Maria Marc tritt aus dem Schatten des Malerstars Franz Marc

Manchmal fragt man sich, wie ihr Leben ohne Franz Marc verlaufen wäre. Das heißt, wenn sich diese Frau ganz auf ihre eigene Malerei konzentriert hätte. Maria Franck wollte ja nichts anderes. Deshalb ließ sie sich in den 1890er Jahren nicht nur an der Königlichen Kunstschule in Berlin zur Zeichenlehrerin ausbilden, sondern besuchte gleich noch eine private Damenakademie.
Anders ging es damals nicht. Bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg waren die staatlichen Kunstakademien den Männern vorbehalten. Damit hatten genauso Käthe Kollwitz oder Gabriele Münter zu kämpfen. Frauen mussten schon einen eisernen Willen haben, um an einen halbwegs fundierten Unterricht zu gelangen. Der war meistens teuer. Man brauchte die Unterstützung der Familie – sofern Geld dafür da war und ein solcher Weg für die Tochter überhaupt akzeptiert wurde.
Maria war bestens ausgebildet, Ernsthaftigkeit kann man ihr nicht absprechen
Auch Maria hatte ihre liebe Not, zumal der Wechsel nach München bei den Eltern keineswegs auf Zustimmung stieß. Aber sie wollte vorwärtskommen und schrieb sich 1903 an der Schule des Künstlerinnen-Vereins in die Damenklasse von Max Feldbauer ein. Außerdem nahm sie Stunden bei Angelo Jank und ihrer späteren "Rivalin" Marie Schnür. Im Sommer 1905 zog es Franck sogar nach Worpswede, wo sie sich bei Otto Modersohn in die Landschaftsmalerei vertiefte. Die Ernsthaftigkeit konnte man ihr jedenfalls nicht absprechen.

Noch in den Monaten davor war die knapp 30-Jährige im Fasching auf Franz Marc getroffen. Über ihn hat sie bald Anschluss an die Künstlerszene gefunden, und durch den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen tun sich auch neue Perspektiven auf. Doch mit der immer enger werdenden Verbindung gerät Maria in einen Strudel von Konflikten.
Sie muss sich Franz Marc mit anderen Frauen teilen
Sie ist nicht die einzige, für die sich Franz Marc interessiert. Es gibt ein verrücktes Foto von 1906, auf dem sitzen die beiden mit Marie Schnür auf einer Wiese in Kochel – alle drei splitterfasernackt. Und nur Maria scheint die Sache unangenehm zu sein, das deutet zumindest ihr gschamig gesenkter Kopf an.

Zeitweise ist Marc mit drei Frauen gleichzeitig liiert, in der Schwabinger Bohème gehört das zum guten Ton. Aber das sind die Konstellationen, mit denen sich Maria in den nächsten Jahren herumschlagen muss. Neben all den gesundheitlichen Malaisen wie ihrem starken Rheuma.
Maria Franck setzt auf Reduktion der Formen – und intensive Farben
Das hält sie dennoch nicht vom Arbeiten ab. Maria entwirft Plakate, setzt sich mit japanischen Farbholzschnitten auseinander, beginnt zu vereinfachen. Anders als in Worpswede ist das allerdings eine Reduktion der Formen, gepaart mit dem Griff zu einer intensiven Palette.

Mit ihrem Franz malt sie 1908 in Lenggries "wochenlang am selben Fleck". Draußen vor allem, die Natur inspiriert beide, doch Maria erschließt sich zugleich ein eigenes Gebiet, das ihre Kunst von den späteren Mitgliedern des "Blauen Reiters" und in der konkreten Umsetzung auch von Gabriele Münter unterscheidet: die Welt der Kinder.
Auf den Bildern muss immer noch etwas Schräges dazu
Francks wildbuntes "Karussell" erinnert an den Farbkosmos Robert Delaunays und wäre heute noch als Oktoberfest-Plakat denkbar. Die Fahne mit den weiß-blauen Rauten tut ein Übriges. Und die "Anbetung der Hirten" in dicken Pelzen und Stroh-Überwürfen, wie sie die Buttnmandl im Berchtesgadener Land tragen, könnte als Persiflage durchgehen.

