Mehr als dekorativ? Die Ausstellung „Earth Matters“ in der Bergson Gallery

Wenn im Titel einer Aktion das englische Wort „matters“ auftaucht, steckt meist eine Mischung aus Binsenweisheit und Empörung dahinter, weil natürlich nicht erst mit dem Tod des Teenagers Trayvon Martin 2013 „black Life matters“, alsoschwarzes Leben zählt. Und wenn das Bergson seine neue Ausstellung „Earth Matters“ nennt, ist klar: Ja, unsere Erde ist bekanntermaßen gefährdet. Aber sie zählt nicht nur, sondern ist überlebenswichtig.
Dann betritt man eine Ausstellung, die - Gott sei Dank - nicht ökologische Agitation und Propaganda zeigt, sondern Kunst, die - ja, man darf es sagen - dekorativ ist. Und so sind unter den über 1000 Besuchern am Eröffnungsabend nicht nur klassische Vernissage-Adabeis, sondern man begegnet dem hippen, geldigen, urbanen München. Denn in zwei Geschossen der Bergson Gallery hängen Werke, die man für 10.000 bis 20.000 Euro auch im Wohnzimmer aufhängen könnte - mit dem guten Gewissen, hier neben Schönem auch eine Botschaft zu demonstrieren: Bei mir zählt die Natur!

Hier ist das hippe, geldige, urbane München
Dass die Künstlerin Kathrin Linkersdorff auch Naturwissenschaftlerin ist, sieht man ihren großformatigen Pflanzenbildern an: Sie wirken wie botanische Studien, wozu Linkersdorff Blumen in Flüssigkeit „ausbluten“ lässt, die „innere Architektur“ von Blüten offenlegt - und dann, wenn die extrahierten Farbpigmente ins „Aquarium“ zurückgegeben werden, abdrückt: also fotografiert. Denn die Reihe „Floriszenzen“ sind großformatige Fotos, die 1,5 mal 1,5 Meter messen.
Ein wenig fällt einem dabei Robert Mapplethorpe ein, aber enterotisiert, unterm Skalpell und etwas morbider. Das ganze ist eine Art künstlerischer Farbstoffforschung, die Linkersdorff in ihrer Reihe „Microverse“ auch mit Bakterien macht.

Stärker um Erde und Natur als schützenswerten Lebensraum kümmert sich der Fotograf Olaf Otto Becker, der wie der kürzlich gestorbene Sebastião Salgado, in Regionen reist, wo sich die Natur durch den Menschen verändert. Im Artist-Talk im Atrium des Kunstkraftwerks erzählt Becker von seinen drei - hier in Werken vertretenen - Reisen: zu den Permafrostböden in Sibirien, seinen Küstenfahrten in Grönland im Schlauchboot und dem Besuch des Regenwaldes in Malaysia. In den wunderbar komponierten Fotografien werden Schönheit und Gefahr gleichzeitig eingefangen. Man denkt den menschlichen Eingriff immer mit, auch wenn er nicht gezeigt wird. In einigen weiteren Fotos von Becker sehen wir dann, wie wir Menschen mit künstlichen Natur-Erlebniswelten und mit Architektur, die versucht, Natur zu integrieren, ökologisches Erleben - oft etwas hilflos - in unsere Städte holen wollen.
Becker und Thiel kommen dem Motto am nächsten
So kommen Beckers Werke, die zwischen 15.000 und 19.000 Euro kosten, dem Motto der Ausstellung am nächsten - zusammen mit dem, was von Tamiko Thiel zu sehen ist: Unterwasserszenarien, die in starken Farben, wie von KI zu einer Klischee-Korallenriff-Welt zusammengebaut wirken.
Aber der Titel der Bilderserie - „Plastoscene“ - meint nicht die ästhetische Künstlichkeit. Denn wenn man länger hinschaut, bemerkt man, dass Pflanzen, Fische und Formationen aus gängigen, bunten Plastikutensilien zusammengesetzt sind: von der Wasserflasche über Badeentchen bis zu Flip-Flops. Und in das Staunen über die überzeichnete Meeres-Wunderwelt mischt sich satirisch Bitteres.

Einen ebensolchen Erkenntniseffekt will Andreas Greiner auslösen: „Als Optimist, der aus dem Impuls heraus arbeitet“, wie er im Bergson erzählt. Neben den verschiedensten Techniken und Arbeiten fällt ein Grundmotiv auf: Ein Hähnchen - ein spezielles Masttier, das der Mensch so gezüchtet hat, dass es in 30 Tagen zur Schlachtreife heranwächst. „Auf einem normalen Bauernhof wäre das Tier nicht überlebensfähig “, wie Greiner festgestellt hat, als er ein eigentlich zum Schlachten bestimmtes Exemplar der Rasse „Heinrich“ einem Bauern zur Obhut übergab. „Kurze Zeit später kam die Todesnachricht am Telefon.“ Ein dinosauriervergrößertes Skelett dieser Hühnerrasse steht im Erdgeschoss - was Besucher zu vielen Selfies einlädt.

In Rotterdam statt im Bergson war am Eröffnungsabend der fünfte ausgestellte Künstler: Maximilian Prüfer. Neuronale Schwarz-Weiß-Bilder wie eine Röntgenaufnahme von einzelnen Nervenzell-Synapsen hängen im ersten Stock: „Forming Thoughts“ (13.000 Euro). Daneben hängen metallisch leuchtende Schmetterlinge auf schwarzem Grund - wie Trauerbilder für ausgestorbene, wunderschöne Falterarten.
So werden in der Bergson Gallery meist über ästhetische Schönheit Bedrohung und Vergänglichkeit transportiert, wenn auch manchmal erst auf den zweiten Blick. Aber wenn man Kunstwerke auch an Privatleute für ihre schicken Wohnungen verkaufen will, darf man nicht zu stark erschrecken. Und schon am ersten Abend merkte man: Das Bergson brummt.
Bergson Gallery, Aubing (S-Bahn Langwied), bis 26. April, Do und Fr: 14 - 19 Uhr, Sa und So: 11 - 19 Uhr, Eintritt frei