Mehr Türken in Lederhosen - aber keinen Konzertsaal für eine Minderheit

Die kulturpolitischen Forderungen der Piratenpartei
| Robert Braunmüller
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Martin Liebe stammt aus Göttingen und arbeitet als Systemadministrator bei der Ludwig-Maximilians-Universität.
ho Martin Liebe stammt aus Göttingen und arbeitet als Systemadministrator bei der Ludwig-Maximilians-Universität.

Die Piratenpartei ist durch kulturpolitische Maximalforderungen aufgefallen: In Bonn und Berlin wollten sie den Opernhäusern die Subventionen streichen. Martin Liebe, der beim Interview ein T-Shirt mit der Aufschrift "#kulturnerd" trägt, kandidiert für den Landtag und engagiert sich kulturpolitisch.

AZ: Herr Liebe, wollen Sie der Bayerischen Staatsoper die Subventionen streichen?

MARTIN LIEBE: Nein. Aber wir Piraten halten es für unsinnig, wenn der Grossteil der Kulturförderung in Projekte gesteckt wird, die nur für einen Bruchteil der Bevölkerung zugänglich sind. Manche dieser Kulturbetriebe verlassen sich zu sehr auf diese Subventionierung und gehen mit dem Geld auch nicht wirtschaftlich um. Das war wohl in Berlin der Fall.

Die Piraten sind also doch keine Banausen.

Wir halten Kultur für ein extrem wichtiges Staatsziel. Es ist eine Hauptaufgabe von Kunst, das auszuprobieren, was sich die Gesellschaft noch nicht traut. Ich denke, dass eine gut vernetzte Kulturpolitik die aufgerissenen Gräben zwischen Migranten und Eingesessenen schliessen kann, indem man die Gemeinsamkeiten betont. Ich möchte mehr Türken in Lederhosen und mehr Bayern in einer türkischen Teestube.

Wie würden Sie die Kulturförderung verändern?

Sie muss niederschwelliger angelegt werden und für Künstler einfacher erreichbar sein. Wir stellen uns einen niedrigen Sockelbetrag für die grossen Theater oder Museen vor. Je mehr sich diese Kulturbetriebe vernetzen, mit anderen Gruppen zusammenarbeiten, desto mehr Mittel sollen sie unserer Ansicht nach vom Staat bekommen.

Wenn Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler hier sässe, würde er Ihnen erklären, dass er all dies längst macht.

Dann hätte er den Ansatz zumindest verstanden. Wir fordern aber auch, dass neue Medien verstärkt eingesetzt werden, um Aufführungen ins Internet zu übertragen.

Das macht er auch.

Aber warum nur ein paarmal im Jahr? Die Möglichkeit zur Partizipation für alle muss verbessert werden. Wenn ich mir etwa Bayreuth ansehe, verstehe ich nicht, warum die Festspiele in allen Zeitungen diskutierte Aufführungen wie den neuen "Ring" nicht sofort übertragen und allgemein zugänglich machen.

Wie sollen die Kulturbetriebe Ihrer Ansicht nach wegfallende Subventionen ersetzen?

Wir fordern, dass vor allem im Jugend- und Avantgarde-Bereich neue Wege wie das Crowdfunding gewählt werden. Eine solche Schwarmfinanzierung über das Internet funktioniert: Die Künstlergruppe K2K aus jungen Studenten verschiedener Hochschulen, die gegenwärtig die Schaustelle neben der Pinakothek der Moderne mit der Dauerperformance "Konkordia" bespielt, hat so Geld gesammelt.

Wie finden Sie zur Schenkung der Sammlung Goetz an den Freistaat?

Wir freuen uns sehr über die Schenkung dieser Kunstsammlung! Wir hoffen nun, das das Kunstministerium sich auch über den Wahlkampf mit dieser Sammlung beschäftigt um die Werke möglichst niedrigschwellig verfügbar zu machen. Ich wünsche mir beispielsweise eine Digitalisierung der Werke, in der auch die Umgebung mit einbezogen wird und die den Betrachtern neue Möglichkeiten der Rezeption zur Verfügung stellt. Auf alle Fälle aber muss diese Sammlung langfristig finanziell versorgt bleiben um die Werke auch weiterhin so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen.

Wie stehen die Piraten zu einem Konzertsaal-Neubau?

Ich habe früher als Klavierbauer gearbeitet und kenne die akustische Misere der Säle vom Stimmen der Instrumente. Es gibt keinen guten Konzertsaal in München. Trotzdem bin ich aus kulturpolitischen Gründen gegen einen Neubau. Es wäre ein Geschenk für eine Minderheit. Ich finde, es gibt viel dringendere Baustellen.

 

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