Dieser Hang zum Skurrilen zieht sich durch das gesamte Schaffen Maria Francks, der nun endlich auch in Kochel eine eigene Ausstellung gewidmet ist. Man wundert sich, denn ohne ihren Nachlass – 1913 wurde dann doch geheiratet – wäre das Franz Marc Museum nie eröffnet worden. Im benachbarten Murnau war ihre Malerei bereits 2004 zu sehen, im Lenbachhaus sogar schon 1995.
Mit ihrem Werk geht die Künstlerin wenig fürsorglich um
Rund 30 Arbeiten sind zusammengekommen, viel Unbekanntes ist dabei, zumal ein Gutteil aus Privatbesitz stammt. Für das Werk von Franz Marc war Maria die ideale Verwalterin, mit ihren eigenen Bildern ging sie dagegen wenig fürsorglich um. Oft fehlt die Datierung, signiert sind sie auch nicht, von der dürftigen Aufbewahrung ganz zu schweigen.

Und nun staunt man über Dahlien (1913), die wie aus verschränkten Glasfenstern leuchten, über "Baumwurzeln" (1911) in mindestens gewagten Farbkompositionen und über die unvollendet gebliebenen "Blumen und Blätter", die in die Abstraktion drängen. Auch bei den Kindern und deren Spielzeug muss immer noch etwas Schräges dazu. Die "Hirten auf dem Weg zur Krippe" (1911) wirken wie angeschickert, und die "Kinder in Sindelsdorf" (1912) könnten sich über die Erwachsenen lustig machen. Zwei Mädchen hocken zwischen Blumen und genießen deren Duft, während daneben Schafe auf dürren Streichholzbeinen tanzen (1908). Den bizarren Einfällen Alfred Kubins steht diese Szene nicht nach.
Nur einmal stellt Maria Marc mit dem "Blauen Reiter" aus
So etwas ruft nach mehr. Doch nur einmal ist Maria Franck-Marc an einer Präsentation des "Blauen Reiters" beteiligt. Im Gegensatz zu Gabriele Münter hat sie es auch nicht in den Almanach geschafft. Da ist eine (zu) große Bescheidenheit. Sie probiert zwar "so allerhand. An Ausstellen und Mittun denke ich überhaupt nicht mehr", schreibt Maria in einem Brief an Elisabeth Macke. "Schließlich ist’s ja wurscht", heißt es weiter. Es geht nur mehr um ihren Mann, könnte man dazusetzen. Ihm hält Maria den Rücken frei, das Geld ist eh knapp, da gibt es gut zu tun. Und sie leidet zunehmend an einer Arthritis, das macht die Arbeit mit dem Pinsel kaum noch möglich.

Nach Marcs Tod kümmert sich Maria um sein Werk
Nachdem Franz Marc 1916 bei Verdun gefallen ist, organisiert Maria schon wenige Monate später eine Gedächtnisausstellung, und diese Sicherung und Verbreitung seines Œuvres wird ihr weiteres Leben bestimmen. Daran ändern auch die Wandteppiche nichts, die sie in den 1920er Jahren nach eigenen Vorlagen knüpft.
Erst 1952 sind diese Webarbeiten öffentlich ausgestellt – und nicht ohne Zufall in der Modernen Galerie von Otto Stangl, der seit 1945 den Nachlass Franz Marcs verwaltet. Es bleibt ohnehin nicht mehr viel Zeit, im Januar 1955 stirbt Maria Marc in Ried bei Kochel. Gut 70 Jahre nach ihrem Tod ist dieses Werk immer noch nicht wirklich erforscht. Die Ausstellung zum 150. Geburtstag unterstreicht nur, dass die Beschäftigung jetzt nicht abreißen sollte.
"Maria Franck-Marc" bis 27. September im Franz Marc Museum Kochel, Di bis So 10 bis 18 Uhr, im August auch montags