarvt und zusammengebrochen. In der Literatur hatte sich die Gruppe 47 gegründet mit neuen Heroen wie Günter Grass oder Heinrich Böll. Und jetzt, Mitte der 50er-Jahre, erfand sich auch die Kunst neu - mit Zero.

Piero Manzoni kam auf seiner Pilger- und Handlungsreise erst einmal nur bis an die Grenze, wo ein italienischer Zöllner wissen wollte, was er da auf dem Autodach mit sich führe. „Kunst“, meinte Manzoni.
Die Zöllner ließen ihn alles auspacken und ums Auto aufstellen. Man befand, diese „Achrome“, weiße Gipsflächen auf Leinwand, seien keine Kunst, und alles dürfe weiterfahren. Manzoni gelangte nach Düsseldorf, blieb ein paar Tage, verkaufte kein einziges Werk und ließ - als Dank für die Beherbergung und Freundschaft - ein Werk zurück. Er wurde berühmt, aber erst knapp 30-jährig starb er an einem Herzinfarkt.
Macks Nachbar und Freund Otto Piene ist 2014 gestorben wie auch Günther Uecker vergangenen Juni. Aber Heinz Mack lebt noch. „Obwohl ich de facto alt bin, fühle ich mich nicht so, es sei denn, ich schaue in den Spiegel, setze mein Gebiss ein und die Hörgeräte auf - und eine Lesebrille brauche ich auch“, hatte er zu seinem 95. Geburtstag vor gut zwei Wochen erzählt. An den Tegernsee ist er zur Ausstellungseröffnung zwar nicht gefahren. „Aber er wird vielleicht noch vorbeikommen“, sagt die Sprecherin des Gulbransson Museums, Sonja Still. Denn Mack hat - aus Verbundenheit mit dem Kurator Michael Beck - neue Kunstwerke für die neue Ausstellung „Zero: eine internationale Künstlerbewegung 1957-1966“ geschaffen - speziell für den Raum hier. Und egal, ob man vor über 70-jährigen Arbeiten steht oder neuen: Alle Werke sind null gealtert. Manchmal ahnt man die Jahre einzig an Winzigkeiten wie leicht angegilbten Fugen.

Die Idee, Licht statt Farbe in den Mittelpunkt der Kunst zu rücken und abzurücken von der Idee des idealen stillen Standpunkts des Betrachters, ist zeitlos modern und war anfangs revolutionär. An einer Wand im derzeitigen Mack-Saal hängt ein großer Leuchtkasten. Hinter Glas ahnt man eine runde Aluminiumscheibe. Ein Elektromotor brummt, die Scheibe beginnt sic
h zu drehen. Aber den optischen Effekt erzielt einzig die Glasoberfläche. Sie ist in verschiedenen Segmenten verschieden strukturiert. Mit der Rotation hinter ihr, beginnt die Glasscheibe zu flimmern und sich scheinbar zu bewegen. Diese flirrenden Spiegelungen kann man weiter verändern, indem man sich vor dem Kasten bewegt: ein interaktives Spiel mit zig optischen Variationen. Viele Objekte hier sind schon seit Jahrzehnten interaktiv, bevor das Wort mode wurde.

Der Standventilator mit den Silberstreifen-Girlanden davor, die zu flattern beginnen, wenn der Motor einsetzt, stammt von 1962 - das Sterbejahr von Marilyn Monroe. Soetwas kann man assoziieren, wenn man an den hochgewehten Rock der Ikone über dem U-Bahnschacht denkt. Siehst Du den Wind“ hat Heinz Mack sein Werk genannt.
Feuer auf der Leinwand und Nägelwellen
Das verspielte Macksche Kabinett ist noch von Werken von Kollegen umgeben - wie einem Spiegelwand-Paravent von Christian Megert. Otto Piene wiederum bekommt Wände, auf denen Brandbilder hängen. Piene hatte zu seinen „Mal“-Aktionen auch mal die Feuerwehr eingeladen, schließlich bearbeitet er Leinwände mit Flammenwerfern oder Schweißbrennern, auch Terpentinbüchsen standen frei herum. Seine „Öl und Ruß auf Leinwand“-Arbeiten mit verlaufenden Brandpunkten sind magisch, hypnotisch.

Günther Uecker ist auch vertreten - mit Nagelbildern, wo die Nägel aber nicht mehr in Reih und Glied stehen, sondern - trotz klarer geometrischer Anordnung - schwingen und Wellen schlagen. Der Nagel als Kunstträger? Uecker hat einmal erzählt, dass er - als die Rote Armee herankam - um sich als Junge zusammen mit anderen zu schützen, die Fenster vernagelte. Und so gibt es subtil doch in einigen Werken Verweise auf die Traumata der Stunde Null. Aber die internationale Künstlerbewegung Zero ist dann auch gleichzeitig der ganz nach vorne gewandte Aufbruch. Der war oft auch witzig, jedenfalls optimistisch. Und das ist, was wir zur Zeit ja dringend wieder brauchen. Hierfür ist die Ausstellung eine belebende Krafttankstelle.
bis 6. September: „Zero: eine Internationale Künstlerbewegung 1957-1966“, Tegernsee, Di bis So, jeweils 10 - 17 Uhr, 15/9/3 Euro


