Kritik

Milos Formans Sohn bringt eine Traumfabrik nach München

Das "Imaginarium" macht das Literaturhaus zur interaktiven Wunderwelt für Kinder und Erwachsene. Hinter der Schau steht das Prager Künstlerkollektiv um Matej Forman – mit handgeschnitzten Figuren, Licht und Sounds
Roberta De Righi |
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Blick ins “Imaginarium„
Irena Vodáková 6 Blick ins “Imaginarium„
Irena Vodáková 6
Matěj Forman
Florian Freund 6 Matěj Forman
Blick ins „Imaginarium“
Irena Vodáková 6 Blick ins „Imaginarium“
Blick ins „Imaginarium“
Irena Vodáková 6 Blick ins „Imaginarium“
Blick ins „Imaginarium“
Irena Vodáková 6 Blick ins „Imaginarium“

Jean Gionos „Mann, der die Bäume pflanzte“ war ein stiller Held: Sein Leben lang setzte der Schafhirte Abend für Abend Eicheln und Bucheckern in den kargen Boden einer Berggegend. Viele Jahrzehnte später erstreckt sich dort statt der Ödnis eine fruchtbare und bewaldete Landschaft. Pavel Maceks Folge von Farbholzschnitten bringt die selbstlose Initiative und das Glück dieses lebensrettenden Wandels bildstark zum Ausdruck.

Sie sind Teil des „Imaginarium“, das jetzt im Münchner Literaturhaus Station macht. Macek gehört zum Prager Künstlerkollektiv um Matej Forman, Sohn des Regisseurs Milos Forman. Gemeinsam betreiben sie eine Art Traumfabrik, in der sich Elemente aus Märchen und Mythen mit der Ästhetik von Jahrmarkt und Zirkus mischen.

Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Petr gründete Matej einst in der Tschechoslowakei eine Puppentheaterkompagnie, mit der sie von der Prager Schützeninsel aus durch die Lande zogen. In ihrem fantastischen Erzähltheater war zwischen den Zeilen auch Raum für Subversion. Das „Imaginarium“ wiederum holt die Figuren, Requisiten und Bühnenaufbauten der Theaterproduktionen aus dem Depot und erweckt sie als begehbares Gesamtkunstwerk - inklusive Licht und Sound - zu neuem Leben.

Blick ins „Imaginarium“
Blick ins „Imaginarium“ © Irena Vodáková

Hinreißend beseeltes Handwerk

Tschechien ist heuer Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse, die nächste Woche beginnt, und längst gehört die dortige Puppenspieltradition zum immateriellen Weltkulturerbe. Literaturhausleiterin Tanja Graf und ihr Team nehmen dies als Aufhänger, um mit dem „Imaginarium“ auch ein sehr junges Publikum anzulocken: Im langgestreckten Ausstellungsraum im Erdgeschoss ist eine sagenhafte, detailreiche, interaktive Wunderwelt für Kinder und Erwachsene entstanden. Hier reitet der Affe auf dem Rücken des Einhorns, man trifft Waldelfen und Basilisken, Widder und Werwölfe, und über allem thront weit oben der herrlich rot leuchtende Feuervogel Phönix.

Matěj Forman
Matěj Forman © Florian Freund

Man wandert durch einen labyrinthischen Parcours; und wer mag, würfelt sich dabei auch - quasi als lebendige Spielfigur - durch die Schau, die in allerlei kuriose Kabinette und bespielbare Szenerien führt. In einer besonderen Schießbude kann man das anmutige Zitroneneinhorn vor den bösen Drachenrittern beschützen oder in einer surreal-bukolischen Meereslandschaft Schafe auf einem Krokodils-Kopf, der aus dem Wasser ragt, weiden lassen. Alles ist hier zum Anfassen, Verrücken und neu Zusammensetzen.

Dioramen auf Kinderaugenhöhe

Und wenn man diese handgeschnitzten, liebevoll bemalten Figuren und Bühnenobjekte anschaut, wird man ein bisschen wehmütig: Wie hinreißend und beseelt dieses Fantasieland im Unterschied zu digitalen virtual realities wirkt!

Blick ins „Imaginarium“
Blick ins „Imaginarium“ © Irena Vodáková

Umso dankbarer übt man sich in Staunen über die Kunstfertigkeit derjenigen, die dies gemeinsam geschaffen haben: Darunter die Malerin Barka Zichová, die Szenografin Andrea Sodomková und ihr Mann, der Grafik-Designer Josef Sodomka. Die Objekt-Künstlerin Veronika Podzimková, die Holzbildhauer Renata Lhotáková und Martin Lhoták und ihre Tochter, die Bildschnitzerin Thereza Komárková, und die Puppenspielerin Barbara Haage. Darüber hinaus gibt es eine Kasperlbühne, ein Miniatur-Kino und einige zauberhafte Dioramen (auf Kinderaugenhöhe).

Die Szenen darin sind mit Kurbeln in Bewegung versetzbar, etwa „Rotkäppchen und der Wolf“, eine Unterwasser- und eine Hinterhofidylle, aber auch ein verzweifeltes Paar im Boot auf der Flucht übers Meer. Eine rein harmlos-heile Welt zeigt das „Imaginarium“, ebenso wenig wie die Märchen, nicht. Schließlich wird „Der Mann, der die Bäume pflanzte“ heute dringender gebraucht denn je.

Bis 31. Januar 2027, Mo - So 11 bis 18 Uhr, Eröffnung am Samstag (3. Oktober) um 18 Uhr; Begleitprogramm unter www.literaturhaus-muenchen.de

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